Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1844)
- Date
- 1844-09-17
- Page
- Seite 294 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360310-2360349--4635-3530643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
294 Anschauung aller Lebensbeziehungen, eine Anschauungsweise, die selbst in jedem hochgebildeten Zeitalter ihre, ewigen Rechte auf die edelsten und weisesten Menschen behauptet, die Sokrates ihren Meister und — den Juden Moses.Mendelsohn einen ihrer würdigsten Schüler nennte Da bei der Darstellung eines Irden, namentlich der frühern Zeit, gewöhnlich die eigenthümlich modificirte Sprache und Aussprache als eines der vorzüglichsten Medien gilt, so kann hier um so weniger unerwähnt bleiben, wie Hr. Döring sich in dieser Beziehung verhielt. Ganz in Einstimmung mit der Würde des Charakterbildes spricht Dörings „Schema" ein reines Deutsch, wie er es im Umgang und langen Geschäftsverkehr sich angeeignet, aber etwas nachlaßig bis zu einer leise nüancicten eigenthümlichen Betonung und nicht ohne einzelne fehlerhaft grammatischen Formen; in allen diesen Punkten aber bis ins Einzclste mit voller Naturwahrheit, so daß durchaus nichts an eine obwaltende Täuschung erinnert, und (wenn man dabei allenfalls noch von einigen unactikulirtcn gedehnten Lauten absieht) immer die auf das Entschiedenste nüaneirte Erscheinung des Juden unverkümmert bleibt. Es war dies in der Darstellung des Herrn Döring um so erfreulicher, als man sich sonst so häufig in solchen Fällen darauf beschränkt, die Aussprache des Juden so wiederzugeben, wie sie gewöhnlich von Leuten unter dem Einflüsse ihrer nicht eben wohlwollenden und schmeichelhaften; Vorstellung von Juden karikarurmäßig und abgeschmackt genug nachgeäfft wird. Und nun noch, um mit Schema zu reden, „eine recht gescheidte Frage." Wie lange soll es noch währen, bis daß jeder Christ in Staaten von Bildnng sich schämt, Judenhaß und Judenverachtung zu hegen und kund zu geben? Eigentlich kann nur vom Judenhaß die Rede sein, denn mit der Judenverachtung ist es nicht so ernstlich gemeint, wie sehr man auch mitunter sich darin gefallen mag, etwas von vornehmen Ekel der Art zur Schau zu tragen, um dahinter seinen Widerwillen gegen solche Juden zu verbergen, welche das Unglück haben, von ihrem durch intelligente merkantilische und industrielle Betriebsamkeit erworbenen Reichthum für Behäbigkeit und Luxus (freilich sollte es immer ein geschmackvoller und gebildeter sein) Gebrauch machen zu wollen, oder welche so kühn sind mit ihren Talenten und Kenntnissen in literarischen Kreisen etwas zu bedeuten, oder es sich herausnehmen, mit socialen Ansichten und Tendenzen, denen man abhold ist, in näherer Beziehung zu sein. Man fühlt sich beeinträchtigt, behindert, durch unwillkommenes, oppositionelles Bestreben des Juden verletzt und verstimmt, und man weiß sich nicht mit dem Haß, —- nein um diesen zu hegen, ist man aufrichtig gesagt, doch im Herzen zu wohlwollend, aber mit der Misgunst, mit dem Unwillen und mit der Verstimmung nicht besser abzufinden als durch Verachtung, durch vorgebliche Verachtung, die jedoch zum öfter« auch wohl ehrliche Selbsttäuschung ist. Noch ist der heutigen Generation das Andenken an den Juden des achtzehnten Jahrhunderts nicht so ganz in den Hintergrund getreten, als daß man bei materiellen und geistigen, Konflikten mit Juden, sich nicht der g^. ten alten Zeit erinnern sollte, wo dem Juden — von fe(llec Geburt an in dem Lande, in der Stadt heimisch, wie es jeit langen Jahrhunderten bis jetzt seine Väter waren, die, wie er selbst, keine andere irdische Heimath kannten, hier lebten und hier begraben sind — die Wohlthat bürgerlicher Rechte und der ehrenhaftern bürgerlichen Betriebsamkeit versagt war, und wo daher solche materielle und geistige Konflikte, juniat bei der mit der bürgerlichen bereitwilligst parallel laufenden socialen Ausschließung unmöglich waren. Die Feuertaufe des neunzehnten Jahrhunderts hat mit so vielen andern verwittuten bürgerlichen und socialen Satzungen und Institutionen, welche als unheimliche Reste ehemaliger Rohheit einem gebildeten Zeitalter zur Schmach gereichen, auch diese Schlacken, diesen Rost des unwürdigsten Fanatismus und des schmählichsten Verfolgungsgeistcs von unserer Zeit größtentheils than, und man könnte sich bei einiger Bildung wohl doch schon daran gewöhnt haben in jenen Konflikten, mit Kauflenten, Gelehrten rc. jüdischen Glaubens und bei den unwillkommenen Erfolgen ihrer Bestrebungen so wenig an den „Juden", wie in andern Fällen an den „Protestanten", an den „Katholiken" zu denken. Mag immerhin noch Leuten, welche in den verschiedenen socialen und bürgerlichen Kreisen überall die untern Stufen einnehmen, und dabei so Viele über sich und so Wenige unter sich sehen, mag solchen Leuten immerhin der unselige Trost vergönnt bleiben, in unaussprechlich lächerliche Dünkel dem „Juden" gegenüber sich aufrichten und besondere Vornehmheit affektiren zu können, wenn dies ihnen Bediirfniß ist, und sie noch nicht zur Einsicht gekommen sind, daß Bildung allein, die wahre, tiefe, allumfassende Achtung imb Anerkennung der Menschenwürde und des echt Menschlichen in den höhern wie in den liefern Kreisen ihnen unbestreitbare Vornehmheit ertheilen kann. Der wahrhaft Gebildete Miß vor sich selbst erröthen und vor Andern, selbst wenn es Gleichgesinnte sind, der es noch über sich vermag die Ebenbürtigkeit des Juden in Gesittung und Bildung und die volle bürgerliche und sociale Berechtigung der „Juden" in Abrede zu stellen; der sich nicht entblödct, einer Persönlichkeit, blos weil st „Jude" oder „Jüdin" ist, diejenige Achtung, Theilnahme und sociale Berücksichtigung vorzuenthalten, die er derselben nach den sonst obwaltenden Beziehungen schuldig ist. Wer aber von unangenehmen Erfahrungen, die er an Einzelnen gemocht hat, sich zu dem Schluß auf die Gesammtheit berechtigt glaubt, den mag die Logik des „Schema" eines Bessern belehren. Ob der Judenhaß gerechter und vernünftiger ist, als die Judenverachtung, mag hier auf sich beruhen. Dies mag ilM nicht abzusprechen sein, daß er so zu sagen, naiver, Ursprunglicher, naturwüchsiger ist. Misgunst, Neid, Aerger über dcis Gedeihen des Andern, indem man sich dabei benachteiligt glaubt, und das Unbefriedigende der eignen Lage auch bür wie sonst immer gern auf die Rechnung des Anderen fehl, führen den noch ganz rohen, ungebrochenen Egoismus gerade-'. Weges zum Haß: der Weg der Verachtung wie er bei drn