Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 27 (2.7.1844)
- Date
- 1844-07-02
- Page
- Spalte 421-422 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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431 422 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurtheilt von Dr. Steinheim. ksdaß diese dem Gesetze von Ursache und Wirkung gehorchen; daß nicht das Vollendetere erscheine, bevor das Unvollkommene da gewesen; und daß nach dkm Völlendeternnicht das Unvollendete wieder auftretesondern ein noch Vollkommeneres. Wir haben die Darstellung dieses Entwickelungsganges in allem Menschlichen, in Kunst, Wissenschaft und Theologie. Wäre unsere Religion nichts anders, als was sie nach dem, was wir auf der XXI1. Seite erfahren sein sollwir mußten uns unbedenklich für ihre Stellung in der H egel'schen Religionsphilosophie erklären; denn drüben ist mehr Grund als hüben. Hier nämlich wird uns gelehrt: diese gesuhlte Nothwendigkeit (nämlich jenes unmittelbare Gefühl, welches den Inhalt der heiligen Schrift zu produciren nöthigte; p. XXL) „d i e, weil sie nur gefühlt ist, der Forderung des Geistes widerspricht, dieser Widerspruch selbst ist zu erkennen, ist als die No (hw e n d i g k e iL d e s Geistes e i n zu s e h e n. Das von dieser Nothwendigkeit Gesetzte ist als mit Nothwendigkeit gesetzt zu begreifen; d. h. d e r Inhalt d e s u n m i t t e l b a r e n religiösen Wissens muß identisch sein mit dem Inhalte des philosophisch in seiner Nothwendigkeit Ein gesehenen". Dies ist nun ganz dieGrundwaxime des Hegelthums; darin ebenfalls aus demselben Grunde, weil die Theologie nichts anders sei, als die Philosophie und sich nur von dieser unterscheide, wie ein Bewußtloses vom Bewußten, daß aber die Materie des Inhalts in beiden identisch sei. Hegel, Mar he ine k e, Da u b und Vätke haben, als Christen, wie sich's gebührt, das Christ ent hum als identisch mit ihrem absoluten Geiste bewundert; Herr Dr. Hirsch thut ein Gleiches mit dem Iudenthum, doch mit weniger guten Gründen, weil der Geist in seinem, Hrn. Dr. Hirsch's, Falle auf ein wahres Hinterfür, ein Hysteronproteron gerathen wäre. Wir folgen unstrm Autor noch auf die folgende XXill. Seite, auf welcher er seine Hegel'sche Logik noch näher bezeichnet, und wir den Tiktak des An-sich, Für-sich, und Zusich wieder klingeln hören. Wir hören : „die Philosophie der Religion ist eben so voraussetzungslos, als sie eine Voraussetzung hat. Sie setzt den ganzen Inhalt des religiösen Geistes als schön vorhanden, und zwar den mit Nothwendigkeit producirten Religiovsquellen (den Pentateuch re.) voraus". Das ist genau die Pphilosophie des Tages, die uns einreden möchte, jene begeisterten Heroen des Glaubens hätten ihre Schriften gelegt, wie die Henne ihre Eier; oder der Prophet wie keiner nach ihm auferstanden, habe die Lehren und Gesetze und Zeugnisse in sich getragen und dann aus sich herausgespönnen, wie ihr Netz die Spinne" nach ewigen, ehernen großen Gesetzen. Nur bliebe dann als ein Wunder stehen, wie der ehrwürdige Erzvater Abraham ein größerer Philosoph als Sokrates, Plato und Aristoteles, soviele Stufender Entwickelung überspringen und mit Eins das allerhöchste , wenn gleich ohne klares Bewußtsein, aus sich selbst zu entwickeln im Stande war. Darin bestände doch die Voraussetzung der Religiönsphilösöphr'e des Herkn Hirsch. Aber: „sie ist auch vöraüssetzungslos; denn da sie gerade die Nöthwendigkeit dieses Producirens zu begr'eifen suchtso vergißt sie zunächst diesen ganzen producirten Illhalt*), weiß nüv den Widerspruch einer nur gefühlten geistigen Nothwendigkbit- und dieser Widerspruch selbst wird, ihr das Agens, den ganzen Inhalt des religiösen Bewußtseins zu reproduciren **)". Wir werden gleich sehen, was ihm bei dieser wissen schaftlicW Reproduktion in den Händen geblieben ist. Wir hören: „ditse gefühlte Nothwendigkeit ist nämlich der Geist a n sich, der abstrakte Geist, die leere Freiheit; und der Widerspruch ist eben dieses, daß der Geist nicht blos an sich abstrakt, leer, bleiben kannsondern für sich werdensich erfüllen, konkrete Freiheit sein muß." Wir repetiren: gefühlte Nothwendigkeit ist gleich dem Geist an sich, ist gleich der leeren Freiheit; also gefühlte No thwend igkeit derleeren Freih eit; serrstr: gewußt e Nothwendigkeit ist gleich dem' Geist für sich, ist gleich der erfüllten Freiheit; mithin ist gewußte Nothwendigkeit gleich der erfüllten Freiheit. Die Ausdrücke gewußt und erfüllt; g efü h l t und l e ei lassen sich leicht auf die beiden einfachen: gewußt und gefühlt, von denen ersterer dem erfüllt, zweiter dem leer entspricht, redueiren. Nach dieser Reduktion hätten wir nunmehr folgende Gleichung: gefühlte Nothwendigkeit gefüh tt er Freiheit; gewußte Nothwendigkeit gewußter Freiheit; und Gleiches von Gleichen abgezogen: Nothwendigkeit ist der Freiheit g. e. d. Ich glaube kaum, daß sich ein anderer Fehler in die Berechnung dieser Aequation eingeschlichen, als der etwa schon in der Supposition enthaltene. Es ist ein Selbstverständmß, daß, wenn das Thun Mose's und der Propheten ein no rh w endig es gewesen, und dies nun mit Nothwendigkeit als ein Wissen reproducirt worden, aus Vernunftnothwendigkeit begriffen, in ein Wissen verwandelt werden kann unb soll, weder von einer abstrakten noch von einer konkreten Freiheit, in ihrem eigentlichen Sinne, die Rede sein kann; sondern daß Alles sich in den Naturmechanismus der ewigen Weltenuhr auflöst und verliert. Das ist dieselbe Freiheit, die uns schon G. Fichte an seinem Beispiele vom Baume, der sich ungehemmt aus seinem Keime, nach innerer Nothwendigkeit entwickelt, hier die menschliche Freiheit, die heilige Gottesgabe, vertauschen wollte. Aber es ist ein Unterschied zwischen wahrhaftiger Freiheit, d. h. dem unbedigten Vermögen, eine neue Ordnung der Thalsachen zu beginnen, erste Ursache zu werden, und der falschen Freiheit, die nur eine Üngehemmt- *) D. i. den Inhalt der Lehre des A. T.; dabei passirt ihm's denn, daß ihm beim wissentlichen Reproduciren einige Kleinigkeiten abhanden kommen, so z. B.die Schöpfungslehre. S. O. 27 *