Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1844)
- Date
- 1844-07-16
- Page
- Seite 223 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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223 vorgerufen, zahlreich bevölkerte Städte, bequeme Häfen von Lausenden von Schiffen belebt, von den Flaggen aller Reiche und aller Völker geschmückt; nützliche Tätigkeit und erfinderische Industrie haben Millionen Hände in Bewegung gesetzt; in edlem Wetteifer beleben die aus allen Wettenden herbeigeströmten Nationen Ackerbau und Handel und verwandeln den Jungfernboden der Steppen in fruchtbare Ackerfelder und blühende Weingärten. Aber nichts reißt uns in dieser Gegend so sehr zur Verwunderung hin, als die rasche, fast unglaubliche Entstehung dieser wunderbaren, schönen, handeltreibenden, lustigen, mit einem Worte — dieser europäischen Stadt Odessa, die im i friedlichen Vereine Merkurs und Neptuns unter unfern Au-; gen nicht in Tagen, aber in Stunden sich in stolzer Pracht / erhoben. Ja, Odessa war in der Lhat mehr als einmal schon dos Erforschungsziel des Geschichtsschreibers und des polir- '1 scheu Oekonomen; es beschäftigte das Nachdenken und die f Tätigkeit des Agronomen und Viehzüchters, des reichen Kauf- \ nmnes und des arbeitsamen Handwerkers, es begeisterte den Künstler und Dichter. Ueber Odessa schrieb man in Reisebef fchmbungen und Zeitschriften; Schriftsteller aller Nationen' fchten es von verschiedenen Gesichtspunkten auf. Und worüber wurde nicht alles geschrieben? Vom Handel und von der k-Schifffahrt, von der Gartenkultur und dem Weinbau, von | den Sitten und Belustigungen, von den Bällen und Wohl- Wgkeitsanstalten, von den Heuschrecken, der Pest und den ^Men, von den Schulen und Wettrennen, von den Russen und Deutschen, von den Franzosen und Italienern, ja selbst I Den den Juden. Von den Letztern. wurde übrigens bis jetzt i m wenigsten gründlich gesprochen, und das darf auch nicht Wunder nehmen: man muß in alle Verhältnisse der nicht unwichtigen jüdischen Bevölkerung der Stadt eindringen, um i nicht nur irgend einen äußern Charakterzug aufzufaffen, sondern dem Urtheile des Lesers ein vollständiges, seine Aufl lmksamkeir ansprechendes Ganze zu übergeben; man muß, f 'Denn man nicht dem Volke angehört, über welches man ^schreiben will, sich wenigstens mit ihm wo möglich verweben, alle seine Eigenthümlichkeiten einzudringen suchen. Als Jude schmeichle ich mir befähigt zu sein, über meine - hiesigen Glaubensgenossen einige Nachrichten zu geben, die v Aufmerksamkeit des Statistikers und des künftigen Kulv.^'Historikers von Neurußland nicht unwerth sein könnten. werde mich glücklich schätzen, wenn meine Hoffnungen in l Erfüllung gehen, und künstlichere Hände meine, gegebenen Noj nützlicher ausbeuten. f I ' Die jüdische Bevölkerung Odeffa's erstreckt sich auf 1^,000 Seelen. Von dieser Zahl sind Eingeborene Odeffa's 6,988, und zwar 3562 männlichen und 3426 weiblichen ^schlechts; die übrigen sind aus andern russischen Städten ""d aus dem Auslände, vorzüglich aus dem österreichischen ^istrstcrate Eingewanderte. Von den in der Stadt Odessa inskribirtew Juden gehören 197 Familien, gegen 788 Seelen, dem Kaufmannsstande, 6200 Seelen dem gewöhnlichen Bürgerstande *) an. Die Zahl der Kaufleute verhält sich also zu der Zahl der gewöhnlichen Stadtbewohner wie 1 zu 9. Im Jahre 1842 waren unter den Juden in Odessa 7 Kaufleute erster Gilde, 9 zweiter Gilde und 187 dritter Gilde **). Von den Kaufleuten dritter Gilde waren in diesem Jahre 7 Notare, 24 Börsensensale, 1 Seeagent und 2 Noßmäkler. II. In Odessa grebts im Allgemeinen sehr wenig Fabriken und Manufakturen; die Juden haben gar keine. Der Handel der Odessaer Juden umfaßt außer den Banquiergeschäften noch alle Zweige der Ein- und Ausfuhr, des ausländischen und Binnenhandels. Die vorzüglichsten Waarenartikel sind rohe Produkte und Getreide, die in den westlichen Gouvernements, in Bessarabien und in Cherson gekauft, und dann auf dem Odessaer Platze losgeschlagen werden. Unter dem Getreide ist der Warzen der Hauptartikel, der auch in bedeutenden Quantitäten auf unfern Märkten eingekauft wird. Die von den Juden aus dem Auslande bezogenen Maaren sind verschiedene Manufakturate, die sie entweder geradezu aus England und Frankreich, oder aus Deutschland über Brody beziehen. Mit Thee wird auch ein bedeutender Verkehr getrieben. Ins Innere Rußlands werden von den Juden vorzüglich Baumöl, Baumwolle, Specereiwaaren und getrocknete Früchte ausgeführt. Der von den Odessaer Juden getriebene Kleinhandel iss auch ziemlich bedeutend. Nach einem im Jahre 1842 von. der Stadtverordneten im Auftrag des Stadtgerichts zum Behufe des Handelsausweises aufgenommenen Verzeichnisse ergaben sich 228 jüdische Laden und zwar: Tuch-, Manufaktur- und Galanteriewaacenhandlungen 67; Porzellan- und Faianceläden 4; Schuh- und Lederhandlungen 4; Laden mit fertigen Kleidern 4, mit Leinwand 2, mit Eisenwaaren 3, mit Spezereiwaaren 9, Mehlhandlungen en gros 5, en detail 72; Tabakhandlungen 3, Kohlen- und Geschirrläden L6; Weinkeller 60. Der ungefähre Werth der in allen diesen Handlungen sich vorsindenden Maaren wird auf 400,000 Silber Rubel geschätzt. III. Verschiedene Handwerke und Gewerbe sind auch unter den dortigen Juden im blühendsten Zustande. Jeder ordent- *) Eine eigene Klasse in Rußland, zu der alle diejenigen gehören, die keine Kaufmannssteuer zahlen, also Handwerker Arbeiter u. dergl. *’) Da der Kaufmann erster Gilde ein Kapital von 50,000, der Kaufmann zweiter Gilde eines von 20,000, der dritten Gilde eines von 8000 Rubel Assignaten besitzen muß, so kann also die jüdische Kaufmannschaft über die Summe von 2,026,000 disponiren.