Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1844)
- Date
- 1844-10-22
- Page
- Seite 334 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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334 hätten sie blos die Juden daraus losge.laffen, und alles Unglück wäre von selbst hereingebrochen. Aber nicht allein der Welthistorie, auch der Naturgeschichte sind sie in letzter Zeit obgelegen, und sogar der Poesie. Vielleicht haben sie ihre Studien unter dem humanen Professor S. gemacht. Ja! auch poetisch werden sie oft in ihrer Petition, und in dem dichterischen Fluge ihrer Begeisterung stellen sich ihrer Phantasie die künstlichsten Gleichnisse dar. Die Juden erscheinen in dieser Supplik nach einander ünter dem Bilde einer Spinne, eines Igels, eines Chamäleons, eines Vampyrs, einer Klapperschlange und einer Boa . constrictor diesen Letztem könnte man füglicher die Bittsteller vergleichen, da jenes Thier seinen Raub bekanntlich erst mit seinem gallertartigen Geifer überzieht, um es zu erwürgen). So haben diese guten Leute die ganze Zoologie ausgebeutet, um der Regierung einen rechten Schreck einzujagen vor jenen vielgestaltigen Ungeheuern, denen dieselbe, keine Gefahr ahnend, unter dem Namen Juden in ihren Staaten den Aufenthalt gestattet. ' Daß gegen uns oft die entgegengesetztesten, sich widersprechendsten Anklagen sich vernehmen lassen, ist nichts Auffallendes mehr. Ergötzlich aber, ist es, daß die Lösung eines solchen hier befindlichen Widerspruches sonderbar genug in dem verschiedenen — Geschlechte der Ankläger zu suchen ist. Während die Christen, nähmlich in der in Rede stehenden Bittschrift, uns den Vorwurf machen, mäßig, frugal, karg und ärmlich zu leben, mit schmaler Kost, fast mit spartanischer Suppe, uns zu begnügen, alle unsere Bedürfnisse möglichst zu beschränken, uns alle feinern Genüsse des Lebens, alle Annehmlichkeiten dieser Erde zu versagen, jeden Komfort und jede Gemächlichkeit zu verschmähen, dadurch aber alles Geld einzuscharren, und nichts in Umlauf zu setzen, und wie sie es in ihrer Dichtersprache ausdrücken, wie ein Blutegel stromweise einzusaugen und nur tropfenweise von sich zu geben; während dessen zeihen uns die Christinnen gerade des entgegengesetzten Verbrechens, des Luxus, der Putz - und Modesucht, der übertriebenen Eleganz, der prunksüchtigen Ostentation, des Glänzenwollens und Hervorthuns, und jammern darüber, daß die Jüdinnen, nur die kostbarsten Shawls,.die schönsten Gewänder trügen, die herrlichsten Quartiere bewohnten, die köstlichsten Möbel, die elegantesten Wagen, die herrlichsten Pferde besäßen. Dies hatte die sogenannte vox populi allgemein als den Grund der gegenwärtigen Missrimmung gegen die Juden angegeben. Sollte in der Klemme zwischen diesen sich kreuzenden Beschuldigungen, und bei der baaren Unmöglichkeit, beiden Parteien recht zu thun (denn eben das just« - milieu wird von allen^Seiten angefeindet) sollte nun der Zweifel entstehen, welcher Lebensweise wir, um wenigstens einer Partei zu genügen, uns fortan ergeben sollen, so würde ich schon aus Galanterie für die Mäßigkeit rathen. Die Dreistigkeit, darauf zu pochen, was sie, die Bürger nämlich, für mildthätige Zwecke, so wie für Kunst und Wissenschaft gethan, um'welche nach ihrer Angabe die Juden me sich gekümmert, muß jeden, den hiesigen Verhältnissen nicht ganz Fremden, ein ironisches Lächeln abnöthigen. Denn das gerade Gegentheil ist so allgemein bekannt, die Bereitwilligkeit, mit der die Juden hier zu jedem wohlthätigen, so wie zu jedem humanen und geistigen Unternehmen immer die ersten und reichsten Beiträge liefern, so stadtkundig, und.so oft von den Behörden anerkannt worden, als es notorisch ist, daß die reichsten Bürger hier gerade bei solchen Gelegenheiten erbärmlich knickern. Was die Gaben der Mildthätigkeit anbelangt, auf die Zeitungen verweisend, aus denen wir jüngst erst ein eklatantes Beispiel mitgetheilt, müssen wir noch, was artistische und ftientifische Anstalten betrifft, jeden Unbefangenen, mit der Sachlage vertrauten fragen, ob nicht die Juden mehr au einen Verhältnißmäßigen, wo nicht gar den überwiegendsten Antheil daran nehmen? Unsere Koncerte und unser Schauspiel, unsere Bibliotheken und unsere Vorlesungen sind voll von jüdischen Zuhörern und Besuchern. Seit 3 Jahren ist eine Civilschwimmschule errichtet, sie verdankt ihr Aufblühen den jüdischen Schülern. Das einzige hier existirende Cafe litcraire, welches in dem Wahne, das hiesige Publikum habe noch höhere Bedürfnisse als den Gaumenkitzel zu befriedigen, eine reiche Journalliteratur ihren Gästen zu Gebote stellte, geht, von christlichen Besuchern ganz verwaist, immer.mehr seinem Verfalle entgegen und es ist blos die Frequenz einiger Israeliten, wodurch es sich noch erhält. Noch einiger Seitenhiebe will ich gedenken, welche die Herren Denuntianten mit längst stumpf und unbrauchbar gewordenen Klingen uns versetzen, die sie aus Antiquitäts- Zeughäusern geholt. Den heutigen Juden Mangel an Reinlichkeit vorwersen, kann blos der, welcher mit Eulenaugen ausgestattet, beim hellsten Sonnenlicht der Sehkraft beraubt, nur in die Finsterniß der Vergangenheit blickt. Solchen Beschuldigungen gegenüber, wollen wir nur an den bekannten Refrain erinnern : „War es auch einst historisch wahr, ist es heut zu Tag doch nicht mehr anwendbar". Mit der Bitte um Nachsicht für unsere harmlosen Bemerkungen, nehmen wir Abschied von unfern für alles Erhabene und Gute glühenden, für Humanität, Wahrheit und Recht begeisterten Bittstellern. Sollte auch ihr Streben Mi von dem ihm gebührenden Erfolge gekrönt werden, das innere Bewußtsein, für Gerechtigkeit und Menschenliebe in die Schranken getreten zu sein, ist ein Lohn, den ihnen Niemand rauben kann. 24. Freistaat Krakau. Krnkeru, 2. Okrbr. Schon langst hatte ich im Sinne, über den Erfolg und Fortgang des neuen Gesetzes, die partikularistische Judenkleidung betreffend, Ihrem Blatte Einiges, einzusenden z aber ich fand es für nothwendig, die erste Zeit'erst vorüberstreichen zu lassen, um die nach der ersten Überraschung fortdauernden Wirkungen um so gewissenhafter schildern zu können.