Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1844)
- Date
- 1844-11-12
- Page
- Seite 355 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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355 Stettin, 29. Dktbr. (Der Wahrheit die Ehre!) M fühlen uns veranlaßt, die in diesem Blatte, Nr. 42 aufgenommene Mittheilung aus M. Friedland, öffentlich hier als eine ungerechte Beschuldigung gegen den hiesigen Rabbiner, zu erklären. — Die in genannter Mittheilung erwähnte Gesetzrolle, welche von uns, den Unterzeichneten gekauft, und an unfern Vater geschenkt wurde, ist weder hier geschrieben, noch von unsecm Rabbiner geprüft und eben deshalb von unserm Vater, einem Herrn Bart — nicht aber dem Rabbiner — in M. Friedland zur Prüfung überantwortet worden, bevor er diese Gesetzrolle der Synagoge in M. Friedland übergeben — nicht sch enken wollte. — Es stellt sich hiernach also heraus, daß die Tendenz jenes Berichtes und die Absicht des uns unbekannten Berichterstatters eine verkleinernde ist, die wohl verdient, öffentlicht gerügt zu werden. — Die Brüder L iss er. Breslau, 26. Oktbr. Ehe ich den 'Faden meiner Korrespondenzen wieder aufnehme, gestatten Sie mir wohl, geehrtester Herr, mit wenigen Worten meine Korrespondenten- Ehre zu retten und die bitterbösen Angriffe auf dieselbe Seitens zweier Komitemitglieder des wesenlosen Lehr- und Lesemeins in ihrer Nichtigkeit und Bodenlosigkeit auszudecken. Und wiewohl es dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein kann, daß jene Anklagen ihre Widerlegung mit sich führt», so durften sie doch von meiner Seite nicht mit Stillschweigen übergangen werden, weil sonst die halbofsicielle Erklärung einen Schein der Wahrheit aus die Angriffe werfen und mein Schweigen als ein chi tace professa genommen werden könnte. Ich habe zwar diesen Herren in meinem Berichte die Kompetenz zuerkannt, weil ich in Einfalt glaubte, daß auch die gewöhnliche hausbackene Ehrlichkeit vollkommen mismche, die Wahrheit mit Advokatenkenntnissen nicht zu verdrehen; zu spat sehe ich aber ein, daß, wo Befangenheit in Pcirteiinteressen die Obergewalt erlangt hat, etwas mehr zur Verkennung der Wahrheit gehört, daß dazu eine Charakterstärke gehört,. welche den Muth hat, unbillige Forderung mit einem imposcmnten, Nein zurückzuweisen, und sich nicht eine ,unwahre Erklärung abnöthigen zu lassen. Denn, zur Ehre dieser Herren muß ich anführen, daß ihre Klärung keine freiwillige gewesen und ffie werden mir es Danö^wissen, daß ich ihrer Wahrheitsliebe auf Kosten ihrer persönlichen Enerke Gerechtigkeit widerfahren lasse. — Gestehen ja die Herren fckbst ein, daß der L e h.r v e r e i n ~ gelinde ausgesprochen — w Stocken gerathen ist, d. h. daß er an einem Stockflnß gelitten, der ihm unerrettbar den Tod gebracht, und was brachte st'e den so sehr in Harnisch, da ich ja auch nur dasselbe berichtet babe? Um die geringe Differenz, ob dieses in Folge der scienl'vischen oder pädagogischen Schwäche einiger Lehrer geschahen, Sollen wir doch keine Lanze brechen. Für den erkalteten, wo nicht M gänzlich unterbliebenen Besuch des Le severe ins hat ja der zweite „Bericht über das (negative) Wirken des Vereins" selbst das Geständniß abgelegt. Die Hauptdifferenz bestünde also nur, ob die umfassende große Leihbibliothek einen integrirenden Theil des Lehr- und Lesevereins ausmacht, und von vorne herein bestimmt war, oder nur ex eventu entstanden und später dazu geschlagen worden ist. Das Letztere zu beweisen, fällt einem gar nicht schwer, und die Statuten dieses Vereins müssen mir eine reiche Prämisse dazu liefern. Der erste ParaGraph des Bibliothek-Reglements lautet „Mit dem Lehr- und Leseverein ist auch eine Bibliothek verbunden k." Dieses „ Auch" beweist entweder, daß die Bibliothek nur einen Appendix zum eigentlichen Vereine bildet, oder daß die Sister desselben, den Direktor mit eingeschlossen, über die Tendenz selbst unklar waren. Vielleicht bin ich im Stande die Herren über die Entftehungsweise der Bibliothek aufzuklärem . Ursprünglich sollten nur die neuesten Erscheinungen der . jüdischen Literatur angeschafft, und etwa die bedeutsamen Schriften aus der nächsten Vergangenheit nachgeholt werden. Wie wenig dazu gehört, zumal wenn bei der Wahl derselben mit einer gewissen Parteilichkeit verfahren wird, bei klassischen Werken, wie Ihrem Lehrgebäude des aramäschen Sprachidioms und Frankens Vorstudien zur Septuaginta die Aufnahme versagt ist, weil der Direktor einige Antipathie gegen dieselben zu haben scheint, wie wenig zu einer so beschränkten Sammlung gehört, beweisen die kleinen Gemeinden, welche ohne Ostentation und Geräusch, ohne Zweckessen und Toaste dieselben Schriften zu ihrer Belehrung und Unterhaltung beschaffen» Zufällige Schenkungen an voluminösen Folianten aus der Gelehrten - Literatur, besonders das Herrsche Legat, brachten erst das Konnte auf die Idee, der Bibliothek eine größere Ausdehnung zu geben. Weil aber mittlerweile die Tendenzen des Vereins ihre Zugkraft verloren haben, wird durch ein gewandtes Manöver die Bibliothek in den Mittelpunkt gestellt und mit Selbstgefälligkeit als auf ein mit Bewußtsein und Aufopferung erzieltes Werk hingewiesen. — Fern war es auch von mir, den Untergang des Vereins irgend einem zur Last zu legen, nur wollte ich die unbegreiflichen Prahlereien mit bettelhasten Leistungen, die Illusionen, die man einem auswärtigen Publikum machte, die sammtlich auf ein ergo decipiatur abgesehen waren, gerügt wissen. — Da die Herren sich auch auf die vom Direktor im mehrerwähnten Verein gehaltenen Vorträge berufen, um theils die Zweckmäßigkeit desselben zu beweisen, theils aber auch um ihren Abgott mit einem Glorienschein zu umgeben; so dürste es wohl an der Zeit sein, dieselben mit wenigen Zügen hier zu charakterisiren. Börne hat einmal in den wilden Springen seines Humors den ehrlichen deutschen Gelehrten angerathen, sich aufs Windmachen zu legen und in ihren Vorlesungen immer hors du sujet zu sprechen. Diese leichte Methode scheint sich der Direktor in sei-' nen Vorträgen zu eigen gemacht zu haben. Er spricht im H a n d l n n g s d i e n e r i nst i t u t von R e l i g i o n s p h i l o s ophie, auf der Kanzel von Tagesereignissen, im Le- 46*