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Der Orient · 1844-10-08 · Heft 41 (8.10.1844) · p. Seite 318

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 41 (8.10.1844)
Date
1844-10-08
Page
Seite 318 (sequence 11)
Language
German
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318 verdient auch öffentlicher Erwähnung und ist der Liebe aller Edlen würdig. Die Verwaltung des Spitals ist einigen höchst achtbaren Gememdegliedern überlasten, die dieses Vertrauens in jeder Beziehung würdig sind. Von etwaigen Unterschleifungen oder Vernachlässigungen kann durchaus nicht die Rede sein, da am Schluffe des Jahres über Einnahme und Ausgabe Rechnung abgelegt werden muß, und schon die Charaktere und Vermögensumstände der Spitalväter für die gewissenhafteste Verwaltung Bürge leisten. Das Brodyer jüdische Krankenhaus übertrifft an Reinlichkeit, Ordnung und musterhafter Einrichtung bei weitem das christliche Spital dieser Stadt, obgleich die wenn auch nicht zahlreiche aber sehr wohlhabende christliche Gemeinde leicht für eine würdigere Anstalt Sorge tragen könnte. Der selige Nathansohn hat sogar für das christliche Krankenhaus'eine bedeutende Summe hinterlassen, obgleich man auch im jüdischen im Nothfalle christlichen Kranken die Aufnahme nicht verweigert. Es ist für 80 bis 90 Betten eingerichtet, und zählt im Durchschnitte über 1000 Kranke männlichen und weiblichen Geschlechts in der medizinischen und chirurgischen Abtheilung jährlich. Die Ausgaben beliefen sich im verflossenen Jahre auf mehr als 6000 Fl. C.-M. Es wird nichts gespart, was nicht allein zum Nutzen, sondern auch zur Bequemlichkeit der Kranken beiträgt. Die ärztliche Leitung ist dem Stadtphysikus Herrn. Dr. Goldschmidt, einem tüchtigen Arzte, anvertraut, dem nur ein etwas humaneres, sanfteres Betragen zu empfehlen wäre, eine Lugend, die jedem Arzte, besonders aber dem Spitalarzte, als heilige Pflicht erscheinen muß. Der Primarwundarzt Herr Neust ein, und der Sekundarzt Herr Heilperm, der zugleich km Spitale wohnt, erfüllen streng und gewissenhaft ihre Obliegenheiten und verdienen mit vollem Rechte das ihnen geschenkte Vertrauen. An der Spitze der geistlichen Macht steht der ehrenwerthe, hochwürdige Kreisrabbiner, Herr Michel K r i st i a n p o ll er, ein Mann des Rechtes und der Wahrheit. Seine edlen Lugenden, sein würdevolles Benehmen, ssein makelloser Ruf, seine tiefe , talmudischej Gelehrsamkeit machen ihnj zum Manne des Volks, seine Hellen Ansichten über die schwebenden Lebensfragen, sein scharfsinniger Blick in die Verhältnisse seiner Umgebung, seine frei ausgesprochene Toleranz aller Relitzionsfarben, die offene Anerkennung des Guten, wo es sich immer findet, machen ihm zum Manne der Zeit. Er wurde nach dem Tode des verehrten seligen Kreisrabbiners, Herrn Lazarus Landau, fast einstimmig zu dessen würdigstem Nachfolger erwählt. Der den einstigen Eiferern gemachte Vorwurf der Lauheit ist nicht ungegründet. Dies ist aber auch kein Beweis eines Rückschrittes. Es ist nichts als ein pathologischer Zustand, ein mit ihrer körperlichen Schwäche verbundenes Erkranken ihres Geistes. Es ist ein gewöhnliches Phänomen der Dekrepiditat. Aber leider ist beim Nachwuchse eine Richtung heimisch geworden, die wenn sie auch keinen Rückfall in das obskure, ausschließliche Wesen der frühern ^Generation^befürchten läßt, für die Verbreitung einer durchgreifenden, auf rein moralischen Grundsätzen basirten .Kultur eben so wenig Hoffnung giebt. Das theilweise Beibehalten sozialer Vorurtheile, die nur scheinbaren Konzessionen an die Obscuranten sind mehr passiver als aktiver Art und flößen nicht so viel Sorge ein. Aber das Aufkommen einer Indifferenz, die fast aller Klaffen der Gesellschaft durchdrungen, die mehr und mehr überhand nehmende Herrschaft des Egoismus, die eingeriffene Sucht, an allem Heiligen und Ehrwürdigen seine Spottsucht zu üben, die offen ausgesprochene Geringschätzung aller für das allgemeine Wohl sich regenden Interessen, der Unglaube an das ernste Wollen und den regen Eifer der wenigen Gutgesinnten, alle diese Erscheinungen lassen für die Sache des Fortschrittes, für die endliche Durchdringung einer alle Volksklaffen regenerirenden Civilisation kein besonders günstiges Proguostikon stellen. Trotz ihrer eisernen Konsequenz in Bezug aus verjährte Misbräuche und historisch gewordenen Unglauben fehlt es den Juden nicht an einer bedeutenden Empfänglichkeit für die außer ihren Kreisen verhandelten Lebensfragen, und sie eignen sich rasch die Resultate in eigenthümlicherModisikation an, ohne sich übrigens über den dadurch erhaltenen Gewinn oder über die verfehlte Richtung in ihrer nationalen Entwickelung Rechenschaft ablegen zu können. So wurde im Anfänge des 19. Jahrhunderts selbst unter den galizischen Juden die encyklopädische Bildung heimisch, und noch jetzt findet man Ueberreste einer Schule a 1a Voltaire und selbst a la Helvetius. Besonders zeichneten sich die Brodyer Juden durch Aufnahme derartigen Elemente aus, die natürlich nur theilweise in Fleisch und Blut übergingen und nie Eigentum des Volkes wurden. In der Gegenwart haben die industriellen Bestrebungen einerseits, und die religiösen, theils auf dem Wege der Reform, größrhentheils aber in pietistischen Kreisen sich bewegenden Streitigkeiten, Gesellschaft und Staat ganz in Anspruch genommen, so daß selbst die Politik unwillkürlich eine dieser Hauptfragen zu ihrem Ausgangspunkte, zu ihrer eigentlichen Achse nehmen muß. Die Juden bleiben auch in dieser Veziehung nicht zurück. Das Bestreben der deutschen Rabbiner und Prediger, eine jüdische Dogmatik zu begründen, ihre fortwährenden Bemühungen, das positive Wesen des Judenthums festzusetzen, oder es mit einem priesterlichen Nimbus zu umgeben, und endlich die Theilnahme, die diese Interessen in bcn relativen Gerneinden erzeugen, sind klare Beweise, wenn auch nicht für das durchgängig unter den deutschen Juden erwachte religiöse Gefühl', jedenfalls für das auftauchende, ehrenwert!)»' Bewußtsein, daß auch sie mit ihrem wenn auch lecken Kahnc sich an das Geschwader der religiösen und nationalen Jncerelsen anschließen und auf das hohe Meer der Bewegung hinauswagen müssen. Wir werden es später bei Besprechung der jTarnopoltt und Lemberger Zustände finden, daß auch in Galizien ein religiöser Kampf an manchen Punkten entbrannt ist, der alv Symptom der regen Thätigkeit nur lobenswrrth, wenn er auch

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