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Der Orient · 1844-10-22 · Heft 43 (22.10.1844) · p. Seite 335

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 43 (22.10.1844)
Date
1844-10-22
Page
Seite 335 (sequence 13)
Language
German
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Kein Menschenfreund kann darüber m Zweifel'sein, daß Pie europäische Tracht für die Juden Polens und Ruß- ^lcrnds ein großes unschätzbares Glück wäre; die jüdischpolnische Tracht ist nur leider zu oft die Veranlassung plles Hnsses, aller Verachtung gegen die polnischen Be- | kenner des Judenthums. In diesen düstern schwarzen ^Gewändern liegt der größte Fluch, das tragische Unglück ß dec slawischen Judenheitz nur in dieser Hülle wird er E verhöhnt und verspottet, in dieser wird er vom Staate pachtet und von seinen Dienern mishandelt, und die ß erste Idee der Humanität, die slawischen Juden zu erblosen, kann nach unserer Ueberzeugung nur von der IEuropaisirung ihrer Kleidung begrünen. Aber zu unserer Schande muß ich sagen, daß unsre Juden Krakau s str diese Erlösung noch nicht reif waren; die düstern Kleider der Schmach sind im Laufe der letzten Jahrhunderte den tiefgesunkenen hebräischen Parias so lieb geworden, wie den Sklaven ihre Kerker und Ketten, und ~ der erbliche religiöse Sinn wußte sogar sie zu einer heiligen jüdischen zu stempeln. So lange die Juden aber in diesen unglückseligen Zauberkreis gebannt sind, müssen sie natürlich jeden Eingriff von Seiten der Gesetzgebung als ein Sakrilegium betrachten; und so war es auch in der That. Das Gesetz, welches durch seine Bedingungen die Aenderung der Tracht bezweckte, brachte bei dem größten Theile unserer Gemeinde Trauer, Fasten und Klage hervor; die große jüdische Masse hier, die in ihrer abgesperrren Kasimirstadt noch in dem grauenhaftesten Fanatismus begraben liegt, sah darin ein Gesetz zur Erzwingung der Taufe, und der allgemeine Schrecken prägte sich in den bleichen Gesichtern aus. Die kurze Frist, die das Gesetz noch für die alte Ordnung gab, traf zufällig noch mit den drei Wochen vor den 9. Ab zusammen, in welchen keine Trauung vorgenommen werden durfte, was die Bestürzung, da die schnellen Verheirathungen nicht möglich waren, noch vermehrte. Jedoch suchten sie sich zu helfen, wie es anging; kaum war der 9. Ab vorüber, da wurden gegen 30 Hochzeiten gefeiert, um dem Gesetze zu entgehen; die andern suchen auf irgend eine Weise das Gesetz zu umgehen. Die 3ahl der Aufgeklärteren in unserer Gemeinde ist verhältnißmaßig sehr gering, und selbst diese geringe Zahl ist in vieler Beziehung sehr indifferent. Die eingerichtete Vorschule ist noch ohne Prediger und selbst die Aus- Leibung nach einem solchen ist nicht einmal versucht [ ^cden. Möge es recht bald geschehen, daß beide Richl tluW sich gegenseitig durchdringen, daß die Orthodoxen J ihren Fanatismus und die Aufgeklärten ihren Jndiffec, renrismus ablegen, denn nur dann wird Segen in £ kie große Gemeinde kommen. Was unsere politische? Wellung anlangt, so fühlen wir freilich den Druck nicht, [ sonst auf unfern Brüdern in Polen und Rußland l f® schwer lastet; der Schutz Oesterreichs und Preußens i ® *ene Barbarei, wie sie in den ehemaligen Gauen des Polenreichs waltet, nicht aufkommen, aber der ganze Zusammenhang mit Polen wird für uns schwinden, so' die Eisenbahn von Breslau hierher fertig sein wird. Schon jetzt fühlen wir uns der Stadt Breslau näher gerückt als Warschau; vorzüglich da das polnische Element vor seinem eigenen Untergange unsere Herzen nicht erobert. Polen und Rußland. Warschau, 28. Sptbr. Unser deutsch-israelitischer Tempel, dessen Ausbau seit 2 Jahren eifrig betrieben wurde, ist nun endlich vollendet und mit großer Pracht und Eleganz ist die Einweihung im vorigen Monate vollzogen worden. Unser Prediger, Dr. Goldschmidt, aus Kcotoschin im Posen'schen gebürtig und ein Schüler des Redakteurs dieses Blattes, hat seit fünf Jahren auf die Begründung einer besondern deutschen Gemeinde, welche als Pflanzschule in dieser großen 'Judengemeinde segensreich wirken sollte, hingearbeitet, und 4 seiner Ausdauer, Friedensliebe und Beredsamkeit ist es zu verdanken, wenn endlich das Werk gelungen. Früher waren die sogenannten Aufgeklärten, die blos durch eine zügellose Abstreifung des gesetzlichen Bandes sich auszeichneten, blos Splitter der Gemeinde, ohne inneres Band; jetzt aber sind sie, Gott sei Dank, zu einer Gemeinschaftlichkeit verbunden,4md der Einfluß auf die übrige Gemeinde ist unberecE^r. Der prachtvolle neue Tempel, die regelmäßige deutsche Predigt, der Chor-Gesang u. s. w. haben zum Thei! den Jndifferentismus verscheucht, und was das reformirte religiöse Element nicht gethan, das hat schon die bloße Verbindung zu einer Gemeinde gethan. Unser Tempel kostet über 200,000 polnische Gulden, die jährliche Erhaltung desselben fast 30,000 polnische Gulden und das Alles beschaffen doch die kaum 500 Mitglieder zählende deutschisraelitische Gemeinde. Das Einzige, was wir innerhalb dieser Gemeinde vermissen, ist eine gute Realschule, da die Rabbinerschule in mancher Beziehung den Zweck verfehlt. Freilich hat Hr. Dr. G. ein Pensionat und fehlt es auch in der Gemeinde nicht an sehr guten Privatlehrern, aber nimmer kann die Schule ergänzt werden. — Je erfreulicher unsere religiösen Interessen sich gestalten, um so düsterer werden täglich unsere politischen Aussichten. Die Regierung scheint fast entschlossen zu sein, die Israeliten aus ihrer schmählichen Stellung zu reißen, aber sie ist in der Wahl der Mittet noch unentschlossen und sucht und experimentirt umher, und das gewaltsame Zugreifen.nach diesem oder jenem zeugt eben von ihrer Rathlosi'gkeit. Erst kam der Plan der Schulen, der aber durch L. bei der Unselbstständigkeit des Ministers so verwickelt wurde, daß an die Ausführung nicht zu denken ist; dann kam der Ukas über die Grenzjuden, der aber trotz seiner furchtbaren Strenge nichts ausrich-

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