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Der Orient · 1844-11-12 · Heft 46 (12.11.1844) · p. Seite 356

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 46 (12.11.1844)
Date
1844-11-12
Page
Seite 356 (sequence 7)
Language
German
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356 severein, wo es gilt das Verständniß der Zeit zu geben, von Personalien. Hier einige trockene Fakta; wo die Tatsachen mit Energie sprechen, ist die Reflexion! überflüssig. Als die Wahl Frankel's zum Berliner Rabbinate in so manchen Neid erregte, sprach der Direktor Ln einem der Monatsberichte: Der Rococco-Geschrnack scheint jetzt in Berlin wie bei dem Möbel, so auch bei der Rabbinerwahl influirt zu haben. Als Dr. Hirschfeld ihm den Fehdehandschuh zuwarf und ihn in einer Nummer Ihres Blattes offen eines freiwilligen und bewußten Falsums beschuldigte, zog er es vor ,,entre nous“ im Leseverein die Persönlichkeit des Dr. Hirsch feld zu karrikiren, um durch Medisance in den Augen der Seinigen einer Verlegenheit überhoben zu sein, einem ebenbürtigen Gegner, der die Wahrheit auf seiner Seite hatte, entgegen zu treten. Und wollen keine Persönlichkeiten Vorhalten, so werden religiöse Riten nach Art aufgeklärter eumnn8 vo^a^eu> 8 dem Gelächter preisgegeben. Und diese beliebte Manier, nur Si-andalosa den Zuhörern aufzutischen, scheint wohl mit der Grund zu sein, daß der bessere Theil des Vereins sich von solchen Vorlesungen zurückzieht, und diese nur sehr spärlich besucht werden. Dieses Wenige dürste wohl genügen, die Wahrheit meiner Berichte aus eine glanzende Weise zu rechtfertigen. Da aber dieses Thema bereits ziemlich breit getreten ist, so werde ich mich nur notgedrungen entschließendem Wort hierüber ferner zu verlieren — sapienti et insipienti sat. Jetzt kann ich wohl an die Fortsetzung meiner Korespondenzen über die hiesigen jüdischen Zustände gehn, wozu mich besonders eine moralische Nöthigung treibt, hierdurch meine frühern Berichte theilweise zu berichtigen. Das Neuste, was die Aufmerksamkeit des Tagesgesprächs auf sich ziehet, ist die faktisch vorgenommene Veränderung im Kultus. Dem Kultusverein haben sich über 300 Mitglieder angeschloffen, Einige aus Neigung zu Reformen, andere aus Mangel an anderweitigen Textplätzen. Der reformirten Liturgie, welche vom 1. Oktbr. begonnen , ist vorläufig der Meklenburgische Sidur zu Grunde gelegt, und sie theilt dir Vorzüge und Mängel ihres Musters. Am Unangenehmsten empfindet man das durch Synagogenbüttel überwachte Schweigsystem beim Gebete, das nicht weniger Zerrüttung in den Gemüthern als bas pensylvanische Schweigsystem bei Verbrechern in den Köpfen anzurichten drohte. Wer die magischen ergreifende Macht kennt, die das lebendige, seelenvoll ausgehauchte Wort auf den Betenden und Zuhörer ausübt, wer sich je einmal in einer portugiesischen Synagoge von dem Unisono sämmtlicher Betenden hat gehoben gefühlt, begreift, wie mit diesem ein warmer Strom beseligender Andacht ins Herz einquillt, der wird mit mir bedauern, daß das Extrem der geräuschvollen Unordnung beim Gebete nur von dem andern Extrem des vereinsamenden, erstarrenden Schweigensund der bloßen Passivität beim Gebete verdrängt werden soll, daß nicht hierin die rechte Mitte, die ästhetische Linie angestrebt wird. — Aber weder das Verdienstliche, noch Mangelhafte dieser Kultusresorm darf unserem Reformrabbiner zugeschrieben werden, und das ist eben das Frappante und merkwürdige an der Sache. Die von Idioten (im theologisch^ Sinne) ausgegangene Berathung der neuen Agende, gi^ eigentlich hinter seinem Rücken vor, und erst nach dem Beschlüsse legte das Konnte sie demselben vor, der sie anzunehmen statutenmäßig genöthigt war — dirina coinedia. — Noch hätte ich Ihnen eine Thatsache zu berich, ten, die ebenfalls dazu dienen soll, meine früheren Angaben um etwas zu modisiciren. Mein letzter Bericht hat nämlich aufgestellt, daß dem Reform - Rabbinate noch keine Ehescheidung und Chalizaceremonie zugewendet worden. Das erste hat noch bis jetzt seine Richtigkeit, das letztere aber bedarf der Einschränkung. Sie erlauben mir aber wohl etwas näher in das Detail hierbei einzugehen, weil es geeignet sein dürfte, das Verständniß der Stellung zu geben, welche das erwähnt; Rabbinat hier einnimmt. Nachdem die betreffenden Personen gewonnen waren, den Chalizaakt beim vermeindlich illegitimen Rabbinen vollziehen zu lassen, war man wegen der.dazu erforderlichen Affefforen in Verlegenheit. Denn die hiesigen Dajanim versagen noch immer faktisch demselben ihre Kollegialität, und selbst der vom Vorstand besoldete Dajan, an welchen die Ritualfragen ergehen, hat sich Vorbehalten, in keine Berührung mit demselben zu kommen. Da warf der Zufall zwei arm reisende Polen hieher, wtlche e natu schon Rabbinen sind. Diese wurden schnell zu legitimen Dajanim gestempelt und zur Chaliza-Funktion zugezogen, wofür sie aber auch bald, von dem übergroßen Eifer einiger Antireformisten auf cm unverzeihliche Weise verfolgt, die Stadt verlassen mufften. Der Akt der Chaliza selbst hatte eine fast dramatische Situation. Denken Sie sich z. B. einen ultraneologen, antitalmudischen Rabbinen im geweihten Talar und weißen Bäffchen, wie erden bloßen Fuß .des Chaluz mit mikroskopischer Genauigkeit besichtigt, ob auch kein Krümchen an demselben haftet. Vergegenwärtigen Sie sich recht lebhaft wie er den Speichel der Chaluza untersucht, ob nicht heterogenes darin enthalten ist. Diese Scene, die viel vom Komischen an sich hatte, stellte auf eine anschauliche Weise die subtile Distinktion zwischem dm Rabbinen und Literaten, welche eine systematische Heuchelei sanktionirt, in ihrer ganzen Absurdität dar. Dieses theatralische Spiel mit dem Religiösen hat jene entsittlichende Wirkung, daß der religiöse Ernst in den Gemüthern immer mehr erlischt und an seiner Stelle eine Frivolität wuchert, welche die Verachtung des Religiösen offen zur Schau trägt. Zum Schluffe will ich Ihnen nur noch von der wohlthätigen Macht des öffentlichen Wortes hier ein erfreuliches Beispiel anführen. Das Fränkel'sche Hospital, das durch Mrwahrlosung schon eine bedeutende Reparatur nöthig hat, wird endlich diese Tage nach dreijährigen Unterhandlungen dem Krankenverpflegungsverem übergeben und seiner Bestimmt gemäß verwendet werden. Möchten doch auch bald die übrigen Misstände, besonders die Zerwürfnisse der hiesigen Gemeinde,

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