Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1844)
- Date
- 1844-06-11
- Page
- Seite 190 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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.Herrn Sekretär Dr. Etting er, welchen nur das Wohl Ihrer Religionsverwandten und Mitbrüder am Herzen liegt und es befördert wissen wollen, zuschreiben kann.— Hier wie überall, wo der Uebergang von den veralteten Sitten zu den Anforderungen der Civilisation der neuesten Zeit zum Bewußtsein gekommen ist, gab es Sturm und Zwistigkeiten, bald mit dem einflußreichen Rabbiner B. .Meisels, bald mit dem Fanatiker bei den altenchasidaischen Gebräuchen beharrenden S. Landau, welcher der ganzen Gemeinde mit einem Bann drohete, wenn sie (seiner Meinung nach) von ihrer temerären Proposition, eine Chorschule einzurichten, nicht Nachlassen werden —; bald gab es Streit und Parteisucht zwischen der Gemeinde, gegen welche die obengenannten Herren Vorsteher und Inspektoren mit aller Kraft und Energie sich zu erheben und sie zu dampfen wußten. — Viele alte Gebrauche sind abgeschafft und dafür lokalmäßige eingeführt worden. —- Die herrliche, angenehme, zum inbrünstigen Gebete hinreißende Stimme des Kantors, Hm. I. Epstein, wie auch oie ausgezeichnete Baßstimme des Herrn H. Markusfeld, Zögling der hiesigen Singschule, der gratis, nur um den Chor zu verschönern, in demselben mitsingt, tragen sehr viel zur Erhaltung der hiesigen Chorschule bei, so daß manche Personen, die seit vielen Jahren kein Bethaus besuchten, wie auch viele Andere, die nur an Neujahrs- und Versöhnungs-Tagen sich einzusinden pflegten, jetzt nicht emangeln, jedem Sabbatgottesdienste beizuwohnen. — Es wäre zu wünschen, daß die oben genannten Herren auf halbem Wege nicht stehen bleiben und ihr heilig begonnenes Werk mit mehr Eifer und Festigkeit betreiben möchten; so ist ein Lokal- Prediger, der durch heilige, überzeugende Worte den Geist zur Andacht hinreißt und zur Civilisation der neuesten Zeit naher bringt, durchaus nothwendig. — Gebe Gott der Allmächtige, daß meine Worte mit Erfolg gekrönt wurden, so werden die Aussichten und Fortschritte der hiesigen Israeliten in allen Branchen sich sehr verbessern. — I. G.... Polen und Rußland. Rlrdziwilow, 24. Mai. Die Stimmen der Blätter aller Farben über die harte Maaßregel gegen die russischen Grenzjuden sind auch bis hierher gedrungen, und das Mitgefühl, namentlich das der polnischen Edelieute, eingedenk ihres eigenen furchtbaren Druckes, ist allgemein. Ein polnischer Edelmann, ein gewisser Herr von Grzymala Culewitz, der in der Nahe von Odessa wohnt, und ausgedehnten Grundbesitz hat, soll, wie ich vernehme, blos zu diesem Zwecke längs der Grenze gereist sein, um auf seinen Besitzungen hundert jüdische Familien aufzunehmen, ihnen Hauser zu bauen und Aecker in Pacht zu geben. Daß die Israeliten dieses Entgegenkommen der polnisihen Großen, die es leider! bis jetzt zu ihrem eigenen Nachtheil nicht gethan, mit A Freude und Dankbarkeit aufnehmen, das brauche ich Ihnen : wohl kaum zu sagen, zumal da es in Aussicht gestellL ist, daß dieses gute Beispiel viele Nachahmer finden wird, i Zuebrrrg, 28. Mai. Der. Ukas über die Enr-! fernung der Grenzjunden von der Grenze, ist, wie Sie j wissen, nicht zurückgenommen worden, und wahrend der j: letzten drei Monate sind diejenigen Familien, welches, durch Mittel und Umstände leichter ihr Domicil andern '; können, theils wirklich abgereist, theils haben sie zur j? Uebersi'edelung Anstalten getroffen, obgleich die gesetzlich j; bestimmte Frist noch gar nicht um ist. Jndeß ist diese j \ Zahl doch nur sehr gering, und noch geringer die t Zahl derjenigen, die sich durch einen Scheinübertckt zum Christenthum dieser strengen unpolitischen Mach :: regel entziehen; die Masse ist sehr unglücklich, vorzüglich j da die feindliche Gesinnung des Czar in unaufhaltsamer - Steigerung uns erscheint. Die vom platten Lande ziehen i zunächst in die benachbarten Städte und vermehren schon jetzt die Armuth und erschweren den täglichen Er-; werb, und wie das bei noch größerer Zusammenhaufumz { enden soll, das weiß Gott. Noch muß ich Ihnen be- -- richten, daß an der lithauischen Grenze einige kaiserliche : Kommissare diejenigen Grenzplätze seit fast fünf Monate ' bereisen, woraus die Juden verwiesen werden sollen, um das Grundeigenthum der Juden abzuschätzen. Wie es *•' scheint, beabsichtigt der Kaiser, dasjenige unbewegliche ' Eigenthum der Juden an sich zu kaufen, welches die Israeliten bis dahin nicht werden verkaufen können, und nach der Schätzung der Kommissäre wird der Kaiser j das Eigenthum bezahlen. Aber wie wird diese Schätzung i geführt! Wer sogar die Bestechlichkeit und Gewissenlosig- | keit der russischen Beamten kennt, macht sich noch kei; r nen rechten Begriff von der Art und Weise, wie dieses \ Geschäft getrieben wird. Wer nicht Verbindungen, Bei- \ Wendungen hat oder reichlich bestechen kann, dem wird [ z. B. der Werth von 100 Thlr. mit 5 taxirt, ober j überhaupt so abgeschätzt, daß es von Beraubung sich kaum unterscheidet. Wir sind zwar an solche Mach f regeln hier schon gewöhnt und als man vor einiger Zeit f die Israeliten aus dem innern Bereich der Stadt B rz es; j Litaws ki (des in der jüdischen Literaturgeschichte so i; hochberühmten pD'rD), wo seit Jahrhunderten so i berühmte Heroen der jüdischen Gelehrsamkeit gelebt, m l wies, war es mit der Vergütung ihrer Häuser von Seif ten der Krone nicht besser. Dasselbe war der Fall bei!' den Vertreibungen aus Petersburg, Moskau, Kiew, Ni- J kolajew, Alexandrow, Sewastopol und dergl., aber \ jene nicht eine so große Masse und in einer solchen Ausj dehnung uns betroffen, so ist es natürlich, daß man die | Beeinträchtigungen leichter verschmerzen konnte, was jetzt nicht der Fall ist. Gern wären wir zur Auswanderung bej reit; wir würden nach Amerika, nach Texas oder am? liebsten nach Palästina unter englischem Schutze auswam •; dem, wenn einestheils uns nur einige Mittel geboten >■ waren und andern Theils die Negierung uns auswan-; dem ließe. Viele reiche Familien haben ihre Auswau-