Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 31 (30.7.1844)
- Date
- 1844-07-30
- Page
- Spalte 485-486 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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485 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beMheilt von Dr. Steinheim. 486 von der Natur empfangen. Somit können wir sag-en-, der Mensch ist von Natur-frei"-. Allerdings! allein, wer dies auf die Weise unsers Autors Lhut-, der sucht uns entweder Sand in die Augen zu streuen, oder . . . . nun dies Oder fülle rin andrer aus! der Mensch ist von Natur frei heißt: der Mensch ist vermöge seiner Natur frei, nicht durch die Nature Diese letzte Deutung — die des H.rn H i r sch — bezeichnet gerade das Gegentheil von dem, was wirklich ist, nämlich der Mensch ist von Natur, d. h. soweit er der Natur (natura naturata) angehört, den Geste tz en der Or ga n i sa ti o n untergeben. Jene Freiheit aber, die unserm Autor die abstrakte, die leere heißt, ist im Grunde wirklich ein Geschenk; nicht aber der Natur; denn Niemand kann schenken, was er nicht hat, aber Gottes, der den Menschen in Seinem Ebenbilde geschaffen und ihm die lebendige Seele in die Nase gehaucht, ihn zum freien, Ihm selbst gleichenden Geiste gestempelt hat. Aber auch trotz diesen, nicht ganz verzeihlichen Sophismen wollen wir dem Lehrer folgen, um doch am Ende das tieferhabene Wort ausgesprochen zu hören, das Himmel und Erde bewegen soll und kann, der Ausdruck für den tiefinnern Sinn der heiligen Schrift. — Er lehrt weiter: „Die Freiheit kann das ihr von der NatUr Gegebene nur als Material verbrauchen, sich selbst darin zu verobjektiviren . . . nicht aber sich selbst, noch ihren Inhalt aus den Händen der Natur empfangen. Somit isi der Mensch nicht von Natur frei, sondern er muß sich erst zu dem machen, was er von Natur ist, er muß sich erst frei machen." Das heißt — dünkt mich —- nichts anders , als der Mensch hat das Vermögen zur Freiheit; seine Stellung in der Natur giebt ihm Stoff, dies Vermögen zu einer That zu realisiren, d. h. es in Anwendung zu bringen, und dadurch kann er thatsachlich feinem Berufe entsprechen. Freiheit ist, wie jedes Vermögen, nur — ein Vermögen; ob es zur Wirklichkeit werden, in Ausübung gebracht werden soll, das ist noch erst eine Hauptsache. In diesem Sinne heißt aber: der Mensch „muß sich erst frei machen" nichts als: er muß sein Vermögen nicht ruhen, sondern thätig sein lassen. Man muß aber beileibe nicht mit dem Verfasser daraus ableiten, daß der Mensch damit etwas Nichtiges, seine Freiheit von Natur, erst zu einer wahrhaftigen mache. Es ist zwar traurig und bedauerlich, wenn eine so schöne Gabe unbenutzt bleibt, aber die Gabe ist Gabe an und für sich, w-e ein mit der Malergabe begabte Raphael, ohne Hände zufällig geboren, doch immer noch dieselbe Gabe behielt, aber sie nicht bethätigen konnte. Was der Herr Doktor uns ferner lehrt, daß sich der Mensch zu dem 'machen müsse, was er von Natur sein soll, ist nichts anders, als das: Er soll seine Gottesgabe, wie sich's gebührt, im Leben in Anwendung bringen, sich durch die ihm geliehene Freiheit von etwaigen Fesseln des 'Naturzwanges zu befreien; er hat einen Schlüssel: nun so öffne er damit, oder schließe wie es die Zeit mit sich bringt. Allein die Freiheit ist nur W Vermögen der Wahl und steht dem Naturmechanismus des Triebes gegenüber. Die Fr ei h reit ist an sich Mchgiltig., und kann zur Wahl des Bösen , wie zu der des Guten führen. Rechte Wahl ist rechte Erkenntniß, dem Willen das -Rechte zu thun; -aber nicht minder frei ist die Wahl gegen die Erkenntniß; ja, man könnte sogar versucht werden, erst in dem Wählen gegen diese 'Erkenntniß die rechte, die thätigste Freiheit erkennen. So läßt Shakespear seinen Richard den Dritten, mit voller freier Wahl, gegen bessere Ueberzeugung, zu einem Ungeheuer sich bestimmen. Mit dem Verwirklichen der Freiheit ist also auch nichts abgcthan. Dean cs ist das mahnende Gewissen eben sowohl ein Zwang, wie die Gesetze des Triebes; wer sich von jenem zu befreien sucht, und dies ausführt, verwirklicht im eigentlichen Sinne feine Freiheit eben so sehr, wie derwelcher sich vom Naturzwange befreit; daß die Folgen verschieden in beiden Fällen sind, -entscheidet über die Realität der Freiheitdes in Thätigkeit versetzten angeborenen Vermögensgar nicht. Allein noch immer forschen wir vergebens nach jener Lösung des größsten Räthsels, das der Inhalt der Religionsanschauung des Judmthums in sich schließt! Nur noch ein Kurzes Geduld, geneigter Leser! Wir Mächen 'einige stärkere Schritte, erst über §. 4 „Abstraktes Gottesb ewußtsein" der Mensch nimmt, wie gesagt, die Freiheit .als Geschenk auf, das ihm irgendwie geworden. Er schaut also über sich ein Wesen, das ihm diese Freiheit geschenkt (oben wars die Natur!) „dies allmächtige WeseN, das ihm diese Macht gegeben, nennt er Gott" das wäre ja wohl im Grunde der postulirte Gott Kant's? Hätten nichts dagegen; nur wäre dazu kein so weitläufiger Apparat von Pentateuch, großen und kleinen Propheten rc. erforderlich gewesen! Darauf übet §. 5. „Der Widerspruch" daß der Mensch von Natur frei und voll Natur nicht frei sei: (dieser Widrrspruch liegt allein im Doppelsinne des Wortes freiwovon schon oben das Hinlängliche gesagt worden). Aber „das Heraus-kommen-müssen aus dem Wiederspruch ist wieder einer" dieser ist: die Notwendigkeit der Möglichkeit der Sünde; die wirkliche Sünde ist notwendig eine zufälligenichtnotwendige. „Dieser Punkt von der Möglichkeit des Bösen, welche als Möglichkeit nothwendig ist, um dem Menschen das Mom en t seiner formalen Freiheit zu erhalten, welche aber nur Möglichkeit bleiben, und n i em als Wi rkl i chkeit werden soll, jedoch Wirklichkeit werden kann, ist der Angelpunkt, der Scheideweg, wo wir uns von der Neuesten Philosophie durchaus trennen; ist, wie wir noch sehen werden, der Grundgedanke des Judenthums, das Schibolet, worin Judenthum im Gegensatz zum Heidenthum und im Unterschiede vom Christenthum einzig und all ei n zu erkennen ist". Also das war das große Geheimniß! Daß der Mensch 31 *