Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1844)
- Date
- 1844-07-02
- Page
- Seite 211 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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211 m eine Beeinträchtigung seines eigenen Gewissens erblicken muß, wie dies zum Theil an manchen Orten schon geschehen. Daß aber Entfremdung von der väterlichen Religion diese nicht im mindesten fördere, lehrt uns ja so augenscheinlich die große Lehrmeisterin — Gerichte! Oder glauben etwa die Gegner der Emancipation selbst an die Wahrheit ihrer Gründe? Wie wenig würden eben diese Gegner damit zufrieden sein, wenn die Juden sammt und sonders zu ihrem Glauben übergingen!!! — — — Wir haben der eigenthümlichen Nationalität uns langst begeben. Wir sind Deutsche, Engländer, Holländer, Franzosen rc. — Wir mögen feinen Staat im Staate bilden! Aber unsere Religion ist der einzige, theuer genug erstandene Ueberrcst, den wir aus. den mannigfachen Stürmen einer zmitausendjahrigen Zeit gerettet. Wollen wir diesen uns nun aus den Händen spielen lassen? — Vom Rationalismus bis zum Nihilismus ist nur ein kleiner leichter Schritt, auf dem man sich nicht einmal naß zu machen braucht! —-- Daß wir uns aber keiner Besonderheit dadurch schuldig machen, wenn wir unserer Jugend zunächst für sie bearbeitete oder kompilirte Jugendschriften in die Hände geben, um sie zu würdigen Staatsgliedern als Israeliten; hemnzubilden, können uns schon die Titel der für andm Glaubensgenossen vorhandenen Jugendschristen zeigen, auf denen wir deutlich genug die Worte lesen: „für die katholische, evangelisches oder überhaupt „christliche Jugend". Warum also nicht auch für die jüdische? Nehmen wir dies für eine Besonderheit, so müßten wir konsequent weiter folgern bis — wir bald ' nichts mehr zu folgern hätten. — Nichts desto weniger soll und muß darum unsere Jugend auch die herrlichen Geisteswerke der Deutschen, wie nach Umständen, auch die Literatur des klassischen Alterthums, ja alles das kennen lernen, was den Menschen irgend bildet und veredelt; aber nichts auf Unkosten dessen, was alles Wissens Anfang ist. — Es soll darum der Jugend derjenigen israelitischen Eltern, denen die innere Ueberzeugung das allectheuerste Gut, wie auch derjenigen, bei denen sie wenigstens noch; eben so viel Geltung hat wie alle übrige wissenschaftliche Bildung, Gelegenheit geboten werden zu angemessener Untergattung außerhalb der Schule, bei welcher die stete Verbindung des Nützlichen mit dem Angenehmen sorgfältig berücksichtigt ist; wie auch zur Belehrung, Förde-. wng der sittlichen Bildung und Erkräftigung in dem überkommenen Glauben. Zu diesem Zwecke beabsichtiget der Unterzeichnete eine „Kleine Bibliothek zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung, Snv Veredlung des Herzens und Bildung des Verstandes; zunächst für die israeliti-; sche Jugend k. rc. herauszugeben. Diese Jugendbibliothek soll aus einer Reihe von Bändchen bestehen, von denen jedes Einzelne für sich ein kleines Ganzes bilden wird, die daher auch einzeln sollen gekauft werden können. I. H. Jacobson. Schwerin, 24. Juni. (Eingesandt*). Findet in neuerer Zeit der Leser einen gleich diesem rubricirten Zeitungsartikel von hier, der jüdische Verhältnisse behandelt, so ersparte er sich in der Regel das Durchlesen, da er vom Alfa bis zum Omega sich dessen Inhalt zum Voraus hersagen kann. Das glückliche Eldorado, in welchem, seit Herr Landescabbiner Dr. Hold heim sein segensreiches^ Wirken dort entfaltete, den Juden die Sonne nimmer untergehet, die Morgenröthe himmlischer Verklärung mit Macht heranbricht, das so seltene Schauspiel wahrhaft patriarchalischer Eintracht und Harmonie überall zu finden ist. Nur einmal wurde diese glänzende Helle getrübt, als unheilschwanger die beflügelte Fama einherschritt, mächtig es ausposaunend, daß das hehere Gestirn bald eine neue Bahn betreten, daß auch andere Zonen die erwärmende Sonnennähe genießen, kurz — ohne alle und jede Blume, daß Dr. H. einen Ruf nach Kassel erhalten habe. Doch wir lasen bald die beruhigende Nachricht in mehr als einer Zeitung, daß Dr. H. diesen ehrenvollen Ruf abgelehnt habe, und seinen bisherigen Kuranden in gewohnter Wirksamkeit verbleiben werde. — Daß indeß, so schön dieses Alles klingen mag, dennoch gar mannigfache bedenkliche „Wenn" und „Aber" vorhanden, dafür mögen folgende authentische Mittheilungen bürgen. Der vielgerühmten Eintracht ungeachtet, halten sich eine ziemliche Anzahl Dissentirender an die Großherzogl. Staatsregierung gewandt, geziemend zur Anzeige bringend, wie sie sich durch manche Anordnungen der neuen Synagogen-Ordnung in ihrem Gewissen beunruhigt fühlten, und daher um Aufhebung fraglichen Punkts bäten. In dieser Beziehung ist denn endlich unter dem 22. v. M. ein Großherzogl. Bescheid dahin ergangen, daß der §. jener Verordnung in sofern fürs Erste außer Kraft zu sehen sei, als es den Dissentirenden einstweilen gestattet sein solle, für sich Privat- Gottesdienst zu halten, wie denn überhaupt eine nochmalige sorgfältige Prüfung des ganzen Entwurfes, sowie auch des eingeführten Rellgionsbuches anzuordnen sek. Daß demnach noch manche Stimmen vorhanden seien, die auf den Wegen der neuen Ordnung der Dinge bescheiden Verzicht leisten, ist eben so wahr, als jener officielle Ruf nach Kassel ebenfalls uns in ganz veränderter Gestalt erscheint. Wir wissen es sehr wohl, daß das Vorsteher-Amt zu Kassel, Dr. H. priino loco Kurf. Regierung, und sogar mit erhöhetem Gehalte vorgeschla- *) Dieser Artikel wurde von einem der orthodoxen Partei eingeschickt. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß der Redakteur keinen Artikel, er komme von welcher Seite er wolle, vertreten mag, wenn er nicht seine Namensunterschrift trägt. Red. 27