Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-07-02 · Heft 27 (2.7.1844) · p. Seite 213

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 27 (2.7.1844)
Date
1844-07-02
Page
Seite 213 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2360092-2360310-2360338--4532-3530439
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

213 teil, ich hielt seine Pläne für Chimären und hatte noch keinen Grund, mein Urtheil zu ändern. Die Briefe, welche Herr Hirschfeld nach Frankfurt schrieb, waren sonderbaren Inhalts; ich überlasse es Hrn. L., sich weiter darüber auszuspeechen. Der Brief, welcher die Mittbeilung des Enn enthielt, war an feinen dortigen Banquier gerichtet; er wird hoffentlich denselben der Oeffentlichkeit nicht entziehen, sonst müßte ich ihn namentlich ausfordern. Es hat dieser Vanquiec für die Sache weiter nichts gethan, als die Briefe in Empfang genommen; daß er gegen deren Veröffentlichung opponirte, habe ich schon einmal gerügt. Die Frankfurter Finanz-Norabilitat hat sich überhaupt — das Haus Rothschild ausgenommen, dessen vielfache Bemühungen schon früher erwähnt wurden — für die russischen Juden durchaus unthätig gezeigt; Dr. Auerbach regte eine Petition an, auch dafür fand sich keine ' Teilnahme. Die Herren sind mir unbekannt, ich hatte - nie Beziehungen zu ihnen — aber dieser Mangel an : Teilnahme muß öffentlich gerügt werden. So viel bei ) dieser Veranlassung. Louis Simon. Breslau 9. Juni. (Die oberschlesischen Weber und die. Silben.) Wir sollten schon daran gewöhnt sein, daß man auch bei der allgemeinsten ausgedehntesten politischen Berechnung für uns immer eine beschränkende Klausel hat, daß and) die Sehnsüchtigen nach Freiheit, die, welche die Wirkun- . gm willkürlicher Hintenansetzung aufs empfindlichste erfahren ' haben, in dem Tempel der Freiheit für die Juden kein Plätzchen reserviren mögen, vielmehr in ihrem Ringen gar zu gerne eine Helotenjagd mit einem Hep-Hep-Lärm auf uns zu machen pflegen. Wir sollten gegen derartige traurige Vor-? kmmniffe hinlänglich abgehärtet sein, wie man auf habituell lviederkehrende, zerstörende Naturkräste gefaßt ist; und dennoch trifft es uns aufs empfindlichste, verwundet es den innersten Kern der Seele, wenn gerade von Freiheitsringenden gegen Juden Exzessen unternommen werden. — Die grellen! Austritte gegen die Juden unserer Hauptstadt werden ohne Zweifel die Runde durch alle deutschen Blätter machen und je nach der Färbung eines Blattes wird sich die Darstellung und; richtige Auffassung der Thatsachen mehr oder weniger trüben trnd brechen. Ich will mich daher beeilen, Ihnen mit der . ganzen Wahrheit der Augenzeugenschaft über dieses Faktum : berichten. Die oberschlesischen Baumwollenweber, das ergreifendste Bild des leibhaften Pauperismus, von Hunger gequält, von Verzweiflung getrieben, versuchen einen Ausstand gegen ihre llnterdrucker, gegen die christlichen, rechtgläubigen §ubrikherrn. Ihre tiefgewurzelte Noth, welche durch die von willen Erden herbekströmenden milden Beitrage nur dürftig tNtd momentan gelindert werden konnte, ja, welche in der Zukunft durch den Wuchergeist und die Lieblosigkeit ihrer Brotherrn noch zuzunehmen droht, erweckt ihnen überall und besonders in unserer Hauptstadt die wärmste Theilnahme, die tiefsten Sympathien. Als nun in der Nacht vom 6—7 das hiesige Militär gegen die Rebellen im Gebirge auszümarschiren aufgeboten war, gab sich eine leise murmelnde Aufregung unter den untersten Volksklassen kund, die aber von der wachsamen Polizei und der angewöhnten Subordination im Zaum gehalten wurde. Gereizt vom Gefühle der Ohnmacht gegenüber der polizeilichen Macht, und getrieben, die innerlich brausende Aufregung an einen Gegenstand loszuwerden, siel der Sinn dieses pöbelhaften Schwarmes auf die wchrlosen, vom Staate ja, auch nachgesetzten Juden, gegen welche durch die Aktienkrise einige Erbitterung geherrscht hatte. Gegen Mitternacht marschine eine Rette, von einigen Rädelsführern angeführt, auf die in Schlummer versunkenen Straßen los, worin größtentheils Juden wohnen und mit Hohngeschrei und Steinwürfen wurden die Schlummernden aus der süßmRuhe auf des Tages nagende Sorgen aufgeschreckt. Damit nicht zufrieden gestellt und um ihre Rache an den Juden recht ekklatant zu machen, versammelte sich in der darauf folgenden Nacht vom 7—8 am Freitagabend eine schwarze did)te Volksmasse mit schweren Steinen bewaffnet und zertrümmerten in derselben Straße unter dem drohendsten und pöbelhaftesten Geschrei sämmtliche Fenster und Thüren mit der unzweideutigen Miene, die jüdischen Häuser zu demoliren. Das Geklirre der zerschlagenen Scheiben, das Hohngeschrei der Tumultuanten und der Jammer der plötzlich Ueberfallenen, Beschädigten und Verletzten frischten wieder aufs lebendigste, jene tragischen grauenhaften Seenen des Mittelalters auf und namentlich die blutigen Auftritte unterdem Kolakenhettmann Chminl uizki bei ähnlicher Gelegenheit, mit welchen zufälliger Weise das Datum der heutigen Exzessen (po O) zusammentrifft. — Die Christenheit sorgt von Zeir zu Zeit dafür, daß wir die Geschichte des Mittelalters nicht vergessen sollen. — Rur mit angestrengter Mühe gelang es dem Militär, dem Tumulte Einhalt zu thun und die Stadtbchorden fanden es für nöthig, um der Drohung des Pöbels, am darauffolgenden Abend mit größerer Verstärkerung Rache an den Juden für den gestörten Genuß des Freiheitsraufches zu nehmen, vorzubeugen, an allen Straßenecken, die eindringlichsten Proklamationen anzuschlagen, die Wachen zu verdoppeln und Militär-Piquets in den bedrohten Straßen aufzustellen. Die Militär- und Civilbehörden haben alle ihren Eifer bewiesen, dem Unfug zu steuren, schon darum weil diese tumulruarischen Ausbrüche eigentlich einen .andern weit gefährlichern Hintergrund haben, ferner, weit auch einige unter den Juden wohnende christliche Bürger einen nicht unbedeutenden Schaden dabei erlitten hatten. Auch hierin zeigt sich die Wohlthat der aufgehobenen Ghettk, indem die Christen in der jüdischen Nachbarschaft schon aus Mitleiden genöthigt sind, für den Schutz der Juden etwas zu thun. Diese Nacht ist zwar ohne Störung abgelaufen, allein es ist nicht abzusehen, wie lange diese Ruhe anhalren wird, da die Gereiztheit mit dem Widerstande wächst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.