Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1844)
- Date
- 1844-07-30
- Page
- Seite 238 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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238 aber in solchen Verhältnissen nicht so leicht eine Bevormundung durch Abzüge für Pensionsfonds u. s. w. stattfinden kann, braucht kaum > noch bemerkt zu werden. Die Fabriksbesitzer kennen übrigens die Ansprüche einer brodlosen Familie des in ihrem Dienste verstorbenen Arbeiters zu gut (und sie macht doch wohl keine geringere als jeder Arme), um nicht schon jede Fürsorge für diese, so weit es in ihrer Macht ist, zu begünstigen. In allen jenen unglückseligen Verirrungen der Menge spiegelt sich das Mangel- und Lückenhafte der gegenwärtigen Volksbildung ab. Aber nicht Schulunterricht, nicht Schulbildung ist es, welche fehlt, sondern diejenige Bildung des öffentlichen Geistes und der öffentlichen Meinung, welche jeder Rohheit der Gesinnung und der That das Schandmal der Verwerfung und Ausstoßung aufdrückt, welche alle Klassen der Bevölkerung ohne Unterschied des Standes und des Glaubensbekenntnisses mit dem Einen gemeinsamen Bande, mit dem Bande der Liebe und echren Menschlichkeit umschlingt, mit Einem Gefühl erfüllt und durchdringt: mit dem Stolz der Gesittung. L. D e st e t x e i ch. Peng, 22. Juli. Der steinspeiende Arbeiterkrater hat ausgelobt, unser Militär hat siegreich den Wahlplatz verlassen, die Polizei hat ihre Unentbehrlichkeit dargethan, und unsere Juden sind schrecklich enttäuscht worden. Wenn wir von den Geburtswehen der czechischen Nationalität hörten, wenn slavische Zeitungsherolde das Herannahen des Böhmenreiches verkündeten, glaubten wir, die Freiheit habe sich nach den böhmischen Wäldern verirrt, habe, aus einem deutschen Staate verjagt, zu den Böhmen sich geflüchtet. Es war, als sähen wir schon die Juden im neuerbauten Rathhause sitzen, in Uniform neben ihren Mitbürgern einherziehen, an der Universität mehre Lehrstühle okkupiren. An Kleinigkeiten, wie Wohnen in der Ehristenstadt, Laden auf dem Markte eröffnen, und dgl. dachten wir gar nicht. Es war, ist aber nicht. Wir haben es erlebt, das finstre Mittelalter. Ich will die neuen Blutzeugen, deren ich in meinen früherm Berichten oft erwähnt, nicht noch einmal die Revue passiren lassen; ich will ihn nicht abzahlen, den Rosenkranz des katholischen Fanatismus; ich will nicht besonders hervorheben, daß mehre Bürger, aus purem Pietismus, den jüdischen Miekhlingen die Wohnungen ausgekündigt: dies alles diene mir blos als Unterlage zu meiner Kritik. Wenn die Volksmasse ihre tolle Wuth gegen die Juden kehrt, so können wir höchstens den Staat bedauern, der seinen Unterthanen keine bessere Bildung zu geben weiß. Die Wuth ist blind, der Haufen roh, und gegen Blindheit und Rohheit zu Feldeziehen, hieße gegen Windmühlen ankampfen. Der Schauplatz wird aber ein ganz andrer, wenn Gebildete und Gelehrte in der Judenhaß-Tragödie Hauptrollen übernehmen: hier ist Berechnung, Plan, Vorsatz und Ausführung. Während der willenlose Votkshaufen von einer unwiderstehlichen Macht getrieben wird; während Hunger und Noch, Raublust und Habsucht die Faktoren sind, welche die Judenbe: kämpfung zum Facit haben, ist der Gebildete für seine Handlungen. verantwortlich, sind Neid und Eifersucht, Misgunst und raffinirter Judenhaß die ihn bewegenden Momente. Wo ist aber der erste Ursprung des Nebels zu suchen? In der Nichtemancipation der Juden und Christen! Jeder Mensch will frei im vollen Wortstnne sein und sucht es auf irgend eine Art zu bethatigen. Dein Einen ist seine Dienerschaft das Objekt, an dem er znin Freiheitshelden wird, dem Andern seine Umgebung. D?r Böhme hört abgebrochene Laute der Freiheit aus fremden Ländern, es wird ein Drang in ihm rege und er vecsucht es, dem Juden gegenüber, als frei zu gelten. Der Staat kann zu jeder Zeit auf die gedrückte Lage der Juden Hinweisen, um dem Bürger dessen unendlich bessere Stellung zu beweisen. Es ist dies eine feine Politik. Man unterhält Heloten, um durch den Gegensatz, einen Schein von Freiheit zu gewinnen. Waren die Juden im Besitze derselben Koncessionen, welche die Katholiken als Privilegien besitzen, so würden diese ihre Forderungen höher stellen, die aber der Staat nicht gewähren kann, ohne die Grundvesten seines Wesens za unterminiren. Man muß daher h i nauf steigen, wenn man dem Uebel auf den Grund kommen will. So lange der patriarchalische Staat seine jüdischen und chch lichen Bürger am Gängelbande herumführt, diesen mehr, jenen weniger Bonbons giebt, wird das Mehr und Weniger immer in einem Wechselverhältniß zu einander stehen, indem das Mehr auf dieser, nur durch das Minder auf jener Seite stärker wird. Was haben aber die Juden zu thun? Mehre reiche Juden — unter Andern die Herren Porges und die reiche Witwe W. — sollen bereits den Entschluß gefaßt haben, Prag zu verlassen. Dies isl das Beste, das die Juden, in ihrer gegenwärtigen thun können. Der Staat wird es nicht gleichgiltig cnisehen, wenn Millionen und die mächtigsten Hebel der Industrie ihm den Rücken kehren. Er wird in sic!) gehen müssen, wenn die Beförderer der Industrie von ihm hinweggehen. Allein selbst bei dem AB wandern zeigt sich der Widerspruch, in dem der SlM sich bewegt. Die Erlaubniß zum Auswandern ist mit vielen Schwierigkeiten verbunden; das Verhaltniß da Juden zum Staate ist also kein Schutzverhaltniß, der Erstere doch leicht auflösen können müßte. Staate lebt der Jude als ein Schützling — denn wBlich als Uuterthan wird er doch nicht betrachtet und dchandelt —; will er sich aus dem Staate entfernen in einen andern ziehen, der ihn mit offenen Armen