Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1844)
- Date
- 1844-08-06
- Page
- Seite 246 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Leitung und ökonomischen Verwaltung der Lehranstalt wurde eine Kommission aus einer größer» Anzahl von Mitgliedern, als es nothwendig war, zusammengesetzt, um eine größere Zahl einflußreicher Bürger durch Schmeichlung ihres Ehrgeizes für sich zu gewinnen und zum Vortheile der Schule auszuheuten, und vorzüglich um ihre Vereinigung mit den Gegnern zu vermeiden. Diese Kommission setzte mit Einstimmung der Gründer einen Lehrplan fest, nach welchem in der Schule außer der alten hebräischen Sprache und dem Lalmude, auch die russische und deutsche Sprache , die Rechnenkunst und das Schönschreiben gelehrt werden soll. Durch die eifrigen und unermüdlichen Bemühungen einiger wahrhaft gutgesinnter Personen, durch die Mitwirkung der aufgeklärten Behörden, und durch das vorsichtige Vermeiden alles desjenigen, was den alten, misverstandenen jüdischen Vorschriften entgegen sein könnte, übrigens nicht ohne geringen Widerstand der Unwissenheit und der Böswilligkeit, gelang es doch den ersten Grundstein niederzulegen zur Regeneration des größten Theiles der jüdischen Bevölkerung Odessa's, und der 6. November 1826 war der denkwürdige Lag der Eröffnung der Odeffaer Schule, zu der Zeit die erste in ihrer Art im weiten Reufenlande. In demselben Monate wurden mit Einstimmung der Gemeinde aus den jüdischen Gemeindeeinkünften 5000 Rubel jährlich zur Bestreitung der Schulausgaben bestimmt. Bei Eröffnung der Schute zählte man nur 63 Knaben, von denen der größte Lheil noch stammelte; sie waren alle Kinder der Begründer und besonder» Eiferer der Schule, oder solcher Eltern, die durch ihre Verhältnisse von den Ersteren abhängig waren. Alle Knaben wurden nach dem entworfenen Lehrplane vermöge ihres Alters und ihrer Fähigkeiten in den drei Klassen vertheilt. Die Eröffnung der Schule ist unstreitig die wichtigste Epoche in der Bildungsgeschichte der Odeffaer Juden. Nun nahm alles eine andere Richtung, nun fand eine gewisse Ordnung im Gemeindewesen Eingang. Ohne Zweifel ist eine der vorzüglichsten Beweise einer wohleingerichteten Gemeinde der gute Stand und die eingeführte Ordnung in den Gemeindeeinkünsten. Früher herrschte darin unter den Juden die schrecklichste Unordnung und selbst mancher Misbrauch war nicht selten. Die Gemeindegelder befanden sich in den Händen von Privatpersonen, dem sogenannten Kahal, die mit ihren Anhängern eine privilegirte Kaste bildeten und Niemandem von ihren Handlungen Rechenschaft ablegten. Der erste Schritt der Wohlgesinnten nach Eröffnung der Schule war die Sicherstellung des für diese Anstalt festgesetzten jährlichen Kapitals. Dadurch schenkten sie auch den Gemeindeeinkünften überhaupt ihre Aufmerksamkeit und übernahmen mit Beiwirkung der Behörde die Aemter der Gemeindevorsteher. Die privilegirte Kaste wurde nach und nach von der Verwaltung entfernt: die Einkünfte vermehrten sich, ohne daß man die Gemeindelasten vergrößerte, und eine regelrechte Kontrolle wurde ekngeführt, die bis' zur Stunde besteht. Die Folgen waren: 1. Die Möglichkeit, die unter der srühern Verwaltung aufgehäuften Steuernachträge und Privatschulden zu tilgen und jährlich regelmäßig die laufenden Abgaben zu zahlen, ja selbst noch bedeutende Summen für wohlthätige Zwecke zn verwenden. 2. Die Möglichkeit, das frühere finstere, feuchte, schmuzige Spital in ein Helles, reinliches, ja elegantes Krankenhaus mit 60 Betten umzuwandeln, in der Moldauer Vorstadt gelegen, und mit allen Bequemlichkeiten, einem Brunnen und einem großen Garten versehen. Für dieses Krankenhaus ist jährlich aus den Gemeindeeinkünften 6200 Silber Rubel bestimmt und genießt nicht nur das Vertrauen der Bewohner Odessa's, sondern auch der umliegenden Ortschaften, von wo Kranke herbeiströmen und bei den Bemühungen der thätigka Aufseher und des geschickten und erfahrenen Arztes ärztliche Hilfe, Ruhe und gesunde Nahrung erhalten*). 3. Die Möglichkeit, die Einkünfte der Schule im Maaße ihrer Entwickelung zu vergrößern, und die glänzendste Entfaltung dieser Anstalt im Verhältnisse der auf sie gewendeten Mittel. So besteht die Schule anstatt der drei Klassen mit 63 Knaben , die blos in den ersten Elementen des Wissens Unterricht erhielten, seit 1838 aus 6 Klassen, in welcher sms männliche Geschlecht gelehrt wird: die russische, deutsche und hebräische Sprache und Literatur, die französische Spruche, Geographie, Geschichte, Encyklopädie der Gesetze, besonders für den Handelsstand berechnet, Rechnenkunst, Buchhaltung und Schönschreiben; in der weiblichen Schule, gegründet im Jahre 1835 durch die Bestrebungen der Lehrer, im Jahre 1838 mit der jüdischen Schule als zweite Abtheilung vereinigt,, erhalten die Mädchen außer in Sprachen, in verschiedenen weiblichen Handarbeiten Unterrichtdie Zahl der teilnehmenden beläuft sich in beiden Abtheilungen jährlich <4 400. Endlich hat die Gemeinde für die Schule ein eigenes Haus bestimmt, das noch 400 Rubelin Assignationen jährlich trägt und zu den Einkünften der Schule geschlagen werden, so daß sich dieselben gegenwärtig auf 29,000 Rubel Ast signationen belaufen. Hier dringt sich unwillkürlich die Frage auf: entspricht die Schule den Opfern der Gemeinde, und sind ihre Früchte so viele Mühen und Ausgaben werth? Als Antwort sei es uns erlaubt auf den Einfluß hinzuweisen, den die Schule ans die gesammte jüdische Gesellschaft unserer Stadt ausgeübt. Die Fortschritee der wohlthätgen Richtung, die durch die Erziehung in der Schule der noch unentwickelte Verstand der ’) Es ereignete sich wohl, daß Juden sich Krankheit halber im allgemeinen Krankenhause sich aufnehmen lassen, doch dies geschieht nur in außerordentlichen Fällen, zum Beispiel bei Augenkrankheiten oder nothwendigen Operationen, wofür dos jüdische Spital keine hinreichenden Mittel besitzt, oder wen» die volle Zahl keine neuen Kranken -mehr aufzunehima erlaubt.