Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 30 (23.7.1844)
- Date
- 1844-07-23
- Page
- Spalte 467-468 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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467 468 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurtheilt von Dr. Steinheim. aus sich gesponnen, und dabei in die gewaltige Täuschung gerathen sei, als ob ein Anderer, wie er selbst die Welt geschaffen und die Tora gegeben habe. Nachdem nun Hr. Dr. Samuel Hirsch uns über diesen großen Irrthum berichtigt hat, müssen wir schon von unten zu ihm hinauf schauen, und große Entdeckungen über das erwarten, was unsere Vorfahren und respektive auch wir, verrichtet haben und verrichten , und zur Freude unseres Herzens uns belehren lassen, welche Thaten wir vollbracht, und zwar besonders im Gebiete der Religion; denn daß die ganze Welt aus unserm Geiste hervorgegangen , das wissen wir schon; es kommt nur noch darauf an, daß er uns das tiefe und große Religionsgeheimniß, das wir in unserer Blindheit nicht für unser Werk erkennen, bei Namen nenne. Die Flügelthüre des Allerheiligsten rollen auseinander, und der Glanz der Erscheinung überstrahlt uns.' — Bisher haben wir das alles in ununterbrochener Rede, mehr diskursiv, erfahren; von nun an geht es streng scientisisch her in organisch gegliederten Kapiteln und Paragraphen. Mit Recht l denn wo es gilt, sich von einem solchen Schatze in sich selbst zu vergewissern, und ihn. als sein Eigenthum zu reklamiren, da bedarf's eines strengen Beweises; da darf dem Zweifel keine Schwäche, keine Lücke sich bieten. Im ersten §. zeigt indeß der Herr Verf. eine nicht kleine Verlegenheit, wegen des Anfangs. Freilich ist jeder Anfang etwas schwer: allein, nachdem man einmal die Welt fix und fertig gemacht, muß es doch mit der Anthropologie selbst, die nach dem Vorgänge F. Feuerbach s') zur Theologie gemacht wird, kein solches Bedenken mehr haben. Und doch quält sich der Verf. mit ihm, und fragt: „Wie ist der Anfang anzufangen?" — Daß wir nicht „auf Treu und Glauben, sondern als Ueberzeugung aller" das Heilige und Herrliche von ihm annehmen, und durch eine „Nöthigung zur Anerkennnng desselben gezwungen" das versteht sich, denn wir sind nun, nachdem wir solange "uns über den Ursprung des Weltalls getäuscht hatten,- hinlänglich gewitzigt, und lassen uns fürder kein X für U vormachen. „In der Wissenschaft muß Alles bewiesen werden". Das Leichteste wäre „hier den Begriff der Religion auszusprechen, und dann rückwärts den Beweis für diesen ausgesprochenen Begriff aufzusuchen", das wäre allerdings nicht ganz übel. Allein dies kann nur die Mathematik. „Unser Weg kann dies nicht sein" das habe ich auch gedacht! Wir können also den Anfang nicht anfangen, weder mit Axiomen, denen der Mathematik gleich, von denen unser Herr Autor und wo mir recht ist, nur er, uns sagt, sie stützten sich endlich auf den Augenschein, aufdensensus *) In dessen „Wesen des Christenthums". Doch ist das Kap. XU, das von der Schöpfungslehre des Iudenthums handelt, jüdischen Religionsphilosophen ganz besonders zu empfehlen. „Die Creationslehre stammt aus dem Iudenthum rc." so beginnt das Kapitel. — eommuni8, auf das So —dafür —halten aller Menschen; noch mit der Zuflucht zu Grundsätzen, die keines Beweises mehr bedürfen (p. 4). Denn „Eine allgemein gültige Wahrheit kann gar nicht in einem Satze ausgesprochen werden" behauptet'Herr Dr. Hirsch. „Die Mathematik stellt zwar solche Grundsätze voran; z. B. daß zwei Nebenwinkel gleich 2 R. sind" — das muß der Hr. Dr. anders woher als aus dem E u k l t b t>at>en; denn dieser beweist diesen Satz, und hat keinen solchen Satz, als Grundsatz aufzustellen versucht. — Das gilt aber nur in der Mathematik, meint Hr. Dr. Hirsch. Wir sind mithin noch immer nicht soweit „den Anfang anfangen"^zu können. Man hat zwar im „Abhängigkeitsbew ußtlein, das man aus dem S chleierma cherschen Abhängigkeitsgefühl herausgebildet hat, einen solchen Grundsatz machen wollen. Allein unser Autor beweist die Unzulänglichkeit desselben. „Ist aber der Anfang mit einem Grundsätze unstacthaft, so tritt die Schwierigkeit mit verdoppelter Kraft hervor, wie ein Anfang wissenschaftlich zu gewinnen sei" (p. 8); denn nicht besser steht es mit denen, die in neuester Zeit auf speeiell jüdischem Boden hervorgetreten sind". In der Anmerk^ wird mir die Ehre erwiesen, neben Herrn Rabb. Hirsch, damals in Oldenburg, genannt, und auf einen zweiten Theil vertröstet zu werden. Wir haben es zu unserm Leidwesen erfahren, daß dieser zweite Theil noch immer nur erwartet wird. Ich liebe es, auf eine vernünftige Weise Alles hervorgesucht zu sehen, was sich gegen das Schibolet der Offenbarung einwenden läßt. Von seinem klugen Gegner muß man lernen; bei denen, die das Bessere zu haben versichern, sin die Schule gehen, und es sich nicht übel nehmen, wenn diese im Gefühle ihres Uebergewichts zuweilen dem Schwächer» wegen seines Uebermuthes einige Unannehmlichkeit machen. Meine Person gebe ich gerne dem Spotte preis, und um den Preis der edlen Wahrheit darf man mich unangefochten auslachen. Aber nicht vorher; nicht ehe man mir diese gegeben! Nicht einen Augenblick eher! Denn das ist unschicklich und unrecht zugleich! Aber warum sucht man denn überhaupt einen Anfang? Nicht um unsere Neugier, sondern um den Ernst der Wissenschaft willen. Denn „es handelt sich um das Sein und Nichtsein unsers geistigen Leb en s". Das ist allerdings ein Int eresse, das sich hören läßt! Also: wo fangt man an, a nzu fan g en? „Wir haben also Interesse an der wissenschaftlichen Erkenntnis' der Religion (p. 9). W e r sind denn Wir? Wie kommen wir zu diesem Interesse? darauf antwortet nun der §. 2. „Der Mensch ist das vorzüglichste Geschöpf der Erde: (Geschöpf? das wird die philosophische Dogmatik gleich wieder zurückzunehmen haben: denn durch diesen vulgären Ausdruck könnten wir leicht auf eine andern Schöpfer außer uns geführt werden, das alle früheren Erdbildungen in sich aufgehoben hat. Der Mensch ist nicht blos Mikrokos-' mus, sondern eine wesentlich neue Stufe in der Reihefolge