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Der Orient · 1844-09-24 · Heft 39 (24.9.1844) · p. Seite 299

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 39 (24.9.1844)
Date
1844-09-24
Page
Seite 299 (sequence 5)
Language
German
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299 evangelischen Kirchen gepredigt, wozu diese in dem jüd. Heiligthume vortragen? — Hr. Rabbiner kam nun auch 0 die neuern jüd. Prediger, und ergoß sich in Worten, deren jedes verletzend und beleidigend für das Ohr des Vessergebildeten waren, über diese von ihm — mit Anspielung auf Jer.. 23, 15—30, welches er hierzu als Text benutzte — betitelten Männer, die es sich unterfangen, auch in Synagogen das Volk über diese heiligen Angelegenheiten des menschlichen Herzens zu belehren, und es sich herausnehmen, auch diese rein menschlichen Angelegenheiten zum Gegenstände der jüd. Kanzel zu machen; welche Unverschämtheit, eiferte Hr. Rabbiner, selche gemein menschliche Dinge hier zu behandeln! Hier müssen die weit wichtigern Gegenstände von dem Verhältnisse zu Gott abgehandelt werden, und dulden wir es ja nicht — hierauf war der Haupcsturm angelegt — daß auch in unserer Gemeinde Prediger entstehen, die das Volk hlos über seine Pflichten als Mensch zu belehren streben, sonst haben wir zu befürchten, daß auch in unserer Mitte ein zweiter Frankfurter - Reformverein entstehet!! Unser Rabbiner sieht wirklich weit hinaus, ungeachtet er sonst geschloffene Augen hat, und gerne im Finstern tappt und tappen laßt! Es scheint aber wahrhaftig wunderbar, daß ein Jünger mosaischer Religion, . vollends gar ein Rabbiner und Volkslehrer der Bekenner dieser Religion, die da zur Nächstenliebe gegen alle Menschen auffordert, die da zur Beförderung des bürgerlichen Wohles und der Staatsordnung der Gesetze so viele ertheilte, von einem Lehrer dieser Religion wundert's uns wahrlich zu hören, daß es den Religionslehrern nicht gestattet sei, nur über menschliche und bürgerliche Verhältnisse zu predigen! — Welche Pflichten predigten denn die alten Propheten und Volksprediger? Was anders als Pflichten des Rechts und der Menschheit predigte denn der begeisterte Prophet Jesaja, besonders in der trefflichen Strafcede (Jes. 1, 15—25); oder der fromme David im 15. Psalm, wo die Pflichten und Schuldigkeiten desjenigen, der da den Berg Gottes ersteigen will, d. h. die höchste Stufe der Heiligkeit und Gottesverehrung erklimmen will? — Der Hr. Rabb. kann uns bald zu dem Verdachte drangen, daß er eine ganz neue Bibel, da er als Jude ganz andere Pflichten und Schuldigkeiten haben, als die in unserer Bibel mitgetheilten, sich im Gegentheil auch so Manches erlauben, was nicht nur mit den Gesetzen der Religion, sondern auch mit den Gesetzen der Menschheit kollidirt, sich nicht entblöden in materieller und geistiger Beziehung seine Untergebenen zu bedrücken, die seinen Untergebenen dargebotenen materiellen und geistigen Unterstützungen und Hilfsmittel sich mit reichlichen Ingressen bezahltmachen wolle. Aber, sagte der Hr. Rabb. ferner, wozu denn ganz und gar Predigten, ordentlich ^gehaltene Vorträge in Israel? Predigten, so raisonnirt sind bei den jetzigen Zeiten der Aufklärung das, was in den Zeiten des Mittelalters Feuer und Schwert in den Händen des Fanatismus war, Mittel zur Bekehrung und Ueberführung anderer Religionsgenoffen, und dies wollen und brauchen die Juden nicht zu thun; denn da Proselytenmachen nie Pflicht des Juden war. — Aber, werden Sie fragen, woher und worüber denn dieser große Lärm? Was hat sich denn in Neustadt! geregt, daß der Hr. Rabbiner so eifrig und so mit einem Male gegen die Prediger losziehet, besonders da, wie Sie aus Nr. 17 Ihres Blattes wissen, bereits seit einiger Zeit von Hcn. Löwi*) hier zuweilen Predigten abgehalten wurden? Welcher Apostel der Nächstenliebe ist denn etwa dort aufgestanden, gegen den Hr. Rabb. so wüthend loszieht? — Man höre: Ein hier geborener, noch kaum zwanzigjähriger Jüngling, Ignatz Einhorn, kam nach einer ziemlich langen Abwesenheit von hier als Talmudist, Theolog, der deutschen, hebräischen wie nicht minder anderer alten Sprachen kundig, und der sich schon durch einige treffliche Aufsatze im Orient und in andern inländischen Journalen rühmlichst bekannt gemacht, vor einigen Wochen nach Hause, um sich hier einige Zeit aufzuhalten. Er wurde von dem Vorstande einer Synagoge zweiten Ranges mit der Bitte um Abhaltung einer Predigt angegangen, und Hr. E. war — angespornt von dem edlen Gedanken, zur Bildung und Aufklärung der Juden seiner Vaterstadt, einer sehr bedeutenden Gemeinde, sein kleines Schärflein beitragen zu können — bereit, dieser Bitte und dem allgemeinen Wunsche nachzukommen. Der Rabbiner, dessen Misgunst es nicht gestattet, daß Fähigere, dem Zeitgeist gemäß Gebildete sich zeigen sollen, sowie andererseits sein Interesse ihn befürchten laßt, daß diese Bildung verbreiten, und Mancher einsehen könnte, daß für das bloße Tragen eines langen Bartes, eines Kaftans man noch keinen Rabbiner sammt Familie zu halten braucht, — dieser dcehete, wendete und krümmte sich nach allen Seiten hin, und wollte Hrn. Einhorn , unter verschiedenen erlogenen Vorwänden — die man aber allgemein für daserkannte, was sie waren, und sein eigenes Interesse für die wahre Ursache annahm — durchaus die Abhaltung einer Predigt nicht gestatten, und nur dem allgemeinen Drangen und Verlangen nachgebend, erlaubte er es endlich, mit dem Vorbehalte, daß die adzuhaltende Rede ihm vorgelegt werde. Das Thema dieser Rede war: „Glauben und Erkenntniß" worin der Redner mit kräftigen Worten darlegte, daß, so wie wir einerseits uns zu bestreben haben, zur gründlichen ') Der eigentliche Grund hiervon ist, daß Hr. Löwi sich de facto noch ganz zur Orthodoxie hält, hauptsächlich aber, weil er der Schwiegersohn des Rabbiners ist, welcher durch das kleine Einkommen, das L. durch diese Anstellung erhält, der Pflicht —ihm Unterstützung angedeihen zu lassen, überhoben wurde, was bei den von Geld dürft durchdrungenen Rabbinen über Alles gilt. — D. K. 39*

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