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Der Orient · 1844-07-30 · Heft 31 (30.7.1844) · p. Seite 235

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 31 (30.7.1844)
Date
1844-07-30
Page
Seite 235 (sequence 5)
Language
German
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geeigneter ist in Strenge übet kurz oder lang zu geschmeidigen als ein Kaffendesicit. Zwei Falle waren es besonders, wo das erwähnte Kollegium seine Konsequenz behaupten wollte und die eben in letzter Zeit recht fatal für seine Existenz wurden. Erstens der kategorische Imperativ, daß kein neues Mitglied zum hiesigen Sradtbürgerthum zugelassen werden sott, daß sich nicht vorher mit dem Vorstand und der BeerdigungsgeseUschaft, der gefügigen und geschmeidigen Bundesgenossi'n, abgesunden har. Zweitens daß keine Trauung vorgenommen werden dürfe, wenn das vom Staate geforderte Aufbietennicht in der vom Vorstand überwachten Synagoge von seinen Kultusfunktionären ge- - schehen ist. Dadurch glaubte der Vorstand seine Autorität über alle Angriffe gesichert zu haben; allein eben hierdurch weckte er die schlummernde Nemesis. Denn wie könnten sich diejenigen einen solchen auf nichts als auf dem verschimmelten Herkommen gegründeten Zwang gefallen lassen, welche die entschiedenste Antipathie gegen den Vorstand, seinen Rabbiner und seine Kultusbeamten ganz offen aussprechen? Sie fragten höhern Orts über die Berechtigung des Vorstandes an und erhielten den . erwünschten Bescheid, daß sie sich keinerlei Zwangsmaaß- - reget gefallen zu lassen brauchen und daß die Stadtbe- - Horde, welche dem Vorstand hierzu die Hand geboten, aufs eindringlichste für die Folgezeit dagegen gewarnt worden. Ein harter Schlag für den stolzen autokratischen Vorstand. Aber nun erst die Legion von Verle- - genheiten, welche in Folge dieser verlorenen Processe er- ' wuchsen! Viele Mitglieder der großen Synagoge, die sich nun auf keinerlei Weise an dieselbe gebunden sahen, .fugten sich von derselben ganz los, die Kultusbeamten bestehen in Folge dessen auf Entschädigung, da sie auf accidmtelle Revenuen angewiesen sind, die durch den zunehmenden Austritt bedeutend geschmälert worden — dieses noch zu dem schreienden Finanzdesicit! -— In dieser mislichen Lage blieb dem Vorstand ckein anderer Ausweg, als die Schaam zu überwinden und sich für überwunden zu erklären. Ein gedrucktes Eirkular vom 24. Juni, das die letzten Tage den Mitgliedern der großen — scilicet reformatorischen Synagoge zugekomnien und das ich mir beizulegen erlaube, legt das Gestandniß der bedauernswerthen Verlegenheit ab. Es lautet: ,,Nachdem wir uns veranlaßt gefunden, den mit dem Hrn. I. P. Silberstein gehabten Synagogen- Mieths-Kontrakt aufzulösen, weil die Mitglieder der Gesellschaft der Brüder zu Michaeli d. I. die Synagoge verlassen, und wir dann außer Stande sind, die betreffenden Kosten aufzubringen, so unterlassen wir nicht, Änen hiermit die Anzeige zu machen, daß Ihr Mietkontrakt zu Michaeli d. I. seine Endschaft erreicht." bezeichnet der zeitige Synagogenvorstand L. S. Eohn Jun- Wilhelm Bloch. halte es nicht für überflüssig hierzu einen kleinen Kommentar zu geben für das auswärtige Publikum, dem nicht Alles in diesem wichtigen Dokument verständlich sein dürfte. — Die hiesige Gemeindewelche den kühnen Schritt gethan, dem Neformprincipe die erste Stätte in Preußen zu bereiten, besitzt nicht einmal eine Synagoge, die unerläßlichste Bedingung, wenn irgend ein geistiges Princip sich einen Weg zum Herzen des Volkes bahnen soll. Zwar besteht hier neben zahlreichen Duodez-Synagogen eine prachtvolle im besten Geschmacke und edelsten Style erbaute Synagoge; allein diese ist das Pcivateigenthum eines Hrn. Sil becstein, der sie für ein Tantieme den Meistbietenden vermiethet, und nur darauf bedacht ist, seine Procente herauszubringen. Diese Synagoge war bisher der Gesellschaft der Brüder und den Dilettanten der Reform vermiethet und von denselben die größten Geldopfer erschwungen, die bedeutenden Kosten für das Lokal und Personal aufzubringen. — Indem der Synagogenvorstand, identisch mit dem Obervorstand, diese Synagoge verließe, und verlassen muß, ist er zugleich genöthigt, alle die gloriösen, im heißen Kampfe errungenen Reformen, wie deutsche Predigt, Ehoralgesang, Auslassen des Äsharot-Pijut am Schabuotfeste mitfallen zu lassen, wenn er sich nicht der Lächerlichkeit aussetzen will, diese Neuerung in einem beschränkten Minjan-Lokale fortzusetzen.— Wie aber wird es mit dem reformatorischen Rabbinate stehen? Nun damit scheints vorläufig noch keine Gefahr zu haben. Die Rabbineraktien haben mit der Eisenbahnaktienkrise in keinem engen Konnexus gestanden und ihr Cours erhält sich noch so ziemlich auf pari, wenn nicht etwa dadurch für sie ein Nachthell erwachsen könnte, daß die gottesfürchtigen Aktionäre, durch die bedeutenden Verluste in letzter Zeit entkräftet, nicht mehr im Stande sein sollten, ihr generöses Versprechen zu halten. Uebrigens, wenn dem Prediger auch die Kanzel entrückt wird, wenn dem Reformator die Gemeinde entläuft, so bleibt dem Religionslehrer doch noch, als letzter Nothanket, die von ihm errichtete Religionsschule, worin derselbe schon in seiner frühern Stellung ein bedeutendes Talent entwickelt hatte. Der Bestand dieser Religionsschule nämlich kann nicht so leicht erschüttert werden, da immer mehr dafür gesorgt wird, daß die jüdischen Eltern von den christlichen Schulrektoren gezwungen werden sollen, ihren Kindern in dieser und keiner andern Schule den Religionsunterricht ertheilen zu lassen. — Der aktuelle Zustand der zweiten Gemeinde des Königreiches zeigt nun ein seltenes Bild, daß sie bei zwei Rabbinen, zwei Vorständen, einer Menge von Synagogen, eigentlich genommen ohne geistliches Oberhaupt, ohne überwachende zusammenhaltende vorständische Behörde und ohne Bethaus existirt, worin die im bewegten Leben gegen einander gekehrten Gemüther in der Andacht und dem Aufschwung zum Alleinen versöhnt und verschwistert werden können. — 31 *

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