Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 25 (18.6.1844)
- Date
- 1844-06-18
- Page
- Spalte 389-390 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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389 Kritiken. Hirsch's Religionsphildsophie beurtheilt von Dr. Steinheim. 390 nichts anders, oder mehr, als das gewöhnliche Wissen weiß, weder in Form noch dem Inhalte nach", gesteht der Herr Vfr. ganz naiv, und das räumen wir von Herzen ein] Anders bestimmt ein berühmter Franzose sein Unternehnehmen. Er sagt: Ma täche dans ce Monde a ete, de conduire l’csprit de l’homme par une voie naturelle aux choses surnaturelles, qui lui appartiennent de droit, mais dont iL a. per de totalemant l'idee, soit par degradation, soit par l’instruction si souvent fausse de ses instituteurSo Wir sehen aus Allem, daß unser Herr Autor in dem gemeinsamen Irrthum so vieler ausgezeichneter Geister befangen ist, daß unsere Vernunft mehr vermöge, als nur Vernehmen, daß sie mehr sei, als ein bloßes Mittel, Wahres von Falschem, Recht von Unrecht zu unterscheiden, daß sie auch ein ursprüngliches, von einem Gegenstände des Wissens, unabhängiges Wissen sei; daß sie aus sich den Begriff eines Geistes zu entwickeln im Stande sei, der nicht sie selbst, sondern ein unendlich höherer und mächtiger ist; eines Geistes, der auf eine unbegreifliche Weise das Etwas geschaffen, die Welt aus Nichts, gegen alle unmittelbare Gewißheit der menschlichen Weltanschauung: daß aus Nichts Nichts wird. Das ist eine Annahme, die vom Heidenthume bis auf diesen Lag verspöttelt und als Unsinn verworfen worden, und auf welcher dennoch, trotz ihrer sog. Vernunft Widrigkeit, der Grund des A. L.lichen Anschauens ruht. Wer, der eine Philosophie der Religion vom Judenthum schreiben wollte, könnte es wagen, diesen Hauptlehrsatz der Offenbarung, weil er gegen ein Vernunftaxiom streitet, als einen „mit dem Unverstände identificirten" darzustellen? Wer mögte hier noch anstehen zn lehren, die Vernunft, obwohl mit dem Lehrsätze der Offenbarung des A. K. im Widerspruch, sieht sich durch ihr Wahrheitsgefühl dennoch genöthigt, ihn als wahr anzuerkennen, obwohl er total die a priorische Erkenntniß derselben aufhebt? Voraussetzungen d e r P h i l o s., der R e l i g. und Voraussetzungslosigkeit derselben. Wer? — Seit Philo den traurigen Panegyricus der alttestamentlichen Anschauung im Geiste neuplatonischer Vorstellungen abfaßte, und das erste Kapitel der Genesis zum Heidenthum hmüberzerrte, indem er, der S ch ö p f u n g ölehre des A. T. eine ewige Materie entgegensetzte (e’g zy.sivrjg [zrjg ovalag) navz zytvvrjGev 6 ©eog ' ovy. hepanto^vog uvzfjg (oqU G 1 r ö r er. de Philone, 1. 330—331), sind ihm alle gefolgt, die die Lehre des A. T. irgend wie zu der Ehre erheben wollten, mit ihren eigenen Philosophemen einerlei Inhalt zu haben, und Wunder meinten, welchen Dienst sie ihr damit geleistet hätten. Der Eine meinte auch der A. L.liche Gott sei das P r i n c i p der Liebe; ein Anderer trägt den S ü n d e n f a l t; ein Dritter den Teufel und den ganzen Luxus orientalischer Phantasmagorieen; ein vierter gar den Schein der Tr initäts lehre hinein; und. zu diesen leidigen Tröstern gehört denn auch der formulirte"Hegelianer, in seiner Behauptung: „Was der religiöse Geist in dieser seiner Sich —selbst —Auslegung schafft, das geben die Religionsvorschriften desselben, die Quellen, worin der spätere religiöse Geist derselben Entwickelungsstufe sich selber immer wieder erkennt. Die Aufgabe geht dahin, die Nothwendigkeit des in den heiligen Schriften Gegebenen zu begreifen". Die heiligen Schriften sind hiernach die Ergebnisse der im menschlichen Geiste enthaltenen , von den Verfassern in Worten niedergelegte, religiösen Anschauungen. — Wir haben indeß oben eine solche aufgestellt, die sich eben nicht begreifen läßt : wie, in aller Welt — will sie der Autor denn als eine in seiner Vernunft, im Geiste des Menschen enthaltene, darstellen? Wie die Schöpfung der Welt aus Nichts begreifen? Oder ist dieses etwa nicht die Lehre des Iudenthums? Oder hängt vom Ja, oder Nein derselben nicht die ganze große Lehre von der Freiheit des Geistes, mithin von dem ganzen großen Gebiete der Sittlichkeit, der Verantwortlichkeit, des Lebens im Staate ab? — Hier ist der Punkt, in welchem die Doppelwurzel des menschlichen Gemüthslebens, das Leben des Geistes, als eines Wissenden und als eines Handelnden in einen unzertrennlichen Keimpunkt verwächst. Von der Lehre der Schöpfung hängt die Lehre der Freiheit ab, mit jener Theorie diese Praxis des Vernünftlet) e ns. Von der hohen Bedeutung dieser Schöpfungslehre überzeugt uns das Verhalten des Philosophems insbesondere, des eminenten Idealismus, gegen dieselbe. I. G. Fichte, in dessen Wiffenschaftslehre das Ideale auf seine äußerste Spitze getrieben ist, macht diese Schöpfungslehre gerade zum Merkmale der falschen Religion, und deren Ableugnung zum ersten Kriterium der echten. Als Beispiel b r i n g t e r das Evangelium I o h a n n i s i m e r st e n Kapitel (Vergl. Iäsche's Pantheismus Bd. 3. p. 90). Kant redet v.on ihr in seiner Abhandlung: der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes (s. dessen verm. Schrift, v. Tieftrunk Bd. 2. p. 160 seqq.) in folgender Weise, indem'er die Kritik der Physikotheologie aufstellt. „Diese Methode kann nur dazu dienen, einen Urheber der Verknüpfungen und künstlichen Zusammenfügungen der Welt, aber nicht der Materie selbst und den Ursprung der Bestandtheile des Universum zu beweisen. Dieser beträchtliche Fehler muß alle diejenigen, die sich ihrer allein bedienen, in Gefahr desjenigen Irrthums lassen, den man den feineren Atheismus nennt, und nach welchem .Gott im eigentlichen Verstände als ein Werkmeister und nicht als ein Schöpfer der Welt, der zwar die Materie geformt und geordnet, nicht aber hervorgebracht und geschaffen hat, angesehen werde. Da ich diese Unzulänglichkeit in der nächsten Betrachtung erwägen werde, so begnüge ich mich, sie hier nur angemerkt zu haben". Wir ersuchen den geneigten Leser, das nun folgende Kapitel, die verbesserte Methode der Physikotheologie durchzulesen; wir 25 *