Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 28 (9.7.1844)
- Date
- 1844-07-09
- Page
- Spalte 443-444 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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443 Kritiken. Kurze Anzeigen. 444 Karze Anzeigen. 31) Predigt-Skizzen, von Dr. Ed. Kley. Auch unter dem Titel: Beiträge zu einer künftigen Homiletik. Erster Bd. Grünberg, 1844. 8. Levysohn. Das in der Aufschrift genannte Werk, welches so viel uns bekannt, in der jüdischen Literatur eine neue Bahn bricht und auch in der christlichtheologischen kaum seines Gleichen finden dürfte, ist nun vollendet. Da wir jedoch auf einem besondern innern Titel die vorliegenden „Predigtskizzen" als „Beiträge zu einer künftigen Homiletik." Erster Band: Das erste Buch Mosts von Dr. Eduard Kley (Grünberg und Leipzig, Levyson 1844. XU. und 466 S» 8.) bezeichnet, und auch in der Vorrede zn einer Fortsetzung dieser Arbeit Hoffnung gemacht sehen, so zweifeln wir nicht, daß sowohl geübte Kanzelredner als angehende Prediger und Lehrer, namentlich unter den deutschen Gemeinden überseeischer Länder und Welttheile, dieses löbliche Unternehmen dergestalt unterstützen werden, daß uns die in Aussicht gestellte Fortführung zu Theil wird. — Bis jetzt hat uns der Herr Verfasser 88 (in der Vorrede heißt es 89) Predigtskizzen geliefert, so zwar, daß er einen zwanzigjährigen Zeitraum (1819—39) seines dreiundzwanzigja'hrigen rastlosen Wirkens am Neuen israel. Tempel zu Hamburg in ihnen umschrieben hat.. Welchen Zweck er bei seinen homiletischen Vorträgen vorzüglich im Auge gehabt, theilen wir mit seinen eigenen Worten aus derVorrede (S. VI—VI!) mit: „Erbauung, im vollen Sinne des Wortes, durch den Verstand in das Gemüth und umgekehrt zu schaffen, war das einzige Ziel, das ich mit Bewußtsein zu verfolgen strebte und dem alle Nebenrücksichten weichen mußten; dies ist nach meiner innigsten Ueberzeugung die wahre Bestimmung der Kanzelrede." „Die Kanzel verkennt ihre Würde als Stätte des Friedens und der Heiligung und beraubt sich, selbst der göttlichen Weihe, die über dieselbe stets ausgegoffen sein sollte, sie versteigt sich (nicht nach der Höhe, sondern nach der Tiefe) in fremdartiges Gebiet, sobald sie durch öfteres geflissentliches Herbeiziehen obschwebender Tagesfragen zur politischen Tribüne sich gestaltet, oder durch Polemik, sei. es gegen andere Konfessionen, sei es gegen Andersgläubige in der eigenen Konfession, zum Disputir-Katheder wird, vor dem man oft genug opponiren möchte, wohl auch könnte, aber nicht darf. Zwar weiß ich, daß es gerade solche Gegenstände sind, welche verführerisch reizen, weil sie in unserer Zeit mehr als andere, ja, fast allein noch zu wirken scheinen; ich weiß aber auch, daß es nicht die religiösesten Gemüther sind, welche der Art heilig angeregt sein wollen; daß dadurch weder Religiosität geweckt, noch auf die Länge begründet werden kann: ich weiß, daß, wenn die israelitische Kanzel sich derlei Gegenstände bemustern wollte, es eine Verirrung wäre, vor der die Seelsorger der Gemeinden, namentlich in unserer Zeit des Anfanges von der einen und der Aufregung von der andern Seite, da Nichts noch feste Gestaltung gewonnen hat, sondern Alles im Gährungsprozeß des Werdens begriffen ist, nicht genug gewarnt werden können. Erbauung , Seelsorge, Sorge um „das göttliche Licht der unsterblichen Seele, das die inneren Kammern durchforscht (Spr. Salom. 20, 27), — dessen bin ich mir bewußt und deß mögen diese Skizzen Zeugniß geben — war der Gedanke, der mich stets an die Arbeit und auf die Kanzel begleitete, um denen, die mich zu hören kommen möchten, die Nahrung zu reichen, nach der gottesfürchtige Gemüther lechzen, und in Andacht versammelte Gemeinden verlangen, als dem Bedürfnisse, von dem die ganze Woche hindurch, mitten in der Welt Unruhe und Sorge, die Lebensflamme zehren und ungetrübt sich erhalten könne, bis dann neues Oel in die Leuchte fließt. Habe ich Erbauung, wie ich sie erstrebte, auch erreicht, derzeit bei frommen Hörern, jetzt bei priesterlich denkenden und fühlenden Lesern in und außer dem Amte (2. B. M. 19, 6), so leiste ich willig auf jede weitere Anerkennung Verzicht, weil mir dann, für mein Wollen und Streben einen andern Lohn zu wünschen, nicht übrig bleibt. Dennoch glauben wir dem begeisterten Lehrer des göttlichen Wortes auch diese äußere Anerkennung prophezeihen zu dürfen. E» C. 38) Zweite Mittheilungen aus einem Briefwechsel über die neuste jüd. Literatur. Ein Fragment von Samson Raphael Hirsch, Landrabbiner zu Emden. Altona, 1844. gr. 8. Johann Friedrich Hammer ich. Erste Anzeige. Wenn inniger Glaube den Menschen durchdringt, und dieser Glaube in die konkrete Welt herauslritt, findet eine Entwickelung der Religion statt. Jede Entwickelung ist zugleich schöpferisch, oder, wenn man lieber will, produktiv. Eine Erscheinung oder Gestaltung, als Produkt einer Entwickelung, zerstört nicht ihre Vorgängerin, sondern nimmt sie mit Durchdringung eines neuen Moments in sich auf. Der innige, herzliche Glaube in seiner AengstlichkeiL und Ungenügsamkeit findet sich nicht in einem bestimmten Kreise von Religionsthätigkeiten befriedigt, und sucht daher die Grenzen dieses Kreises zu erweitern, wird produktiv, entwickelt sich. So können wir mit Recht sagen, daß das Judenthum während der 'ralmudischen Epoche sich wahrhaft entwickelt hat. Die Talmudlehrer haben im redlichen, aufrichtigen Glauben, der sie ganz beherrschte, und den ihnen blos Unwissenheit oder Verläumdung streitig machen kann — sie haben, sage ich, den ganzen Menschen in der Religion aufgehen lassen, haben das, was in der Schrift als Keim lag, gläubig an's Licht gezogen und durch unzählige Vorschriften äußerlich betätigt. Die Blüthe des Mosaismus ist der Talmud. Eine religiöse Entwickelung in diesem Sinne aber hat nur der Orient zu Stande zu bringen vermocht; der Occident hat vom religiösen Standpunkte aus nur Rückschritte gemacht. Spricht man daher von einer „Entwickelungsfähigkeit des Judenthums" im gewöhnlichen Sinn, so ist dies geradezu