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Der Orient · 1844-09-10 · Heft 37 (10.9.1844) · p. Seite 285

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 37 (10.9.1844)
Date
1844-09-10
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
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285 von 300 Mittgliedern zu einer Synagogmgesell- /!schast die bisherigen Einrichtungen in Kultus nicht -^Bsgegeben zu werden brauchen. Ich sage, es ist durchfalsch, denn im Falle die Gegenpartei sich noch den Augenblick entschließt, die große Synagoge für ih- ^cerr Rabbin.en zu miethen: so wäre die Reform- ';ri-pn wohl genöthigt, falls sie nicht im Besitze einer ^'Mnschelruthe ist, mir einem Aauberschlage, eine große -'^insprechende Synagoge entstehen zu lassen, mit ihren i Reformen, ihrem Prediger und ihrem Choral zu emigriren l eder etwa mit Allem diesen meinetwegen in die Synai-9o«e „zur Fechtschule" zu ziehen. — Uebrigens waren i die 300 Abonnenten durchaus nicht für eine takt- und \ principlos verstümmelte Liturgie, sondern beabsichtigen 1 hlos die bisherigen Verhältnisse durch einen erneueren! Kontrakt Fortbestehen zu lassen. So wie aber die Re- \ fonrtfnftion mit einer neuen Agende hervortrat, traten IW meisten Unterzeichneten zurück und kaum 90 sind? zmückgeblieben. Nicht daß die Majorität der Gemeinde |; chem verschönerten geordneten Gottesdienst abgeneigt wäre, f sondern sie fürchtet die Danaer auch mit will- | komm en en Geschenken. | 4) Wenn mein Bericht endlich behauptet hat, daß 's mit dem Opfertode ihres geistlichen Oberhauptes die hie- | sige Gemeinde ihren Schwerpunkt verloren, und daß sie § Gefahr läuft, in religiöser Beziehung in den bodenlosen Z? Abgrund anarchischer Ungebundenheit zu gelangen; so \ feilte dies nicht als eine fade, leere Floskel gelten, etwa l me „geistig religiöser Fortschritt" oder „ Alles belebende Sonne der Aufklärung." Denn, um einmal handgreifliche { Beweise zu geben, setztdas wohl einen gesunden normalen Zustand voraus, wenn die Kanzel zum Kampsplatze gemacht wird, und zum Hohne der bis zum Ekel wiederholten Schlußformel: „Um der Brüder und Freunde : willen rede ich von Friede dir", jede Gelegenheit bei ‘ den Haaren herbeigezogen wird, von der Kanzel pole- ■ mische Pfeile gegen die Gegner zu schleudern? Ist das : ein lebenshaltiger normaler Zustand, wenn die Rabbiner Aneinander auf der Lauer liegen, um jede Gelegenheit; zu einer rabbinischen Funktion, einer Trauung, einer : Leichenrede an sich zu reißen, wodurch eine Art rabbini- ■ scher Autorität auf die Prätendenten abstrahlen soll 2 . Wahrhaftig, wer es nicht mit erlebt, sollte eine solche : Entwürdigung des Rabbinen-Amtes, das Religiöse zum : Vehikel des Ehrgeizes zu misbrauchen, für eine sabelhafte Fiktion halten! Stehet ein junges Paar im Be- J Me sich trauen zu lassen, so wird bei Verwandten und - einflußreichen Freunden wegen der Zuziehung zur Trauung ambitionirt, wie etwa in der römischen Republick von ehrgeizigen Kandidaten um das Konsulat. Daß diese ueue Bahn am allermeisten von dem neologen Rabbinate benutzt wird, bedarf kaum der Erwähnung; denn dasielbe muß sich doch anderweitig zu entschädigen suchen flu' stne ihm entzogenen Funktionen, wozu eine unbescholtene Religiofttat und talmudische Tüchtigkeit erforderlich ist, wie Chaliza-Ceremonien und Ehescheidungen, die von den Behörden allemal dem konservativen Rabbinate zugewiesen werden. — Um den ungläubigen Lesern einen Begriff von einem solchen Treiben, einem jungrabbischen Ambitus, zu geben, werde ich mir erlauben, zum Schlüsse eine interessante Anekdote der Art, die hier in ganz jüngster Zeit auftauchte, mitzutheilen. Ein junger Mann, Lehrer an der vom Vorstande pcotegirten Industrie-Schule und Chorist an der großen Synagoge, verheirathet sich mit der Tochter eines der konservativen Partei angehörigen Kultusbeamten, deren Mutter aber ebenfalls Lehrerin in derselben Schule ist. Die Kollision bringt eine große Verlegenheit, welcher der beiden Rabbiner fungiren soll, die um so größer ist, da der Bräutigam in naher Verwandtschaft zu Hcn. Tikcin steht. Der Bräutigam steht zwar keinen Augenblick an, sich von seinem Verwandten trauen zu lassen und resignirt auf die salbungsvolle Trauungsrede; allein das Oberhaupt der andern Faktion will nicht fo. leicht resigniren. 2tls der entscheidende Tag der Hochzeit endlich herangenaht war, wird der Bräutigam — freundliches Zureden war ohne Erfolg geblieben — vor das refvcmatocische Jnquisitoriat geladen und ihm gedroht, seiner Gage verlustig zu werden, wofern er sich nicht im geweiheten Ornate kopuliren lassen wird. Es ist Ernst, was ich hier niederschreibe; denn da die Drohung ebenfalls an der Standhaftigkeit des Bräutigams abgeprallt ist, und Hr. T. das Paar getraut hat, soll der junge Ehemann wirklich seiner Stelle entsetzt und auch dessen Schwiegermutter von der Industrieschule verdrängt werden, nachdem sie drei und zwanzig Jahre mit dem besten Erfolg an dieser Schule gewirkt hat. — Facta loquaiiliir. Freistaat Krakau. Krakau, 18. Aug. Das kürzlich im „Orient" erwähnte, von dem Sejm (der Ständeversammlung) hier erlassene Gesetz ist folgenden Inhalts: Jeder Israelit, der sich vor seinem 30. Jahre verheirathen will, muß Nachweisen, daß er sich vom Tage der Publikation dieses Gesetzes an in seiner Kleidung vor den Christen in nichts unterschieden habe, und nach Verlaus von 3 Jahren seit Publikation dieses Gesetzes darrhun, daß er 3 Jahre vor Eingehung der Ehe sich nach Christenweise gekleidet habe. Oesterreich. Prag, 1. Sept. In den Strömungen des neuen, neuern und neuesten Judenthums haben viele jüdische Tugenden ihr Grab gefunden. Unter diesen hebe ich für heute eine der wichtigsten hervor: die materielle Unterstützung der jüdischen Literatur. Wenn wir auf die jüdische Literatur der frühern Jahrhunderte zurückblicken

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