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Der Orient · 1844-09-24 · Heft 39 (24.9.1844) · p. Seite 300

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 39 (24.9.1844)
Date
1844-09-24
Page
Seite 300 (sequence 7)
Language
German
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300 Eckenntniß der Religkonsqesetze zu gelangenwir aber andererseits diesen unfern Forschungsgeist in gehörige Schranken zu halten haben, und so lange sich die innere Unhattbarkeit und Unmöglichkeit irgend eines Gesetzes nicht klar und evident herausgestellt hat, wir durch das Nichtergründen - können desselben noch keineswegs auf dessen Unwahrheit und Unrichtigkeit zu schließen haben rc. Die Rede wurde vor der Abhaltung dem Rabbiner vorgelegt, und dieser nannte sie irreligiös, und erklärte: daß er es durchaus nicht zulaffe, diese Rede in irgend einer Synagoge abzuhalten; denn sagte er, nur blinder Glaube kann sich mit Religion vertragen, und Erkenntniß kann durchaus nicht mit der jüd. Religion gepaart werden". — Ich will mich alles Raisonnements enthalten, und zur Erzählung des weitern Verlaufes der Thatsache schreiten; man drang allgemein aber in den Rabbiner um die Erlaubniß zur Abhaltung einer Rede, und daß er, um aller Irreligiosität vorzubeugen, selbst ein Thema wählen möge, daß nicht in Religion einschlägt, die Wahl siel auf „Nächstenliebe", welches Thema auch Hc. E. während einer Woche bearbeitete und memocirte, und welche Rede denn auch der Hr. Rabb., nachdem er sie gelesen hatte, abzuhalten erlaubte. Und so wurde denn auch die Rede am Sabbat Mattot (13. Juli) unter großem Andrangs des Publikums abgehalten, und hat sie ungetheilten Beifall erlangt. Hr. E. theilte sein Thema in zwei Fragen: „Wen sollen wir lieben, wie sollen wir lieben?^ die er auch kräftig und gewandt beantwortete. Es sei mir erlaubt, eine Stelle aus dieser Rede als angenehmen Kontrast zn der vom Rabb. kopirten, und gegen die auch der Hauptsturm des Hm. Rabb. gerichtet war, zu entnehmen und mitzutheilen: ... „Liebe ist das Gcundprincip der jüd. Religion, Liebe durchweht ihre Vorschriften, Liebe athmen ihre Gesetze und Institute alle, aber nicht ausschließend, nicht blos zu den Israeliten, zu den Befolgern und Vollstreckern dieser Gesetze, nicht nur für unsere Brüder im Glauben, — allgemein sei unsere Liebe, wie es die des Allvaters ist, keine Schranken kenne unsere Güte und Milde, so wenig die unendliche Güte des Attschöpfers solche kennt? — ..... Glaube nicht, daß weil das Gesetz der Nächstenliebe nur dem Juden ertheilt ward, es nur auf den Juden Bezug habe, weil du unter den Vorschriften deiner Religion es findest, so begreift es nur deine Religionsgenossen, weil Moses, der Gesetzgeber deiner Nation es dir ertheilte, finde es nur auf die Mitglieder deiner Nation Anwendung, — lese das eben von Moses diesem göttlichen Manne dir mitgetheilte Buch der Schöpfungsgeschichte, und du wirst finden, daß Ein Gott es war, dem ihr alle Leben und Dasein zu verdanken habt, Ein Vater, dessen Nachkommen ihr Alle seid, Eine Mutter, aus deren Brüsten ihr Alle Leben gesogen; .... Ihr werdet erkennen, daß Gott Euch gemeinsam zu Menschen schuf, lange noch bevor zu Juden und Christen er euch machte, daß die Gefühle. gegenseitiger Liebe und wechsilseitiger Anhänglichkeit ec in euer Herz und Gemüth senkte, noch lange bevor am Berge Sinai er sich offenbarte, und euch die vor alle Völker euch auszeichnende Lehre übergab. Daß Er es eben war, der aus dunkeln keinem Menschengedanken zugänglichen Jahrhunderten euch die Mysterien der Schöpfung, der Erschaffung des Menschen und aller andern lebenden Wesen überlieferte, eben um diese Wahrheit euch zu lehren: „daß Menschen und Brüder ihr Alle seid, menschlich und brüderlich einander behandeln, menschlich u. brüderlich mit einander leben müßt!" — ..... Im ähnlichen Sinne und noch viel kräftiger sprach der Redner sich auch über die Liebe zum Armer, zum Unglücklichen re. aus; ich kopirte Ihnen jene Stelle, weil sie es war, die — risum leneatis amici! — ihm von der Orthodoxie den Verdacht der Irreligiosität zuzog, und die auch den guten Hrn. Rabb. so in Harnisch brachte, und zu den im Eingänge meines Berichtes erwähnten illiberalen Aeußerungen trieb. — Wie gefällt dir lieber Leser! nun das Betragen unseres Rabb.; soll man lachen oder weinen? — Ja, weinen, weinen muß jeder fühlende Israelit, bluten nwjj das Herz ihm im Innern, wenn er diese Leute — bei denen Interesse und niedrige Parteisucht die Triebfeder aller ihrer Handlungen sind — an der Spitze stehen, das Volk am Gängelbande leiten oder richtiger irre führen sieht! D'yno “pitf/KD '2Z? schildert Jesajas mit Recht als das größte Uebel eines Volkes. Wie kann da das Volk die Augen öffnen, wenn sein Führer sie ihm gewaltsam zudrückt? Wie mit dem Zeitgeiste fortschreiten, wenn sein Lehrer und Vertreter es für jeden Schrill vor-, zehn Schritte rückwärts in die Finsterniß des Mirtelalters hinabzerrt! Wie da tolerant und liberal werden, wenn ihm immerwahrend von oben herab Verachtung und Haß, Feindschaft und Intoleranz gegen jeden Andersgläubigen und auch nur Andersdenkenden eingepragt wird! — Doch was in der Zeiten Hintergründe schimmert, ersieht keines Menschen kurzsichtiger Blick! - Mit Nächstem ein Weiteres. — Lemberg, 10. Sptbr. (Synagogen - Statistik in Galizien.) Nach der neuesten von der Regierung ermittelten Statistik über Oesterreich hat Ealizien 294 Synagogen und 100 Schulen (kleine Betstuben), Ungarn 42 große Synagogen, aber mit kleinen Synagogen und Betstuben 342; Mähren hat 52 und Böhmen 59 große Synagogen. Die Differenzen in den statistischen oder geographischen Handbüchern rühren davon her, daß man den Ausdruck Synagoge nicht näher bestimmte und zuweilen gewöhnliche Bethäuser oder Bott- Midraschim mit darunter verstand. Im Jahre 1785 zahlte man in Galizien 191 große Synagogen, wo auf Lemberg drei und auf Jaroslaw zwei kamen, sonst rechnete man auf jede Gemeinde bloS ein

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