Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1844)
- Date
- 1844-11-05
- Page
- Seite 351 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360310-2360356--4699-3530770- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
| 23et solche»' Bewandtnissen ist es wohl ganz natürlich/ {daß die Frequenz der Realschule äußerste gering, und daß die | Vortheile, die der Iudenschaft im Allgemeinen'und selbst dem Besuchenden daraus erwachsen, von so wenigem Belange sind, f daß die Aufhebung dieser Anstalt und die Errichtungeiner | M'ch-deutschen Hauptschule wie die Larnopoler höchst wün- ' ichenswerth wäre, um so mehr, da mit denselben Kosten nicht l Mur in Brody, sondern auch in den andern Städten dieses P Kmses, selbst ohne daß die respektiven Gemeinden beisteuere teu, jüdische Normalschulen errichtet werden können. Dabei muß noch m Anschlag gebracht werden, daß selbst bei den wenigen Besuchern der ursprügliche Zweck, eine erweiterte Lorbild u ng zum Handel, schon seit lange nicht macht wird. Die meisten diese Schule verlassenden Individuen haben sich dem Studium der Chirurgie gewidmet und also von dieser Anstalt keinen andern Nutzen gezogen, als sich m jeder gewöhnlichen Normalschule ziehen läßt. Solche Nocmalschuleu aber, ich komme immer wieder darauf zurück, thnn der galizischen Judenschaft unendlich noth. Wer von der jüdischen Jugend hernach noch den Willen und die Lust in sich fühlt, eine Handels- oder Gewerbsschule zu besuchen, dm bietet Lemberg die vorzüglichsten Anstalten dar, deren I Besuch ihm durch die Gesetze des Staates so gut wie den häßlichen Uruerthanen freistehi. | - Sporentmb Rußland. I Warschau, 6. Oktbr. Mit wahrem Widerstreben |f unternehme ich es, Ihnen einen kleinen Bericht über unsere verwüstende Censur der hebräischen Schriften zu- > ßlsenden; die Mutlosigkeit, welche selbst den sonst Mu- | Wn beherrscht, und die geheimpolizeilichen Argusaugen, ' ^lche jede Mittheilung nach Außen lauernd bewachen, | werden Ihnen mein Widerstreben hinlänglich erklären. Wenn die Censur immer auf die polnischen Schriften ver- I dichtend einwirkt, wenn sie da nicht blos censi'rt, sondern l )kde nationale Spur, jede selbstständige Regung unmög- Uch macht, so ist dieses in Betracht des Verhältnisses ^6 Siegers zum Besiegten noch zu entschuldigen; aber lvir Israeliten sind nicht besiegt worden; bei unsern reli- I Dsen Schriften kann an eine revolutionäre Regung nicht Z^acht werden, und das harte Verfahren der Censur ist | uns unerklärlich. Die Juden haben durch ihre Schrif- | ien dem Staate nie geschadet, sie haben keine Revolul (,onen verursacht und nie den Ungehorsam gelehrt, und doch dieses systematische Verfolgen der hebräischen Erz Luisse der Presse, die schwere Hand der Censur! Und | wtacß Zensur blos hart und streng, so würde ich es f uicht erwähnen; aber sie ist schikanicend, beleidigend, ge- | Nfe und deshalb verdient sie der öffentlichen Verach- I ^^9 Preis gegeben zu sein. Das in Wilna gedruckte, | unter mehr als strenger Censur, ist der hiesigen k 8U mild; und mehr als die Hälfte, das dort I ecMnt, dürfen wir hier nicht besitzen, oder wenn wir die Bücher fteibekömmen, so tragen sie so viele Spuren der trauernden' Farbe, daß wir recht gern' sie liebet ganz aufgeben. Die Wilnaer Talmudausgabe jv B. wird von der Censur nicht ausgeliefert und, um nur einBeifptelder sonderbaren Gehässigkeit zu erwähnen, so hat der hiesige Censor in der neuesten Pesach-Hagada den Satz m nna jon pn nhj in verwandelt in yan in jypyDNp; ' N3NV Um aber diese Chikane zu begreifen, muß ich die Persönlichkeiten, die hier dabei thätig sind, genau beschreiben, woraus man zugleich sehen wird, wie die Befehle des Kaisers ausgeführt werden. Nach dem Censuredikte darf in keinem hebräischen Buche etwas gegen den Staat und gegen die griechisch-katholische Religion Vorkommen, ein Gesetz, wie es in Oesterreich und in andern Staaten ebenfalls gilt, ohne daß die Israeliten sich darüber zu beklagen haben, und doch ist die Ausführung dieses einfachen Gesetzes mit so vieler Bosheit, Gemeinheit, mit so vielen Quälereien verknüpft, daß es fast unbegreiflich wäre, wüßte man nicht, daß man in Rußland ganz von den Unterbeamten abhängt. Dieser Unterbeamte ist Herr Aersker, der seit einigen Jahren bei der hebräischen Censur die Stelle des seeligen Abraham Stern eingenommen und dessen Auffassung der kaiserlichen Vorschriften wir mit Entrüstung gedenken müssen, in der Hoffnung, daß der gelehrte Herr General Muchanow, Kurator in Warschau, der durch seine Unparteilichkeit, Güte und Thätigkeit für das Aufstreben der Literatur bekannt ist, der Willkür seines Untergebenen Aersker, welcher dem kaiserlichen-Gesetz vielleicht höhnt und spottet, ein Ende machen wird. Hr. Aersker, jetziger Censor der hebräischen Schriften, ist aus einer niedrigen polnischen Judenfamilie, der deshalb Christ geworden, weil der Rabbiner ihm, einem Kohen, die Verbindung mit einer Geschiedenen nach dem Gesetze untersagt. Er schwor dem alten Rabbiner, sich an die rabbinischen Schriften zu rachen und er hält nun Wort. Nachdem er eine- Zeitlang als gesetzlicher Spion, Geheimpolizei, Angeber gedient, erlangte ec endlich das Amt eines Censors, eine merkwürdige Belehnung für mißkreditirte Dienste, die wir um so weniger begreifen, als wir genau wissen,! daß der Oberkurator, Herr General von Okianow, - alle diese Winkelgange haßt und dem schleichenden Wesen dieses Hcn. Aersker nicht hold ist. Hr. Tugend hold, ein Hase mit acht Füssen, wurde von diesem Angeber gar sehr bald in Furcht gehalten, und da Herr General Muchanow durch sein vielfach verzweigtes Amt zu sehr in Anspruch genommen ist, so waltet Hr. Aersker ganz unumschränkt, wie ein wahrhafter Tyrannus, indem er auch zu seinen früher» ihm nun verhaßten Glaubensgenossen sagt, daß er ihre Literatur aus Polen ganz verbannen will. — Möge Herr General Okianow, dessen Humanität auch im Auslande gerühmt wird, möge Hr. General Muchanow, der Strenge mit Ungerechtigkeit zu vertauschen nicht zugeben kann, mögen diese beiden