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Der Orient · 1844-09-24 · 39 (24.9.1844) · p. Spalte 621-622

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Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
39 (24.9.1844)
Date
1844-09-24
Page
Spalte 621-622 (sequence 7)
Language
German
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621 Kritiken. Kurze Anzeigen. Z. L. Schwarz: Schelling's alte und neue Philosophie. 622 vielleicht noch relativ wahrer, dem Bauenden wahrer erscheint. Ganz abgesehen also noch davon, ob der erste oder zweite Gedankenkomplex der absoluten Wahrheit näher steht, ob Schelling einen Wechsel bei diesen Gedankenkomplexen anerkennt oder nicht; der Vers. thut Unrecht daran, sich darüber (und das etwas trivial) zu wundern oder zu spottendasselbe erwähnt er ja von Kant und von Fichte! Bekanntlich darf eine Wiederlegung ernster Elemente nie vom Sport begleitet sein; der gilt blos dem Dünkel und der Ullwissenheit. Schelling hat sein früheres System, fährt der Vers, fort, für das einzig Wahre erklärt! Das finde ich sehr natürlich, denn sonst hätte er es nicht ausgestellt, daß er heute davon abweiche, ist ein Beweis seines sich bewegenden genialen Geistes, der nimmer rastet, selbst nicht in jener Stätte, die er für die köstlichste hielt. Die Geschichte des menschlichen Geistes in einem jeglichen Individuum vergleiche ich der Geschichte des Geistes überhauptso wenig die letzte Epochen verträgt, an denen nur der schwindelnde Mensch sich in dem ungeheuren Gebiete festhält (£7ts%eiv), sondern ganz und gar in ihrer Totalität erfaßt sein wie mit den riesenhaften Ideen, die sie beleben und die nicht in Pygmäenrelationen zerspalten sein wollen und die wir nur deshalb immer relativ schelten müssen, weil wir nicht am Ende der Totalität stehen, ebenso will der menschliche Geist des Individuums nicht, daß man ihn betrachte nach den Stationen , die der Beschauer annimmt; er will in seiner Totalität erkannt sein, ganz und gar in allen Strudeln und Brandungen, die er durchrungen, er verwirft jede Epoche, weil soviele Epochen, soviel Misverständniffe, kennt daher keinen Wechsel, weil dieser sein Begriff ist und zur Eigenthümlichkeit die Totalität gehört. Schelling selbst hat sich darüber ausgesprochen x). Ihr Wesen ist unwandelbar dasselbe, seit dem ersten, der es ausgesprochen hat, aber sie ist eine lebendige Wissenschaft und es giebt einen philosophischen Kunsttrieb, wie es einen poetischen giebt. Wenn noch Umgestaltungen in der Philosophie stattsinden, so ist dies Beweis, daß sie ihre letzte Form und absolute Gestalt noch nicht gewonnen hat. Es giebt untergeordnete und höhere, es giebt einseitigere und umfassendere Formen; jede sogenannte neue Philosophie muß aber einen neuen Schritt in der Form gechan haben. .... Die Philosophen haben das ganz eigenthümlich voraus, daß sie in ihrer Wissenschaft eben so einig als die Mathematiker sind (alle waren es, die überhaupt dafür gelten konnten), und daß doch jeder gleich original sein kann, was jene nicht können". Was aber, weil Hr. Schwarz dasselbe Gleichniß braucht, das Wechseln der Systeme wie das eines Kleides betrifft, so bitte ich ihn und die Leser p. 118 des eitirten Buches zu Lesen. Der Ausspruch des Spinoza, den Herr Schwarz p. XI, anführt ,,si non Optimum, tarnen veram phiLosophiani me invenisse seio“ ist aus dem Sinne gerissen, der i) Methode des akademischen Stadiums (1830) p. 116. Berf. spricht von dem Mangel der Befriedigung für den subjektivischen Menschen, der mit der Philosophie verbunden ist; er leugnet aber die Nothwendigkeit dieser Befriedigung, weil die Wahrheit allein das Ziel sei und darauf wendet er die Worte des Spinoza an. Diese sind aber aus einem Schreiben genommen, das Spinoza an Albert Burgh -) sendet, der ein früherer Freund des Sp. jetzt in die allein seligmachende Kirche zurückgekehrt ist * 3 4), und den Spinoza aufgefordert hatte, seine Philosophie zu verlassen als Etwas, das nur Chimäre wäre; er schrieb so „Te verum philosophiam (leiiuim invenisse praesumis; Quomodo scis tuam philosophiam optimam esse inter iilas omnes, quae unquam in mundo doetae fuerunt, etiamnum docentur aut unquam imposterum docebunturDarauf antwortet Sp. „das hätte ich mit besserem Rechte dich fragen können, „nam ego non praesumo me optimam invenisse phiiosopJiiam sed verum me intelligere sciou4). Sp. unwillig über das falsche Idencificiren seines Gegners in Betreff der besten und der wahren Philosophie ist nur von dem Gedanken belebt, daß die Wahrheit, die in ihm lebt, genüge, daß das Bewußtsein, die relative Ueberzeugung von der Wahrheit dessen, mit dem man zu thun hat, das allein gültige sei, und daß allerdings von schwächeren Geistern diese Ueberzeugung der Wahrheit mit der Ueberzeugung von der ewig besten verwechselt werde. Eine beste Philosophie giebt es aber nicht wie eine wahre; der Gedanke der Wahrheit lebt in allen Philosophien, was Schelling oben gesagt hat gehört auch hierher. Eine andere Bewandtniß hat es aber mit der Befriedigung des Gemüthes, die auch von der Philosophie ausgehen soll, von einer Philosophie, die dem Gemüthe mehr als sich geziemt schmeichelt, die sich herabläßt, an gewisse Borurtheile, in denen das Gemüth glücklich ist, die Kraft seiner Gesetze anzuknüpfen. Wie der denkende Geist, der sich selbst und seinen Begriff durchforscht, hierdurch seinen Begriff erfüllt, so neigt er sich zu den Gebilden des Gemüthes herab, die dieses mit seiner Hilfe geschaffen und betrachtet diese in ihrer Geschichte, ihren Folgen und erkennt sich so noch einmal als etwas mit dem Gemüth im Gemüthlichen genau Amalgamirtes; der Philosophie, die sich mit der Religion beschäftigt, kann nur eine Philophie der Religion oder genauer eine Philosophie der Geschichte der Religion sein; es ist ein offenbarer Mangel in jenen Religionsphilosophien, die sich an ein historisches Moment anknüpfen, das nur ein relativer Theil des Ganzen ist; hat Schelling das Christenthum als dieses historische Moment angenommen und an dieses seine Philosophie angeknüpft, so ist das ein Fehler, den die meisten begangen, die die christliche Welt identisicirten mit Welt überhaupt und das Borher- . 2) 8pinozae opera omnia ed. Paulus 1. p. 697. 3) per infractam dei misericordiam in eccles. reductum. 1, 1. 1. p. 681. 4) Hr. Schwarz hat also auch sehr ungenau die Worte citirt. 117.

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