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Der Orient · 1844-07-30 · Heft 31 (30.7.1844) · p. Seite 236

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 31 (30.7.1844)
Date
1844-07-30
Page
Seite 236 (sequence 7)
Language
German
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236 Königsberg. (Kön. Allg.Zeit.) Die Unruhen in den Kattunfabriken zu Prag. Das Leben erzieht den Menschen; es ist die Schule der Völker, und kaum dürfte in Abrede zu stellen sein, daß zunächst Deutschland, jetzt, bei den so häufig vorkommenden mit der rohesten Zerstörungswuth vollzogenen Angriffen einer Völkermasse (nicht immer durchaus niedrigen Standes) auf Personen und Eigenthum, von dem Heldenzuge gegen das von Habersche Hotel in Karlsruhe, und von den Abendunterhaltungen vor den Fenstern der Juden in Gesecke an bis auf den Vandalismus des 19. Jahrh. in Peterswaldau und Langenbielau, wieder einmal gar tüchtig in die^ Schule genommen ist. Um so bedauerlicher ist es dann, wenn diesem Ernst der Verhältnisse, das ernste, starke unbefangene von allem Cliquenwesen ungetrübte Wort vorenthalten wird, und wenn dieser Ernst der Verhältnisse, der die betrübendsten Betrachtungen über unsere heutigen hochgerühmten Culturzustände anregt, nicht im Stande ist, die Mißgunst, die kleinliche Eifersucht, den religiösen und andern Dünkel vollkommen zu entwaffnen. — Ein Correspondenzartikel der Allg. Preuß. Ztg. Nr. 175 (abgedruckt in dies. Z. Nr. 149). datirt aus Prag, '19. Juni, berichtet von einer daselbst stattgehabten Auflehnung der Drucker in den Kattunfabrikem „Vor einigen Lagen waren wie früher schon sehr häufig, so auch diesmal, zuerst in der Kattunsabrik der Brüder Poyges (soll heißen: Porges) Streitigkeiten zwischen den Fabrikbesitzern und den Druckern über das Lohnausmaß entstanden, die auf Requisition der Erster» zur gefänglichen Einziehung einiger Wortführer führten. Dadurch noch mehr erbittert, legten die Drucker gestern Vormittag die Arbeit nieder, versammelten sich jedoch bald darauf zur Ausübung von Exeessen in der Fabrik, welche mit persönlichen Mißhandlungen und endlich sogar gänzlicher Zerstörung der Perrotinen endeten u. s. w." Es wird dann weiter angegeben, wie später die Verheerungen durch das Eintreffen des Militärs gestört, wie aber dieselben Drucker am folgenden Morgen in Vereinigung mit andern, auch in andern Fabriken der Stadt und Umgegend Mißhandlungen und Zerstörungen wiederholten. Den Angaben über den Lhatbestand schließt der Berichterstatter endlich auch Anklagen an. „So strafbar übrigens die Auflehnung der Arbeiter auch ist. .., so kann doch andererseits das bisherige Verhalten der hiesigen Besitzer der Kattunfabriken nicht gebilligt werden. Eben weil sie als Israeliten in den untern Schichten der Bevölkerung wenig Anbänglichkeit haben, sollten sie um so mehr beflissen sein, durch Fabriksschulen, Ersparungs- und Pensionsfonds die sittliche und materielle Lage ihrer Arbeiter verbessern zu helfen, was ihnen bei diesen und den übrigen Klaffen der Bevölkerung gewiß bleibende Sympathien erwerben mußte. Leider aber ist von den hiesigen Fabrikanten bisher gar nichts geschehen, um durch Unterricht oder anderweitige Unterstützungen der in ihren Fabriken beschäftigten Kinder und Arbeiter, dem, was in anderen Fabriksorten derartiges geschieht, sich gleichzustellen." In allen Kreisen giebt es Individuen, die gleichsam für die Repräsentanten ihrer Gattung genommen werden können und für die deshalb zuweilen besondere Aufmerksamkeit |n Anspruch genommen werden darf. Schon im Eingänge des Berichtes heißt es von den Streitigkeiten, daß sie „wie früher schon sehr häufig, so auch diesmal zuerst" bei den Brüdern Porges entstanden seien. Es mag deshalb um so eher hier einigen Personalien, wie sie nun nicht eben bedeutungslos in den Kreis der öffentlichen und wichtigsten Zeitintereffen hincinragen, Raum gegönnt sein. Die Brüder Porges (Edlen von Portheim), gegenwärtig etwa in den sechziger Jahren, deren hochgeachtete Eltern jedoch nur eines sehr bescheidenen Wohlstandes sich zu erfreuen hatten, (der Vater von der liebenswürdigsten Sanftheit und fast verklärenden Milde des alle ftillern männlichen Lugenden in sich schließenden Charakters, lebte der frommen Beschäftigung mit religiösen Schriftwerken, die Mutter besorgte in einem kleinen Laden den geringen Erwerb) waren, seitdem sie über das Knabenalter hinausgekommen, stets zunächst auf sich selbst und m besten, vollen Sinne des Wortes auf ihr gutes Geschick angewiesen. Von ihrem Fleiße, von ihrer intelligenten wie moralischen Tüchtigkeit unterstützt, auch durch Handelsconjummn besonders begünstigt, gelangten sie endlich zu ihrem gegenwärtigen eben so ehrenvollen und weithin wohlthätigen, als umfassenden und großartigen Geschäftsbetrieb. Gradheit, eine streng-rechtliche Haltung und hohe Energie möchten als Hervorstechende ihres Charakters zu bezeichnen sein. Daj Männer von solchen Eigenschaften nicht eben dazu gemadjt sind, mit ihren Arbeitern in sentimentaler Weise zu unterhandeln, ist wohl klar. Ihre Behandlung der ihnen Untergebenen wurde übrigens immer als eine vorzügliche und im hohen Grade anerkennende gerühmt. Die strenge Aufrechthaltung der einmal gegenseitig eingegangenen Bedingung erscheint als unzertrennlich von jener festen, ernsten Haltung, wie sie allein in einem so ausgedehnten Fabriksbetrieb einer zahlreichen ungebildeten Menge gegenüber, das Bestehen in seinen wesentlichsten Stützen sichert. Wenn schon früher „sehr häufig Streitigkeiten u. s. w." bei ihnen vorkamen, so dar! man wohl ziemlich zuversichtlich annehmen, daß es eben mir der in ihren Augen ganz angemessene Widerstand gegen nnberechtigte Forderungen war, Forderungen, die weiter gar nicht befremden können, bei vorerst ungebildeten Arbeitern, welche jeden zweifelhaften Fall (hier wegen des zuweilen etwas abweichenden Maßes der Rohstoffe wohl nicht selten) gewiß W fort ohne alles Bedenken zu ihrem Gunsten auszulegen geneigt sind. Auch selbst gefängliche Einziehungen mögen früher schon stattgefunden haben. Aber warum sie diesmal, dann unstreitig zum erstenmal, solche Unthaten zur Folge hatten, darauf kann nur erst dann befriedigend geantwortet werden, wenn man wird angeben können und mögen, warum gerade jetzt dieser seditiöse Geist unter der deutschen Bevölkerung in verschiedenen Gegenden hervorbricht, dieser Geilt eines dämonischen Ungethüms, der sich einer rohen Volksmenge bemächtigt, wenn sie wahnwitzig in ihren eigenen Eingeweide»

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