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Der Orient · 1844-07-02 · 27 (2.7.1844) · p. Spalte 425-426

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Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
27 (2.7.1844)
Date
1844-07-02
Page
Spalte 425-426 (sequence 5)
Language
German
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435 Kritiken. Zur Beschneidungsfrage. Don Dr. Bergson. 426 reiner dich betreten, oder, wie es Luther übersetzt, in dir regieren (rM'). Hier ist also von der Fremdherrschaft in Jerusalem, aber keineswegs von dem Opferdienst eines Fremden im Tempel die Rede. Der Prophet verkündet hier mehr i eine politische, als eine religiöse frohe .Botschaft, dem der Ausdruck Unbeschnittener galt, eben so wie Barbarus bei Griechen und Römern für Freunde und Feinde. Man sieht, daß man den Bibelexegeten bei ihren Anführungen aus der Bibel streng auf die Spur Nachfolgen muß. Die für die der Behauptung des Verf. entgegcnstehende Ansicht sprechenden Stellen aus der Bibel, wie sie Verf. an einem andern Ort^) zusammengetragen hat, sind v-om Verf. ganz übergangen worden, so namentlich die Stelle aus dem Einweihungögebot des Königs Salomo. — Wenn der Verf. viertens für die besondere Heiligkeit der Beschneidung, die mittelst derselben während des babylonischen Exils fortwährend erhaltene Bethätigung des Glaubens vorbringt und zum Beweise dafür eine Stelle aus Zacharia (9, 11) citirt, wo von einer Befreiung der Gefangenen aus der Grube mittelst des Blutes des Bundes, die Rede ist, so kann man ihm hiergegen das Faktum aus Esra (6, 20. 21) entgegenhalten, wo es heißt, daß die während des babylonischen Exils unbeschnitten Gebliebenen, sich zuvor von dieser „Unreinheit der Fremden" reinigen'mußten, ehe sie am Passahsest Theil nehmen durften Hieraus folgt deutlich, daß während der Gefangenschaft in Babylon die Beschneidung bei den Israeliten zum größten Theile nicht beobachtet wurde. Somit wird die vom Verf. behauptete ununterbrochene Stetigkeit derselben bei den Juden durch dieses historische Argument widerlegt, wenigstens in Bezug auf das babylonische Exil3 4). Was endlich fünftens, „die Pietät und Allgemeinheit betrifft, mit der die Beschneidung durch das ganze Iudenthum, ' und so mit Juden wohnen , beobachtet und gehegt wird", so kann hieraus ein kritischer Beweis für. die unantastbare Heiligkeit der Beschneidung mit dem Verf. nicht gefolgert werden. Denn mit dem Schilde des Volksglaubens soll! und kann sich Keiner auf dem Kampfplatze der Kritik zu verj cheidigen suchen. Ueberhaupr bleibt es ein mislich Ding, auf! dem Forum wissenschaftlicher Untersuchungen an den Ausspruch des Volkes zu appelliren. Die Volksstimme ist in gewissen Dingen zu achten, allein bei einem Principienstreit kann man ihr keine Instanz, geschweige denn die höchste einräumen. Es ist nicht lange her, als das Sabbatgebot und die Speisegesetze in eben so allgemeiner Verehrung bei den Juden standen, als es der Verf. jetzt von der Beschneidung annimmt. Bekanntlich war im jüdischen Mittelalter diese göttliche vox populi, bisweilen sehr ungöttlich im Verdammen von Männern, die den kleinsten Ritus oderMinhag in Frage zu stellen wagten. Spinoza (?), Maimon u. > A„ lebten sie heute, sie würden dem Fanatismus ihres Vol¬ 3) Die Beschneidung. Berlin, 1844, S. 62. 4) Ebendaselbst, S. 12. kes durch die Flucht in den Schooß des Gegenglaubens schwerlich sich zu entziehen, nöthig gehabt haben. Man sieht also, daß dieser sog. gesunde Volkssinn, — diese passive vox dei — das mit der Gesundheit überhaupt theilt, daß er, wie diese, relativ und höchst schwankend ist. Was noch heute gesund und normal erscheint, kann bei fortgeschrittener Entwickelung schon morgen als ein Stillstand, eine Hemmung, als eine Abnormität uns mtgegentreten. Dabei ist dieser gesunde Weltsinn sehr empfindlich. Ein leiser Spruch der etwas zu scharfen Kritik braucht ihn blos anzustreifen, und, ehe sich's gewisse Herren versehen, wird er davon afsicirt und bekommt einen Zug, welcher ihn nicht immer rückwärts treibt. Wer sich daher auf diesen Volksglauben verläßt, scheint nicht einmal die Hinfälligkeit seiner Stütze zu ahnen, abgesehen davon, daß ein solches Sichberufen auf den gesunden Volkssinn von der Jury der Kritik als inkompetent abgewiesen wird. Wie es nach Allem dem um die Ansicht des Verf. über die sakramentale und privilegirte Bedeutung der Beschneidung stehen muß, wenn er nicht als deutliche und schlagende Beweise dafür, noch etwa den blinden Autoritätsglauben für die Theorie und den Machrspruch des Bannstrahts — diese ultima ratio irrationalis — für die Praxis zu Hilfe rufen will, das sieht Jeder leicht ein. Eine gleiche Bcwandtniß hat es mit der vom Verf. gezeichneten Parallele zwischen der Epoche im Makkabäerkampfe und dem heutigen Reform-Verein, ein Vergleich, der weder einen historisch gesicherten, noch auch kritisch gerechtfertigten Boden hat. Ref. tritt hier nicht als Apologet des Reform- Vereins auf, allein das Wahrheitsgefühl eines Jeden muß sich gegen den vom Verf. gemachten Versuch sträuben, ernste Fragen durch Verdächtigung und Entstellung zu verrücken. Der Verf. vergleicht die „bösen und gottlosen Leute in Israel" zur Zeit des Antiochus, mit den heutigen Freunden des Reform-Vereins, und will diesen Vergleich auf folgende Punkte stützen: 1) beide Parteien gingen auf den Umsturz des Judentums aus. 2) Beide Parteien wählten hierzu die Abschaffung, als das geeignetste Mittel. 3) Beide Parteien wurden hierzu durch äußere Beweggründe bestimmt. Zu diesem Behufe erzählt uns der Werst, wie schon zu Anfang der Regierung des Antiochus in Israel sich gottlose Menschen fanden, welche die Abschaffung der Beschneidung beim Volke einführen und dasselbe dadurch zum Abfall vom Iudenthum verlocken wollten. — Zuvörderst hat der Verf. hierbei übersehen, daß unter Abschaffung der Beschneidung damals bei jenen Leuten in Israel nicht sowohl die Unterlassung derselben bei ihren Kindern, als vielmehr, wie dieses übrigens auch der griechische Text (1 Makkab. 1, 16) besagt, die Einführung des Epispasmus bei den Erwachsenen verstanden werden muß. Denn das Gebot, die Kinder bei Todesstrafe nicht zu beschneiden, ging nicht von jenen Leuten, sondern vom König Antiochus und zwar erst zwei Jahre später (1 Makkabäer 1, 30. 51) aus. Dennoch hat der Vers, zwei

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