Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1844)
- Date
- 1844-08-13
- Page
- Seite 255 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- 255 - | stattfand und sehr zahlreich besucht wurde, wohnten auch I'bm jüdische Gelehrte, zwei Dänen und ein Schwede, nämlich die Herren Aerzte Ballin und R. (Bh) Lewy ^6 Kopenhagen und der Apotheker Herr Trier aus ß Lund bei. Alle drei nahmen an den Sektionsverhandß langen und Debatten sehr lebhaften Antheil und Herr ß Min sprach auch bei dem, den Naturforschern zu Eh- | ren von den norweg. Studenten veranstalteten Festmahle. I Ueber Hauser's Spiel sind die norweg. Zeitungen l Lobes voll. — | Zur Geschichte der Juden in Odessa. | Der Handel, die Industrie, Aufklärung und Bildung der Juden in Odessa. Von <3. L. Finkcl. Aus dem Russischen übertragen von Ph. L. (Schluß.) Werfen wir einen Blick auf die Grundzüge der Geselll Mt, so spricht sich in derselben der Ei nfluß der Schule durch f Rückwirkung der jüngern Generation auf die ältere noch deutlicher aus. Die Juden alten Schnittes, die weder deutsch s noch russisch lesen und schreiben, wurden helldenkend und nahj men wenigstens einen Anstrich von Bildung an. Ja viele bärtige Familienväter haben aus den Namenbüchlein ihrer t Kinder das Lesen gelernt. Die vagabundirenden Rabbi's der f Chassidim sind aus dem Weichbilde unserer Stadt verbannt, der Zugang ist ihnen für immer versperrt, woraus bei diesen? Herren das Sprüchwort entstanden: „Schon vier Meilen 7 vor Odessa brennen die Höllenflammen". Zusehends ver-; Ichwinden eingewurzelte Vorurtheile und Misbräuche, und ) der Saame der Bürgertugend und der Vaterlandsliebe keimt in den Herzen der Juden Odessa's. Es bedurfte nur des t* ersten Anstoßes zu einer neuen Richtung und die unwissenden; stirer, die ohne eigenes Bewußtsein sich den Vorurteilen der i Väter ergaben, und der schwarze Kaftan des polnischen Ein- ' lvanderers und das beschnittene Bärtchen des Galizianers -- lIn^ endlich der gutmüthige, sorglose Nachkomme der ersten : ^siedler Neurußlands, alles floß in eine Masse zusammen, 5 Es verfolgt eine neue, wohlthuende Richtung, und statt der srühern Charakterlosigkeit Hai sich ein fester, beständiger Cha- ra^cc herangebildet, der sich kund gieüt durch wahre Religiodurch Einführung der Ordnung und des Anstandes in Synagoge (freilich bis jetzt nur in einer, doch ein gutes Werk bleibt nicht ohne Nachahmung) echte Moralität, nützliche Thätigkeit und Liebe zum Vaterlande. Die frühern Gegner der Aufklärung, die mehr aus Gewohnheit ihre Nationaltracht beibehalten, leben nicht nur mit der neuen Generation, die natürlich die französische Tracht angenommen, in brüderlicher Eintracht, aber selbst im Verkehre mit den andern Konfessionen angehörenden Mitbürgern ist keine Spur fanatischer Verfolgung und des Hasses zurückgeblieben. Auch sind seit Gründung der Schule, die hinreichende Mittel zu einer systematischen Erziehung bietet, viele Familien aus verschiedenen Städten der westlichen Gouvernements nach Odessa übersiedelt; aus demselben Grunde haben auch die hier lebenden Ausländer mit ihren Familien einen festen Wohnsitz aufgeschtagen. Diese Umstände erzeugten auch, außer daß sie zur Belebung des Handels beitrugen, unter den Odessaer Juden statt des frühern eintönigen Junggcffellenlebens, ein üppiges Familienleben mit allen Reizen und allen rafsinirren europäischen Vergnügnngen, als Bälle, Soireen, Promenaden, Gesang und Tanz. Bei dergleichen Versammlungen sind die Fortschritte der Bildung im vollen Glanze sichtbar. Da sieht man in dem hellerleuchreten Salon ein Gemisch der Gejchlechter, der Lebensalter und der Nationen; man hört die in der großen Welt gebräuchlichsten Sprachen; man wundert sich über die ungezwungene Heiterkeit, die Schönheit, den Putz und die Gelenkigkeit der Frauen und Mädchen, über das höfliche, feine Benehmen der Herren und unwillkürlich stellt man an sich die Frage, „sind das russische Juden?" Das sind die Früchte der sechszehnjährigen Dauer der jüdischen Schule in Odessa! — Nachdem ich die Bildungsfortschritte der Odessaer Juden gezeigt, beabsichtigte ich nicht den Leser im Jrrthume zu lassen, als ob die gesammte jüdische Bevölkerung Odcssa's - auf einer so hohen Stufe der Civilisation stehe. Nein, zu unserm Leidwesen giebt's in Odessa nicht nur Familien, sondern ganze Straßen, wohin das Licht der Aufklärung nur mit Mühe eindringt. So schmachten z. B. trotz der Einführung gut organisirter Schulen, noch Hunderte von Kindern in düstern Stuben und wiederholen bei den Rippenstößen der Melamdim und Behelfer singend und schnarchend ihre Lektionen. Trotz dem von der neuen Synagoge gegebenen Beispiele, in welcher der Gottesdienst in stiller Andacht, bei einem regelrechten, die Seele erhebenden Chorgesange gefeiert wird —. herrscht in den übrigen Bethäusern noch die frühere Unordnung, Lärm und Gedränge und man hört die ohrzerreißenden Melodien der Chasanim (Schulsinger). Ich erwähne nicht mehr die vielen sinnlosen Gebrauche und lächerlichen Ceremonien, die im häuslichen Leben, bei Familienfesten u. dgl. beobachtet werden, Gebräuche, wie man ähnliche beim gemeimen Volke aller Nationen vorsindet. Doch das ist kein Wunder, die jüdische Gemeinde Odessas ist nicht nur aus mannigfaltigen, sondern aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt; hier sind noch verschie-