Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 32 (6.8.1844)
- Date
- 1844-08-06
- Page
- Spalte 507-508 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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507 Studien. Geschichte der Israeliten in Höhenzollern-Hechingen. 508 Im Jahre 1775 wurde die Dekretur des dritten Schutzbriefes auf die Dauer von 25 Jahren um einen hohen Preis erkauft. Um diese Zeit wurde auch die hiesige Synagoge erbaut, Ln der Goldschmidtstraße, die zur Iudengaffe erhoben wurde. Sie wurden aber noch oft durch harte Lasten und Zumuthungen gedrückt. Soz. B. verlangte einmal der Fürstdaß die Israeliten die Hunde auf die Jagd führen sollten. Schon waren sie in dem Schloßhof versammelt, als die Vorsteher erschienen und sie nach Hause gehen hießen. Diese wurden zwar mir Arreststrafe belegt, aber bald wieder der Haft entlassen, da auch das Land gegen den Fürsten, wie schon gegen seine zwei Vorgänger, bei dem Reichskammergerichte in Wetzlar einen Proccß in Betreff der Iagdgerechtigkeit verfolgt hatte. .Endlich gestaltete sich ihr Geschick freundlicher und milder. Kaulla nämlich, die Tochter des durch einen unglücklichen Fall in Skgmaringen schnell verstorbenen Raphael, wurde, in den Zeiten des Reichskrieges, durch ihre bedeutenden Verbindungen mit vielen Großen der Erde, eine sehr angenehme Frau. Sie erhob sich aus dürftiger Niedrigkeit zur glänzenden Höhe, daß sie saß neben den Fürsten der Völker. Sie war^eine Debora ihrer Zeit, eine Mutter in Israel, denn es durfte sicher wohnen im Lande, in den Letzten Lebensjahren des Fürsten, der sehr wohlthätig und ein Gönner der Israeliten wurde, so daß er z. B. an jedem Versohnungstage die Synagoge besuchte. Auf ihren Antrag wurde auch die Errichtung eines Bretterzauns um den Gottesacker gestattet. Das Grundeigenthum hat sich aber der Stadtrath Vorbehalten, und muß die Gemeinde noch jährlich den Bodenzins bezahlen. .Nach ihr benannte sich die ganze Familie. Ihr Bruder und Schwiegersohn Jakob Kulla war ein frommer, mit Lob bekannter Menschenfreund. Er erhielt von verschiedenen Seiten schöne Beweise der Anerkennung and Auszeichnung.7) Durch die Güte seines Herzens und durch seinen Einfluß auf den Fürsten Hermann Friedrich Otto (1798—1810), 1) In einer bei Heidenheim zu Rödelheim (1802) im Druck erschienenen.Broschüre (ton nm “W DDD) sind mehre Handschriften gesammelt, welche ihm von dem Kaiser Franz II, dem Erzherzoge Carl, und von den Rabbinern in Prag zugestellt wurden. Zufolge der Patente vom 9. Juli und 5. August 1801 wurde er, in Betracht seiner den Armen geleisteten Dienste zum k. k. österr. Rath ernannt. Der Feldmarschall rühmte, in den an itm aut> dem Hauptquartier zu Donaueschingen unterm 3. Februar 1800 und von Wien unterm 23. Juni und 27. Juli 1801 gerichteten Briefen, seine Handlungen ausgezeichneter Wohltha'tigkeit und Menschenliebe. Bei seiner Anwesenheit zu Prag im Dec. 1800 wurde ihm von den Appellanten, R. Samuel Landau, jR. Michael Bacharach und R. Eleasar F l e ck e l e s, ein Rabbiner - Diplom überreicht, in Erwägung seines zum Wohle Israels angewendeten Einflusses und seiner den Nothleidenden und armen Gelehrten und Schülern erwiesenen Großmuth. R. Israel Landau beschreibt in einem Briefe die beispiellose Ehre, welche ihm in der Meiselschute, sowie von den Stadthauptleuten und Honoratioren erwiesen wurde. Neffen seines Vorgängers, hatte er das Wohl der Gemeinde befördert. Auf sein Gesuch wurde gestattet, eine hohe, starke Mauer um den Gottesacker errichten zu lassen, da die Zaumbretter stets entwendet worden waren. 1800 wurde sie, wie auch der Bau einer Schlafstätte außerhalb der Stadt, zumgroßen Jubel der Gemeinde vollendet. Auch wurde das Hochgericht aus der Nähe des Gottesackers entfernt, der nun mehr auf einem von drei Seiten von einem dunklen Tannenwäldchen kühlumschatteten Hügel liegt, ein rührendes Bild irdischer Vergänglichkeit, stiller Abgeschiedenheit und sanfter Wehmuth. Die Israeliten wurden von der Pflicht, persönliche Militärdienste zu leisten, durch eine jährlich zu entrichtende Summe entbunden, was eine unendliche Freude in der Gemeinde bewirkt hatte. Zur Zeit der Kriege Oesterreichs mit Frankreich blieben sie von allen Geldkontributionen und Naturalien - Requisitionen verschont, obgleich der schwäbische Kreis hart bedrängt wurde. General Moreau verschonte gleichfalls die beiden Fürstentümer, und brauchten nur die durchmarschierenden Truppen, welche einauartirt wurden, unterhalten zu werden. Unterm 1. Januar 1800 wurde auch der vierte Schutzbrief auf die Dauer von 40 Jahren, „gegen eine angemessene Remuneration an die Hofkammer" dekretirt. Er ist in. einem für jene Zeit milden Sinne abgefaßt. Kaulla starb 1809 und ihr Bruder Jakob 1810.,«) Schon früher waren mehre Mitglieder der Familie nach Hanau, München, Augsburg u» Stuttgart8 9) ausgewandert jetzt zogen allmählig auch die zurückgebliebenen Verwandten nach Stuttgart. Die Gemeinde dahier, und in der Friedrichstraße hatte sich aber verhältnißmäßig sehr vermehrt, da die Aufnahme in den Schutzverband und der damit verbundene Heirathskonsens nicht nur von jedem Eingeboren, sondern auch von jedem Ausländer, für welchen man sich verwendete, oft gegen den Willen der Gemeinde, mit leichter Mühe erlangt werden konnte. Die glänzenden Zustände waren eine anziehende Lockspeise, denn es gab eine Zeit, da man den Mangel an Gemeindearmen unangenehm fühlte, weil man nicht wußte, wie man die Wohlthaten zweckdienlich anbringen sollte. Es fehlte ein kluger und freimüthiger Josef, der Vorrathskammer für die Zukunft errichten ließ. Nur wenige Stiftungen sind in ber Gemeinde, und auch diese bleiben verwahrlost und ohne Aufsicht. 8) Die angeblich von I. L. Ben-Seeb verfaßten Inschriften auf den aus Marmor errichteten Grabsteinen sind' etwvs zu künstlich und überladen, wie gewöhnlich die hebräischen Grabschriften zu schwülstig sind. 9) In den „Merkwürdigkeiten von Stuttgart" (1814) wird unter der Rubrik „Religion" mitgetheilt, daß man 76 Juden im Jahre 1809 gezählt hat, welche keine Synagoge, sondern nur einen Privat-Gottesdienst und einen Vorsänger hatten. In dem Distrikt D. befand sich die (ehemalige) Iudengaffe von Nr. 271 bis 296.