Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1844)
- Date
- 1844-06-18
- Page
- Seite 196 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Druck seufzen, hat eine Freistätte nöthig, wo es einen Theil seiner armen aber rhatigen Juden unterbringen tonnte. Es ist von Juden überfüllt, auf einer so kleinen Landesstrecke in den Städten zusammengedrängt (auf dem Lande ist ihnen der Aufenthalt verboten), wo die Interessen sich so sehr berühren, daß einer an des andern Nahrungszweig mit fürchterlicher Wuth nagt, kann das gesellschaftliche Leben natürlich ohne krankendes Auseinandecgreifen nicht vor sich gehen, wahrend Ungarn von diesem Wolke nicht zahlreich bewohnt, und Raum genug hat, noch eine zweifach stärkere Anzahl aufzunehmen, besonders da das Auffinden der Lebensmittel nicht so sehr erschwert wird (weil die Natur hier überall milder und segenreicher ist) wie in Galizien. Es ist daher an Abbruch nicht zu denken, und nur eingebildete oder vielmehr erkünstelte Furcht hat diesen Schritt veranlaßt. Aber auch undankbar, höchst undankbar wäre es gegen Galizien, den Aufenthalt zu erschweren, oder gar unmöglich zu machen. Als Ungarn von feinen Juden noch gar nicht viel Rühmliches zu sagen hatte, als sie eben noch so unwissend und roh wie die niedrigste Bevölkerung des Landes waren, hat ihnen Galizien Rabbiner und Lehrer gegeben, die nach dem Bedürfnisse der damaligen Zeit sie unterrichteten, lehrten und.bildeten. Ihnen hat man es vorzüglich zu danken, daß die ungarischen Juden jetzt die Wissenschaft lieben, und ihre Kinder vernünftig und zeitgemäß erziehen. Bringt man noch in Betracht, daß ein großer Theil der inländischen Juden aus Galizien eingewandert ist, so kann man sich des gerechten Unwillens nicht erwehren. Wie viele Eltern haben hier ihre Söhne und Töchter, wie viele Kinder haben ihre Eltern, und wie viele schon heimisch gewordene Familien, haben Verwandte in Galizien, und Alle diese sollen keine Hoffnung mehr haben, vereinigt unter einer freien Konstitution und mildem Himmel leben zu können? Wahrlich! es wäre sehr traurig und obendrein unmenschlich. Es ist freilich nicht zu leugnen, daß Unwille und Haß sich gegen die sogenannten polnischen Juden allgemein zeigte; aber dieser Unwille und dieser Haß ist eben so ungerecht als unklug, es sei denn, daß man eine vorgefaßte Meinung als recht und wahr gelten lassen wollte. Leider ist aber der ungarische Jude gewöhnt, die Worte „Fremder" und „Feind" zu identisiciren, und da ihm die armen Galizier meistens und öfters besuchen, schüttet er seine Galle gegen sie aus, meint aber zugleich, dadurch des Bürgerrechts sich würdig zu machen, indem er in einer ungerechten Sache dem Reichstage hilfreiche Hand leihet. Daß man aber nicht glauben möge, es sei ungegründet, führe ich eine Thatsache an, die ich von Augenzeugen habe. Vor einigen Wochen hat das löbliche Zempliner Komitat eine Zustellung dem jüdischen Vorstande zugeschickt, alle in diesem Komitate sich befindlichen polnischen (warum nicht mährischen und böhmischen?) Juden anzuzeigen, und der Vorstand zu S. A. Ujhely hat es auch treu und gewissenhaft gethan. Da diesen Heggelye-Strich mit polnischen Juden überfüllt ist, ttxtr die Gerichtsstube zum Ersticken voll. Der Beamte eiferte!1 vorzüglich gegen die angesiedelten Verheiratheten, und wies! sie mit Strenge in ihr Geburtsland zurück, jedoch ist etl eben so schnell (die Mittel wodurch dieser merkwürdiges Uebergang bewirkt wurde sind mir unbekannt) besänftigt worden, undan eine baldige Ausschaffung ist nicht mehr zu denken, aber mit dem freundlichen Bemerken, j die Vorkehrungen zu treffen, welche die Abreise in bte j vermeinte Heimath nöthig machen. Ich machte habet| die Erfahrung, daß man nicht gerade im kalten Rußland J wohnen muß, um ein kaltes Herz zu haben, und mit 1 Gleichgiltigkeit eine Judenvertreibung anzuordnen, sondern) man kann auch im Osten und im Süden, unter bem | heißesten Himmelsstrich ein Herz aus Eis haben. EU ist aber leider nur zu gewiß, daß auch hier der Jude z selbst dabei thätig gewesen, und noch soweit gehen wird,> daß, wenn Mittel da wären, diese nicht sehr humane) Maaßregel zu unterdrücken, sie selbst dagegen sein werden, j Sollten wohl solche Vehikel gerechtfertiget werden können^ Ich will es zur Ehre unserer Mitbrüder nicht glaubenft Nun komme ich wieder zum Verfahren des Landes gegenZ die inländischen Juden. Einige Komitate wollen ihren Unwillen gegen'die Emancipation sogar thätlich beweisen.; Im Zempliner Komitate z. B., wo der größte Theil bec; Bewohner sich mit dem Weinbau ausschließlich beschaß; tiget, hat man es dem Juden verboten, vor der Wein-.; lese von den Bauern Trockenbeeren zu kaufen und sie; zum Weine treten zu lassen. Man muß aber nicht' glauben, daß diese Verordnung von geringer Bedeutung; sei, denn sie kann die Armuth aller Zempliner Juden; bewirken, weil dies ihr bedeutendster Nahrungszweig ist,j und nimmt man ihnen diesen, bleibt ihnen kein anderes Weg zur Erhaltung offen, als der des Bettelstabs, um eine andere freundlichere Heimath zu suchen. Die Judenschaft dieses Komitates ist ohnehin nicht reich, und hat selbst keine Mittel, sich einen Weg nach Oben zu bahnen, wo diese Verfahrungsweise nicht gebilligt werdet kann, und so ist ihre Zukunft bedaurenswürdig. Dir einzige Hoffnung war, daß Herr Holländer aus Eperies zur Abhilfe dieses Nebels schreiten wird, aber dem sicher»! Vernehmen nach hat auch er bis jetzt Nichts dafür ge-! than. — A—r. Prag, Ende Mai. Wenn es uns immer mit; gerechtem Unwillen erfüllte, zu sehen, wie unsere Herrn Synagogenvorstehec bei jeder sich darbietenden Gelegenheit entweder um eine Pietät zu erheucheln, die sie selbst im! Innern verlachen, oder um der kriechenden Schmeichelei irgend eines jungen Rabbinats-Kandidaten zu huldige», der, um den Orthodoxen zu gefallen, sich verpflichtet glaubt, ihnen irgend eine verschollene D'rascha aufzutischen, dieses D'rascha-Nnwesen begünstigen und unterstützen, so hatdec schöne Eifer für das wahrhaft Erbauliche, den die Hm»