Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1844)
- Date
- 1844-11-12
- Page
- Seite 357 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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357 welche auch ins materielle Leben vielfach hemmend eingreifen, ihrem Ende nahe gebracht werden. De st e r r e ich. Ungarisch-Bro-, 29. Oktbr. Ihre ehrende Aufforderung, daß ich Ihnen von Zeit zu Zeit über die socialen, politischen und religiösen Zustände der mährischen Gemeinden berichten möge, veranlaßt mich Ihnen diesen und beiliegenden Artikel über den schönen Fortschritt der benachbarten Lundenburger Gemeinde zu über- : Hjcken. Eine interessante Mittheilung von Aktenstücken, j welche einen unzweideutigen Beweis von der Humanität I Wserer besonnenen Regierung und von der grenzenlosen \ Willkür der subalternen Beamten in dem Kurorte Lujj hatschowitz liefern, für meinen nächsten Bericht mir vocbehaltend, will ich Ihnen heute blos von der erfceu- 1 lichen Wirkung meines Letzten Artikels berichten. Die | Argcmisation einer Schule für unsere Jugend bildet jetzt |f(i|l das Tagesgespräch unserer Gemeinde. Alle sind von der Nothwendigkeit einer gänzlichen Umgestaltung unseres Zugendunterrichts überzeugt und entschlossen, denselben nach den Anforderungen unserer Zeit gestalten und leiten zu lassen. Möge die baldige Verwirklichung des guten Willens zeigen, daß unsere Gemeinde auch den Proceß*) der Bildung durchzumachen bereit sei. Moritz. Lundenburg, 29. Oktbr.. Die hiesige aus 66 Familien bestehende Gemeinde hat im Kultuswesen solche Fortschritte gemacht, daß sie der Oeffentlichkeit übergeben zu werden verdienen. Vielleicht werden auch andere zahlreichere mährische Gemeinden, die bis jetzt die bestehenden Formen des Gottesdienstes aus tadelnswerther Gewohnheit nicht umgestalten wollen, durch diese Veröffentlichung beschämt und zur Nachahmung angeeifert. Gehört ja dies zu den wohlthätigen Wirkungen des jüdischen Journalismus, daß die Verdienste Einzelner und der Fortschritt der Gesammtheit die gebührende Anerkennung, sowie die Schlaffheit und Lethargie der Gemeinden und Rabbinen ihr Verdammungsmtheil in letzter Instanz finden. Was Nikols bürg, die größte Gemeinde Mährens, jg tvas Boskowitz, die dritte der mährischen Gemeinden, E unterlassen, das hat unsere kleine Gemeinde ruhmvoll vollbracht: wir haben, durch die Bemühung und den f unermüdlichen Eifer unseres wackern Vorstehers, des I Herrn Markus Bittner, einen prachtvollen Tempel, I regelmäßige Choralgesänge und deutsche Vorträge. Der [ erhebende und begeisternde Vortrag des Vorsängers Groß, | das imposante Tempelgebäude, die Predigt aus dem Munde | unseres Rabbiners, alles diefts hat bereits so wohlthätig ß P Vergleiche die Schilderung der hiesigen Gemeinde in I -ttst's Annalen, Jahrg. 1841. . i? s I und fördernd auf das religiöse Leben unserer Gemeinde eingewirkt, daß ich nur einer heiligen Pflicht mich zu entledigen glaube, wenn ich in diesem berühmten Organe des Judenthums dem Herrn Bittner im Namen der hiesigen Gemeinde danke. Allerdings ist der hiesige Tempel ein Kind desjenigen zu Wien; denn der stete Verkehr,, in welchem die hiesigen jüdischen Kaufleute mit der österreichischen Residenzstadt stehen, hat wohl zunächst der neuen gottesdienstlichen Form bei den hiesigen Juden Eingang verschafft. So ist der Wiener Tempel den österreichischen Gemeinden das, was der Hamburger den Juden Deutschlands ist: Muster und Vorbild, Aufmunterung und Anspornung, Leuchte und Führer. — So wären denn unsere Kultusverhältnisse geordnet und geregelt; wie verhält es sich aber mit dem Jugendunterrichte? Der Jugendunterricht ist die Heranbildung einer künftigen Gemeinde, und dafür ist bis jetzt noch nicht auf eine genügende und befriedigende Weise Sorge getragen. Doch hoffen wir, daß es nun die nächste Aufgabe unseres energischen Vorstehers sein werde, eine jüdische Schule ins Leben zu rufen, worin unsere Jugend zu Israeliten , zu nützlichen Staatsbürgern, zu Menschen werde herangebildet werden. Moritz. Prag, 14. Oktbr. Schreiber des Artikels vom 5. Septbr. läßt einen hiesigen Professor sagen: „Du bist ein Jude, heißest Jakob oder Moses, verstehst kein Böhmisch, ergo elc. Daß dem eigentlich nicht so ist, daß das keineswegs die Worte des Professors sind, wird Jeder einsehen, der da weiß, daß sich der wahre Judenhaß (es verdient eine gründliche Untersuchung, ob es überhaupt einen solchen giebt) sich -in derben Worten kund giebt. Hätte auch der Professor dieses gesagt, so sollten wir es nicht so empfindlich aufnehmen, da bekanntlich schon der selige Peter Beer es durchaus nicht dulden wollte, wenn der junge Israelit, der früher Abraham, Moses oder Josua heißt, bei seinem Eintritte in eine öffentliche Schule sich in einen Adolf, Moritz oder Isidor verwandelte. Der Jude zeige, daß er sich weder seines Glaubens noch seines Namens schäme, und man wird ihm kems von beiden vorwerfen können. — Wenn der Prof, darauf sieht, daß der studirende Böhme, böhmisch könne, so ahndet er das Nichtkönnen der Landessprache nicht ausschließlich an Juden, was auch hier allgemein bekannt ist; und ich frage Jeden, der nur irgend einen Begriff von Vaterland hat, selbst, wie ihn nur ein österreichischer Jude haben kann, ob die Anforderung der Kenntniß der Landessprache bei Studirenden, die doch größtentheilsMediciner werden, ein solches himmelschreiendes Unrecht ist. — Der Einsender des fraglichen Artikels wirft mit dem Worte Humanität so oft um sich, und ich frage ihn: Ist das auch human gegen einen anerkannten wahrhaft gelehrten Mann, der ein öffentliches Amt bekleidet, eine solche verblümte Sprache zu führen? — Sich selbst