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Der Orient · 1844-09-17 · Heft 38 (17.9.1844) · p. Seite 293

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 38 (17.9.1844)
Date
1844-09-17
Page
Seite 293 (sequence 9)
Language
German
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ein, wenn auch verunglücktes Jüdisch-Deutsch, etwas ängstliche Schüchternheit, etwas kriechende Unterwürfigkeit hinzu zu thun,und zur Erklärung seiner großherzigen Hilfleistungen einen sentimentalen Hang zur Wohlthätigkeit gehörig zu konstatiren, so hat man die schönsten Konflikte, „das Mauschelthum in Verbindung mit sittlicher Größe", wie neulich Jemand ßch ausdrückte, zum Gegenstände der Darstellung, eine Versuchung, der verhältnismäßig wenige Darsteller des „Schema" widerstanden haben. Hrn. Döring jedoch ist gewiß selbst schon die Versuchung zu solcher Auffassung und Darstellung fern geblieben. Schema ist für ihn nicht der weiche, sentimental-mattherzige Jude, dessen sittliche Größe eigentlich nur in dem Uebergewicht liegt, das der Hang zur Mildrhätigkeit in ihm über die Liebe zum Gelde gewinnt; Schema ist kein Doppelgänger Shyloks in dem Doppelrufe: „Meine Tochter! Meine Dukaten!" Schema ist einer derjenigen Juden, die sich auf ihrer leidensvollen Wanderung durch das Leben, inmitten einer haßerfüllten, den Unglücklichen mit Schmach überhäufenden Umgebung, ein Herz voll Menschenliebe bewahrt und sich damit in ein besseres, höheres Gebiet hinübergerettet, in das innerste, stille, für die entmenschte Verfolgungswuth unzugängliche unantastbare Heiligthum ächt menschlicher Regung geflüchtet haben. Er ist einer derjenigen Juden, die das Unglück in Verbindung mit der Sitte und dem Glauben der Väter zu Weisen großgezogen hat, zu Weisen mit der erhabensten Enrsagung, mit der Ruhe und Milde einer vielgeprüften, in Leiden und Trübsal geläuterten und gereiften Lebensanschauung. Schema hat an sich und seinem Volke den Haß in seinen scheußlichsten Ausgeburten erfahren und seitdem — haßt er nicht mehr. Er hat die grauenvolle Leere und Nichtigkeit des Hasses gesehen bei denen, die dem Haffe leben; doch kennt er auch die Liebe, die Seligkeit der Liebe, eines liebevollen Gemüthes und eines (iebethätigen Waltens, wie er sie in sich, in der Mitte der Seinigcn erfahren. Daher liebt Schema, und sein Leben ist Liebe. Er findet in dem Unwürdigen den Unglücklichen und sucht in dem Unglücklichen den Würdigen auf. Mit dieser Liebe ist sein Gemüth aber auch den Trübungen durch feindselige Rohheit entrückt, und die schmählichen Ausbrüche einer haßathmenden übermüthigen Verachtung, des nichtswürdigen Bettelstolzes und des aller wahren Menschenliebe hohnsprechenden Vorurtheils treffen ihn nicht; aber wohl zeigt sich jedesmal der offenbaren sittlichen und geizigen Ueberlegenheit, der Gesinneshoheit dieses Menschen gegenüber, die ganze, volle unaussprechliche Armseligkeit und Jämmerlichkeit jener Verunglimpfungen. Won Döring's Schema ist hier die Rede,, und jeder fast jeder Hauch und jede Bewegung, zeigten von der innerlichsten Wahrheit und Erhabenheit, von der hohen künstikrischen Weihe dieses Gebildes. Dem Geheimenrathe, selbst seinem Sohne und Sternseld gegenüber ist Schema von einer 'Nahrhaft zermalmenden Bescheidenheit; jede, selbst die unterwürfigste Aeußerung läßt die innerliche Hoheit und Würde, Uno den unabhängigen, zuversichtlichen Charakter durchblicken. Eben so vernichtend ist selbst der Ausdruck seiner Logik, wenn er dem Geheimrarh erklärt, wie er, Schema, doch nicht alle Gojim anklagen oder gar hassen und verachten dürfe, wenn Einer oder der Andere ihn geschmäht und unwürdig behandelt hat, und wie man doch christlicher Seits eben so billig in Bezug auf die Juden denken sollte. Jene Bescheidenheit Schemas feiert ihren Triumph in der Art, wie er dem Sohne des Geheimrathes das Geld aufnöthigt. Er hat auch da noch nicht die Anmaßung, in den Augen des Christen, selbst in den Augen dessen, den er hier durch seine großmüthige Schenkung der Verzweiflung entreißt, den er beglückt, mehr sein zu wollen als „Jude", der herkömmlich, gleichsam kraft historischen Rechts stets geschmähte „Jude"! Dasselbe gilt von seinem Benehmen bei dem Geheimrarh, als dieser ihn wegen der Schenkung zur 9Ude stellt, und er, Schema, nach erlittener Mißhandlung sich ruhig darüber erklärt. Daß er übrigens die Brutalität von sich ab und auf seinen Rock lenkt, ist einer der feinsten Züge seiner so edeln Haltung und in den Worten: „Mein Rock und ich sind mit einander alt geworden" von erschütternder Wirkung. Jene Bescheidenheit ist eine Koucession, die Schema der Bornirtheit seiner Verächter macht, und es kann dann weiter nicht befremden, wenn hier überall der von der abgeschmackten Anmaßlichkeit angeregte Humor wie er den edeln Geistern so eigen ist, leise hindurchklingt; laut wird dieser Humor etwa nur da, als Schema nach der Rückkehr von jenem Verhör bei dem Geheimrath, wie er in einem Selbstgespräch zu verstehen giebt, von der Freiheit Gebrauch macht, sich auf seiner eigenen Stube niederzusetzen. Wahr und tief aber männlich fühlt auch der Sohn Schema und die so ergreifende Worte „für meine Mutter wäre ich gestorben:" vergegenwärtigten aus das Lebendigste den eigentümlichen tief innigen Bezug zwischen Sohn und Mutter, wie er selbst bei bejahrten Männern in ganz besondern Ausländen durch Ausrufungen und dergl. sich kund giebt. Das Spiel, das jene Worte begleitete, gab ihnen den Charakter einer erhabenen Naivität der Empfindung, und diesen Charakter hat das Benehmen Schewa's dann noch ganz besonders im eignen Hause, namentlich dem Schalk von Diener gegenüber. Hier ist es auch, wo wiederum der Weise in erhabener Einfachheit eines hochsinnigen Herzens ruhig und mild waltet. Die Vorwürfe, die er über das Lauschen, das ihn in Nöthen gebracht, dem Diener macht, und die Art wie er sie macht, zeugen ebenfalls von jener hohen Naivität des Charakters, wie sie bei den größten Männern stets die Verehrung für sie noch zu steigern vermocht hat. Die Lobrede auf das Wasser von Döring — Schema (und Hr. Döring hat gewiß sehr woht daran gethan, den hebr. Segenspruch über das Wasser auszulassen und ihn nur mit der stillen Bedeckung des Hauptes durch die Hand anzudeuten) gehört wie seine Strafpredigt gegen das Duell — in beiden Fällen kaum ein Redesatz — zu den unübertrefflichen Mustern jener im besten Sinne kla ssi sch e n Beredsamkeit, welche keine andere Quelle hat, als die gesunde, vollkräftige, naive Ursprünglichkeit in der

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