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Der Orient · 1844-11-05 · Heft 45 (5.11.1844) · p. Seite 349

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 45 (5.11.1844)
Date
1844-11-05
Page
Seite 349 (sequence 9)
Language
German
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349 ür.das Bcrussgeschä'st (des im Allgemeinen so vorragenden Materialismus der Gesinnung nicht zu gedenken) ein bedeutendes Uebergewicht über die Gemüthsbildung erlangt. Die gelockerten Familienbande hat man nicht blos bei den schlesischen Webern, wie der Vers, meint, zu beklagen; es geht dies ous der jel-t mehr universellen Richtung -es Einzelnen hervor und hat dann allerdings im Volke jene Uebel der Vereinzelung zur Folge, welchen in höhern Kreisen, in Vereinen für Bildungszwecke auf mannigfache Weise begegnet wird. Mit emem Worte: Es fehlt dem Volke gegen sittliche Entartung der S ch u tz der Bildung. Soll das Volk nicht, wie dies leider in den letzten Tagen nicht selten vorgekommen, bei jedem Anlaß die ursprüngliche Rohheit und Wildheit herauskehren, und zugleich die Ausartung der menschlichen Natur ■ unter dem Einflüsse einer verabscheuungswerthen Frivolität i beurkunden, so müssen ihm die Wohlthaten der Bildung in j ähnlicher und seinem Kreise angemessener Weise, wie es unter j den höhern Ständen geschieht, zugewendet werden; es muß j eine eigentliche Volksbildung den Faden da aufnehmen, | wo ihn die Schulbildung fallen läßt. Da es hierbei vorzugsweise auf Gemüthsbildung abgesehen sein muß, so darf hier die gegewärtig leider noch nicht Verflüssige Bemerkung nicht unterdrückt werden, daß in jeder E Weise und wo immer es gegeben ist, Liebe im Volke ge- | nährt werden müsse, und daß jede Förderung der Lieblosigkeit, f jede Aufregung zur feindseligen Gesinnung und That gegen I irgend einen Stand, gegen irgend eine Religionsgenossenschaft, § in jedem besonder» Falle, als ein Angriff auf die Volks- | wohlfahrt im ausgedehntesten Sinne und von unberechen- § baren Folgen, anzusehen ist. Was eine freche etwa noch dazu | von „gebildetem" Pöbel aufgeregte Rotte heute gegen Juden | beginnt, setzt sie morgen bei dem geringsten Anlasse gegen | Christen fort, und was heute die Vorspiegelung eines religiö- § fen Interesses in Geftcke und anderwärts leister, biefetben | Dienste Ihm morgen, ohne daß man dann noch besonders § wählerisch wäre, ein Wieraufschlag in München oder die bitk tere Enttäuschung über einen vergeblich erwarteten Zapfenf streich in Breslau. Jedes Zaudern und Weigern der Volksf menge, auf obrigkeitlichen Befehl auseinander zu gehen, ist k -eine Aufkündigung des Gehorsams, ist eine Auflehnung gegen die Staatsgewalt, ist eine Uebung im Ungehorsam und ungesetzlichen Widerstand, die Veranlassung dazu mögen angegriffene Juden oder Christen sein. Ob der Steinwurf eines Ruchlosen den Soldaten, der hier im Namen der Staatsgewalt zu schützen und zu vertheidigen hat, zunächst wegen Juden oder Christen trifft/ ist der moralischen wie der physischen Wirkung nach ganz dasselbe, und diejenigen, welche in ^ezug auf eine Religionsgenossenschaft durch gehässige Aeußeuungen und Lhaten jedweder Art, wo immer und wie immer, lu socialen oder bürgerlichen Verhältnissen, in der Schule, ^er in der Gesellschaft und in der Rachsversammlung, im einfachen Volksblatte, oder im umfangreichen Werke, der Lieblosigkeit-und Feindseligkeit Nahrung giebt, der mag zusehen, wie er dies — nicht mit seinem Gewissen, mit seiner „Humanität", mit seiner christlichen Liebe, mit seiner Gluth für das Ideale im Leben rc. re. — nein, wie er es mit seinem Patriotismus, mit seiner Bürgerpflicht und Bürgerehre in Einklang zu bringen vermag. Ein Aufsatz in der Königsb. Allg. Zeitung Nr. 151. Beil. „Die Unruhen in den Kattunfabriken zu Prag" schließt mit folgenden Worten: „In allen jenen unglückseligen Verirrungen der Menge spiegelt sich das Mangel- und Lückenhafte der gegenwärtigen Volksbildung ab. Aber nicht Schulunterricht, nicht Schulbilvung ist es welche fehlt, sondern diejenige Bildung des öffentlichen Geistes und der öffentlichen - Meinung, welche jeder Rohheit der Gesinnung und der That das Schandmal der Verwerfung und Ausstoßung aufdrückt, welche alle Klaffen der Bevölkerung ohne Unterschied des Standes und des Glaubensbekenntnisses mit dem Einen gemeinsamen Bande, mit dem Bande der Liebe und echten Menschlichkeit umschlingt, mit Einem Gefühl erfüllt und durchdringt: mit dem Stolz der Gesitt u n g". Die so eben eigegangene Kunde von den Ereignissen der letzten Tage (8—10. Juli) in Prag mag hier noch folgende Bemerkung rechtfertigen. Wie den socialen Zuständen, wie den Bildungsmomenten, so fällt es auch der Gesetzgebung zu, die Liebe und echte Menschlichkeit im Volke zu nähren, es so zu sagen zur Liebe zu erziehen. Die strafbaren Vorgänge in Prag, verbunden mit dem Widerstand gegen die schützende Staatsgewalt, sind ziemlich rasch von der Zerstörung der Perrotinen, und von, dem ruchlosen Muthwillen gegen die Juden, zur — Jnsulrirung der kaiserlichen Embleme (wie die Zeitungen melden) fortgeschritten, ein Ereigniß, das von der ernstesten Bedeutung ist, sprechender vielleicht und bezeichnender als alles, was in der letzten Zeit in Schriften Oesterreich betreffend, über die Notywendigkeit einer durchgreifenden Reform der dortigen Zustände vorgebracht worden. Soll das Gesetz nicht blos äußere Berücksichtigung, sondern auch innere Achtung sich sichern können, so muß es vor Allem jeden Schein der Willkür und einer jeden Vertretung des Rechtes des Stärkern von sich fern halten. Die Ausschließung der Juden von dem Genuß der bürgerlichen Rechte, namentlich wie sie dermalen noch in Oesterreich stattsindet, ist jedenfalls nicht davon sreizusprechen, daß sie jenen Schein gar sehr begünstige. Die Gesetzgebung würde heute, selbst der untersten Klasse der Bevölkerung gegenüber, in mehrfache Verlegenheit gerathen, wenn sie die aus früherer Zeit noch jetzt bestehenden Ausschließungsgesetze, besonders was Wohnung, Grundbesitz, Erwerbszwei^e betrifft, zu motiviren hätte. Es würde dieses kaum geschehen können, ohne daß damit zugleich Religionshaß, der Feindseligkeit gegen Andersglaubende und vor Allem jenem Recht des Stärkern offen das Wort geredet würde. Ueberall wo in solchen Verhältnissen Juden unter der christlichen Bevölkerung leben, repräsentiren sie für diese eine Anomalie des Gesetzes, eine Abweichung der natürlichen gesetzlichen Gleichheit und des

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