Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 25 (18.6.1844)
- Date
- 1844-06-18
- Page
- Spalte 391-392 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8555529-9890798-9890825--3592-3530410- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
391 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurtheilt von Dr. Steinheim. 392 können es uns aber nicht versagen, hier noch aus dem §. 2. p. 164 folgende Stelle anzuführen: „Die Ordnung in der Natur, insofern sie' als zufällig, und aus der Willkühr eines verständigen Wesens entspringend angesehen wird, ist gar kein Beweis davon, daß auch die Dinge der Natur, die in solcher Ordnung nach Weisheit verknüpft seien, selbst von diesem Urheber ihr Dasein haben. Denn /lediglich diese Verbindung ist so bewandt, daß sie einen verständigen Plan voraussetzt; daher auch Aristoteles und viele andere Philosophen des Alterthums, nicht die Materie, oder den Stoff der Natur, sondern nur die Form von der Gottheit herleiteten. Vielleicht nur seit der Zeit, als u ns die Offenbarung eine vollkommene Abhängigkeit der Welt von Gott gelehrt hat, hat auch allererst die Weltweisheit, die gehörige Bemühung daran gewandt, den Ursprung der Dinge selbst, die den rohen Zeug der Natur au'smachen, als so etwas zu betrach r en was ohne einen Urheber nicht möglich ist". Ein anderer anerkannt denkender Schriftsteller, der in der Blüthe seiner Jahre verstorbene Witzemann hat uns in seiner Schrift: die Resultate der Jac ob i sehen und Mendels so h n'schen Philosophie, Folgendes über diesen Lehrpunkt hinterlaffen: „Der Begriff einer Schöpfung, der doch überall vorausgesetzt wird, ist so wenig philosophisch, daß er vielmehr dem frei denkenden Menschen zum Anstoß gereicht .... denn v o n j e h er war die O r th o d o v i e in der Spekulation von der Heterodoxie blos im Glauben an eine Schöpfung verschieden". Daß Spinoza, der größte aller a Priorischen, der noch heute von den Weisen des Abendlandes hoch verehrte, fast angebetete Spinoza, die Schöpfung total leugnet, liegt in seinem Systeme, auch wenn er es nicht ausdrücklich ausgesprochen hätte. Dies hat er aber in seinem tractatus theolog. polit. C. 11. vol. 1. der Pau l u s'schen Edition S. 184: „Docuit praeterea — heißt es daselbst — hoc Ens (Beum) mundunv hunc visihilem ex Chao (vide cap. 1 Genes, vers. '/) in ordinem redegisse, seminaque naturae indidisse, adeoque in otmiia summ um jus et summam potentiam habere, et pro hoc suihmo jure et potentia sibi soli Hebraeam nationem elegisse, certamq* mundi plagam, (vide Deuteron, c. 4 versus 19 et cap. 32 v. 8, 9.) reliquas autem nationes et regiones curis reliquorum Deorum, a se substitutorum reiiquisse etc. Hier wurde der Israelit als sununus philosophus zum Lügner und Sykophanten, und deshalb, weil er das Gegentheil von seiner Lehre kannte, als den Inhalt der Religionsanschauung des Iudenthums, der sich in allen seinen Urkunden und in allen Kommentaren über dieselben deutlich, nicht allein ausgesprochen, sondern mit Nachdruck hervorgehoben findet, so besonders in Maimuni und A l b o. Im ersten Kapitel der Genesis ist der erste Vers das Entscheidende: die Schöpfung von Himmel und Erde; erst im zweiten Verse kommt etwas vor, das von einer feindrehenden Sophistik auf's Chaos des Iudenthums, die Substanz, die prima „,ateria bezogen werden könnte, daß nämlich zuerst die Erde (wohlbemerkt, nur von der Erde ist die Rede), nachdem sie eben geschaffen war, ein To hu va b o hu gewesen fei5 daß aber die Vorstellung, daß die Erde ein wüstes Durcheinander war, von der, einer: ewigen Materie, total verschieden sei, darf wohl hier nicht noch erörtert werden. Wo aber — könnte mich der Autor nunmehr.fragen — hätte ich denn die Lehre von der Schöpfung geleugnet, oder verdeutelt? Nirgends wirst du ihrer auch nur erwähnt finden! Zu was Ende also alle Einwendungen, die jede andere treffen mögen, nur nicht meine Philosophie der Religion? — Mein muthmaaßlicher Gegner hat insoweit recht; es findet sich in der Lhat keine Sylbe von dieser charakteristischen Lehre der Offenbarung in seiner Darstellung der Weltanschauung des Iudenthums; aber ist es denn recht, oder auch nur billig und gut, über eine solche Barriere gegen das Heidenthum wegzusetzen und sie gänzlich zu ignoriren? Wenn ich ihn nun aber frage: Mein guterTheolog, wie Albo und M a i m u n i, oder wie S p i n 0 z a und Philo? — Ich muß mir hierauf eine durchaus bestimmte klare Antwort erbitten; ich muß wissen, ob Sie mir,^ statt des Iudenthums, ein Heidenthum; statt Gottes, einen Götzen lehren und aufdringen wollen, und ich lasse Sie über diesen Schlagbaum nicht hinweg, bevor Sie mir Rede gestanden. Allein, Sie können mir nicht Rede stehen, ohne entweder, Ihrem Prineipe zuwider, sich dennoch ein „fremdes Wesen", durch die Religion aufdrängen zu lassen — die Schöpfung aus Nichts — oder der „Nothwendigkeit unsrer geistigen Natur getreu, den Gott als Schöpfer zu verleugnen, wie Ihr großer Vorgänger, der absoluteste Philosoph Fichte, wie der große Spinoza es gethan. Doch wir hoffen, Herr Dr. Hirsch wird an dieser Stelle sich auf Transaktionen, und nicht aufs beliebte Ignoriren, einlassen, sonst wenden wir den Schluß, qui tacet, consentire videtur, auf ihn an, oder beweisen ihm geradezu aus seinen Prämissen sowohl, als aus seinem, oben schon angeführten, Urtheil über die Offenbarung, daß er eben den Grund der ganzen Lehre des Gottes Israels, frischweg leugnen und von dieser Seite nur Weltweiser, Spinozist, Hegelist, Fichtist, Idealist kurz alles ist nur kein — Rabbiner, kein Lehrer der religiösen Anschauungen des Iudenthums. Auch wäre hiergegen gar nichts einzuwenden. Es kann der Mensch nicht auf seine eigenen Schultern steigen; hat er redlich geforscht, so ist er unverantwortlich für das Resultat, aber dafür bleibt er immer — so auch Spinoza — verantwortlich, wenn er dieses sein Denkresultat als Lehre der Offenbarung ausbietet, und damit die schwachen und unmündigen Geister zu einer plausiblen falschen Lehre verlockt! Das ist nicht löblich und nicht wahrhaftig! (Fortsetzung folgt.)