Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 26 (25.6.1844)
- Date
- 1844-06-25
- Page
- Spalte 409-410 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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409 Studien. Löwengard gegen Dr. Heß. 410 Konnte das des Referenten Meinung wirklich sein? Wer so geistreich witzig schreiben kann, foUte billig auch geistreich scharfsinnig sein; und es bedarf wahrlich .keiner großen Anskrengung, um meine Motive recht zu würdigen, die ich jedoch mir erlaube, in Folgendem vollständig in's Klare zu setzen.. - a) Nie und nimmer kann ich glauben, daß mit Verschweigung der Wahrheit, mit Vertuschen, Gott' und der Religion gedient werden könne oder dürfe. In unserer skeptischen, an Gott, an sich und an Allem irre gewordenen Zeit ist namentlich Wahrhaftigkeit der einzig sichere und unschuldigste Gottesdienst. Hätte ich darum Wahrheit gefunden in der Behauptung von Menschenopfern in der „Religion" der alten Hebräer, mein Gott, meine Religion und die Liebe zu meinen Religionsgenoffen hätten mich nicht abhalten können, die Wahrheit zu gestehen. Wenn auch der Kummer um den gefährdeten Leumund der Religion, um das herbe Schicksal der Hebräer, um die prekär gewordene Majorennität Iehova's mir das Herz hätte brechen muffen — so mußte der Wahrheit die Ehre gegeben werden. Um so weniger brauchte ich gewisse Möglichkeiten zu leugnen, von denen Jehova, die Religion und die Juden niemals alterirt werden können. d. Unfreundlichkeit gegen das Iudenthum scheint eine persönliche Tradition in der Hegel'schen Schule zu sein. Schon der alte Meister stellt die jüdische Religion, die Religion der Erhabenheit niedriger als die griechisch- und römisch-heidnische Religionen, und schiebt die Religion der Schönheit und Zweckmäßigkeit, man weiß gar nicht warum, zwischen der christlichen und jüdischen Religion hinein, aus deren Mitte der Stifter des Christenthums hervorgegangen. Bei den Iung- Hegelianern steigert sich das Uebelwollen zu einem feindseligen Fanatismus, der um so verwerflicher, als er kein natürlicher ist, im philosophischen Prachlschmuck und majestätisch-dialektischer Grandezza einherschreitet. Bruno Bauer argumentirt also; das Christenthum steht noch auf der Srufe der Unfreiheit; das Iudenthum desgleichen. Darum dürfen die Juden nicht emancipirt werden. Darum werden die Juden nicht emancipirt, wäre eine historisch richtige Faktumsdarsrellung gewesen. Aber darum dürfen nicht? Wo liegt hier das juridisch-philosophische Element? Ist die christliche Unfreiheit vom Standpunkt der Idee des Rechtsgefühls aus politisch berechtigter, als die jüdische Unfreiheit?) Wie steht es aber bei diesen Menschlichkeiten mit der Absolutheit der Methode? Feuerbach sagt: Theologie ist Anthropologie. — In einem andern Sinn als Feuerbach es meint ist das die lautere Wahrheit; die „vorhandene, populäre" Theologie ist nichts mehr als idealisirte Anthropologie. Der frömmste Offenbarungsgläubige muß das zugeben und kann es ungescheut. Die heilige Schrift alten Bundes lehrt dem, der Stellen dichterischer Einkleidung mit Stellen von dogmatischer Bedeutung vergleicht, und von jenen nur was billig ist abälcht (2. B. Mos, C. 33, 20, 23), daß Gott Israel sein G e s e tz geoffenbart, den Propheten zu verschiedenen Zeiten, seinen Willen, seine Beschlüsse, nicht aber, sich, sein Wesen; dieses nicht einmal Mose, dem größten unter allen Propheten bekannt gemacht. Wo von Gott gesprochen werden mußte, konnte es nur in anthropomorphistischer.Weise geschehen. Dabei hat die heilige Schrift alten Bundes das volle Bewußtsein von der Inkorrektheit dieser Kategorien. — In der Hegel'schen Philosophie bewegt sich dieser Satz so lang, bis er zu seiner Umkehrung gelangt, Subjekt und Prädikat ihre Plätze mit einander wechseln. Nun heißt es: Anthropologie ist Theologie. Die logisch-dialektische Begründung dieser Vermenschlichung der Gottheit und Vergötterung der Menschheit wird im System vergebens gesucht. Weil der Menschengeist für unsre Erfahrung der vollkommenste Organismus ist — wie berechtigt dieser Umstand zur Identifikation der Gottheit mit der Menschheit? Dieses in jeder Hinsicht gewagte Dogma der Hegel'schen Philosophie ist nichts als Ueberspannung in's Ungeheure von den Worten der heiligen Schrift alten Bundes: (1 B. Mos. 1, 27.) Gott schuf den Menschen in seinem Bilde. Allein Aehnlichkeit ist noch lange nicht „Ein erleih eit"; und von Einerleiheit ist noch eine ewige Kluft zur „Dieselbigkeit". Dieses Dogma wird in der Hegel'schen Philosophie mit den Worten eingeführt: „es ist ein alres Vorurtheil"rc. Dieses alte Vorurtheil darf sich nun sans gene mitten in dem System völliger Voraussetzungslosigkeit und absoluten Methode niederlaffen, und oben den überkühnen Schlußstein des Ganzen ausmachen. Denn gewiß ist nicht die mindeste natürliche Verbindung zwischen dem Grundgedanken von Hegel's Phänomenologie, dem großartigen Anfänger der Logik, und diesem sich selbst überstürzenden Schluß. Jedenfalls ist Animosität von Hegelianern gegen Iudenthum und Juden ein Produkt schnöder Undankbarkeit und bedauerlicher Jnconsequenz. Anders verhält es sich mit Schelling's neuem System. Was Nork, Daumer, und Ghillany unberechtigt und darum für den Verständigen erfolglos unternommen, das hätte höchstens einem Neoschellingianer mit Zugrundlegung des Satzes „vom mythologischen Proceß" gelingen mögen. Schelling selber ist zwar von solcher Konsequenzmacherei weit entfernt» Ein Satz in Schelling's Philosophie der Offenbarung lautet: Nehmt dem Christenthum was es vom Iudenthum, und was es vom Heidenthum hat, so bleibet — Nichts. In diesem Satz ist zugleich die Nich tid enti tat des Iudmthums und Heidenthums anerkannt. Um also das Ganze zusammenzufassm, so beabsichtigte ich in meiner Entgegnung, H. Ghillany zu zeigen, wie die „Religion der alten Hebräer, selbst einen Angriff von der Basis des mythologischen Processes aus, mit furchtbaren Waffen auf die schwächste Seite der althebräischm Religion unternommen, siegreich zu bestehen vermöchte, und um