Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 28 (9.7.1844)
- Date
- 1844-07-09
- Page
- Spalte 445-446 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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445 Kritiken. Kurze Anzeigen. 446 unwahr. Denn werden die Herren die jüdische Religion ihres ganzen — nach ihrer Meinung unnölhigen— Ceremonials entkleidet haben und das Judenthum dem Christenthum in einer Beziehung durch mehrere Jahrhunderte nachhinken lassen, so hat sich wohl Hr. A. öder B. entwickelt, mit Nichten aber das Judenthum. Eine Entwickelung oder Fortbildung des Judenthums würden wir eine quantitative Vermehrung — qualitativ ist das Wesen, der Religion an und für sich starr, unbeweglich — der äußeren Erscheinungen des Judenthums nennen. Eine Frage möchte ich nur beantwortet wissen, und zwar: warum mußte das Christenthum, um das mosaische Ceremonial abzuschaffcn, eine göttliche Vermittelung annehmen; warum mußte der Jsläm durch einen Gottgesandten (ru8ul— allah) verkündet werden? Konnte man nicht, mit den Principien unserer Reformer operirend, Alles bequem modeln und umformen? — Daß man es aber nicht konnte, beweist das frühere Behauptete. So viel zur Würdigung des Principien-Streites zwischen Hrn. Hold heim und Herrn Hirsch. Die eigentliche Polemik des ehrenhaften und charakterfesten Herrn Hirsch, Herrn Holdheim zur Widerlegung überlassend, wollen wir noch bemerken, daß Dr. Grant's Schrift über die zehn Stämme— die wir nächstens ausführlich besprechen werden — für Hirsch spricht und daß in Beziehung des nrb pprnb wten nnt* w das Recht unstreitig auf Hirsch's Seite ist. Herrn Holdheim's Jrrthum beruht nämlich auf der Annahme, daß ppr>,"6 reflexiv sei, während es wirklich passivische Bedeutung hat, und ppn von pipj wohl unterschieden werden muß. Was aber nicht mir Stillschweigen übergangen werden darf, ist die Entschiedenheit und Konsequenz, die Herr Hirsch in allen seinen Schriften zeigt. Er ist kein rationalistischer Seiltänzer, der mit der Balancirstange des Nationalismus alle mögliche Kunststücke macht; ernst, beharrlich und um das Lobhudeln der Menge sich nicht kümmernd, verfolgt er seine Bahn als würdiger Volkslehrer in Israel, und wir kennen keinen zweiten Rabbiner in Deutschland, der ihm zur Seite gestellt werden könnte. 38) Zweite Mittheilungen aus einem Briefwechsel über die neueste jüdische Literatur. Ein Fragment von Samson Raphael Hirsch, Landrabbiner in Emden. Mona, 1844. gr.8. Joh. Fr. Hammerich. *) Zweite Anzeige, von Dr. Holdheim. Es hat mich sehr gefreuet, daß Hr. Hirsch in Emden sich die Mühe gegeben hat, in einer besondern Schrift: „Zweite Mttheilungen aus einem Briefwechsel über die neueste jüdische Literatur. Ein Fragment von Samson Raphael Hirsch, Landrabbiner in Emden", auf die in meiner Schrift: Die *) Diese Schrift ist die Fortsetzung der in demselben Verlage vor zwei Jahren erschienenen Broschüre: Erste Mittheilungen aus Naphthali's Briefwechsel. Herausgegeben von Ben Usiel» Altona, 1842. 8. i Thlr. Autonomie der Rabbinen rc. entwickelten »Grundansichten so ausführlich einzugehen und sie, wie er nennt, zu widerlegen. Die Wissenschaft und die Wahrheit kann hierbei nur gewinnen, und der nach Wahrheit ringende Autor muß durch solche Beleuchtung entweder seine irrigen Ansichten berichtigen oder zur Liefern Begründung derselben sich aufgefordert fühlen. Ich muß gestehen, daß ein solches ernstes Ringen und Kämpfen für eine feste Ueberzeugung, für ein theuer Gut des Glaubens, das man gefährdet und bedroht sieht, meinen ganzen Beifall hat. Selbst die, vom Standpunkt des Hrn. Hirschaus, der edlen und gerechten Entrüstung nicht zu verargenden kleinen Unarten und Schmähungen habe ich mit innerem Wohlgefallen gelesen, weil sie mir Zeugniß geben, wie tief Hr. Hirsch von einem dem seinigen so sehr entgegengesetzten Standpunkt sich ergriffen und im Innersten erregt fühlte. Hr. Hirsch hat sich seit seinen ersten Mittheilungen bedeutend abgekühlt. — Doch muß er sich noch sehr läutern, um es zu der Ruhe und Besonnenheit zu bringen, die ein wissenschaftlicher Kampf nach Wahrheit erfordert. Er muß dem Gegner, so schwer dies sein mag, die Redlichkeit der Absicht, die Freiheit der Forschung unverkümmert lassen und aller diesen Punkt verdächtigenden Aeußerungen sich enthalten. Das hat Hr. Hirsch, wie jeder Leser sich überzeugen wird, nicht gethan. Ich habe, von den Mittheilungen des Hrn. Hirsch aufgefordert, meine Grundansichten nochmals überdacht, die Entgegnungen des Hrn. Hirsch ruhig geprüft, und ich muß offen bekennen, daß sie mich nicht nur in meinen Ueberzeugungen nicht erschüttert, sondern befestigt haben. Der Gegenstand ist zu wichtig, zu heilig und zu ernst, als daß die Einwürfe des Hrn. Hirsch gegen meine Grundansichten meinerseits vornehm ignorirt werden sollten. Ich halte mich vielmehr verpflichtet, so speciell und so ausführlich als möglich aufdieselben einzugehcn und die öffentliche Meinung zwischen uns beiden entscheiden zu lassen. Aber ich kann dies nicht eher als nach vielen Monaten thun, da ich nur die langen Winterabende zu literarischen Arbeiten benutzen kann, den ganzen Sommer dagegen meinen nicht geringen praktischen Berufsarbeiten und Amtsreisen widmen muß. Ich werde daher, so Gott mir die Kraft des Geistes und des Leibes laßt, im Angesichte des an solchem ernsten Streite sich betheiligenden größern Publikums Rede und Antwort stehen. Doch kann ich nicht umhin, auf einige Punkte schon jetzt, wenn auch nur in aller Kürze, aufmerksam zu machen. Hr. H. will die Trennung des Politischen vom Religiösen auf dem Gebiete des Judenthums nicht anerkennen und meint (Mitth., S. 12), es sei dieser Unterschied fälschlich aus andern Gebieten in das des Judenthums hineingetragen worden. Er behauptet S. 13: „Sämmtliche Civil- und Krimmalrechtliche Bestimmungen des mos. Gesetzes sind ganz allgemein, ohne die entfernteste Angabe ihrer nur in Palästina beabsichtigten Geltung ausgesprochen, eben so allgemein, als die vorhergehenden Zehn geböte." Gegen meinen Satz (Autonomie,