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Der Orient · 1844-06-04 · 23 (4.6.1844) · p. Spalte 363-364

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Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
23 (4.6.1844)
Date
1844-06-04
Page
Spalte 363-364 (sequence 6)
Language
German
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363 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurcheilt von Dr. Steinheim. 364 waren wir genöthigt, dies Urtheil noch zu erhärten und zu sagen, das, was die Vernunft für das wahre Wirkliche aus sich selbst dargestellte erkennt, ist die Lüge, das Unfein, die Unwahrheit. Hierin wären wir über das Resultat der bisherigen Vernunstkritik noch nie einen Schritt hinausgegangen. Demnach ist unsere Ueberzeugung, und kann keine andre als diese sein, daß jedes System und jede Lehre von dem Geistigen und von Gott, die von sich rühmt, daß sie ohne Offenbarung, durch das eigne Arbeiten des menschlichen Geistes, aus der Vernunft des Menschen gewonnen, also nur erinnert, nicht aber erlernt sei, eine Täuschung oder Lüge und ihr Gott ein Götze, ein falscher Gott sei. Wir haben hier unsere Meinung über den Inhalt der vorliegenden Schrift ausgesprochen und unser Urtheil gefallt. Unsere Obliegenheit ist nunmehr, dieses Todcsurtheil jener philosophischen Dogmatik zu motiviren. Wir werden in dieser Absicht mit unerbittlicher Strenge den Gang der Untersuchung unsers Autors verfolgen, und, uns streng an der Sache haltend, diese selbst, und nur diese sprechen lasten, ganz nach seinem eignen Wunsche! Allein, vielleicht wird mir Herr Dr. Sam. Hirsch es gar nicht einmal zugeben, daß er die Offenbarung in wahrem Wortsinne leugne. Und wirklich könnte man nach einigen, späterhin namhaften Stellen seiner Schrift, diese Ueberzeugung gewinnen, und an der Sicherheit des Standpunktes, an der wiffenschaftlichen Schärfe des Lehrbegriffes jenes Theologen irre werden. Hier kann aber nichts entscheiden, als der Geist des Ganzen, der Charakter der Grundzüge seiner Dogmatik, und von dieser wird er gewiß nicht in Abrede stellen, daß sie gegen die Ansicht von einer wahrhaften Mittheilung von Außen, einer Offenbarung sti-ielo «ensu ist; daß der Gottesbegriff, dem er huldigt, kein, von einem andern als Menschengeiste ihm von Außen her zugekommener, gelernter, sondern ein, im Menschengeiste, und aus ihm von. innen heraus entwickelter, ein erinnerter sei. Mit einem Worte: unser Autor ist Rationalist, Vernunftgläubiger, Denkgläubiger in einander, d. h. im dogmatisch philosophischen, und, wie es sich näher zeigen wird, dialektisch-hegelschen Sinne« Zwar ist das Resultat, das er herauskehrt, von dem Hegel'6 über die Bedeutung und die Stellung des Lehrbegriffes des A. T., himmelweit verschieden; allein es ist uns nichts Nucs mehr, ein und dasselbe geistige Phänomen, hier die Religion des A. T., gleich einer wächsernen Nase bald hierin bald dorthin gedreht, bald plattgedrückt bald zugespitzc zu sehen. Es bedarf demnach nicht einmal verschiedner philosophischer Systeme, um die abweichendsten Resultate zu gewinnen: in einem und demselben dialektischen Systeme, in demBegriffsproceffe Hegel's, haben sich binnen wenig Jahren drei Haupransichten vom Iudenthum hervorgedrängt, die erste vom Meister der Schule selbst, nach welcher es so ziemlich tief unter dem griechisch-römischen Heidenthum seine Stelle zugewiesen erhielt, aber doch auch hier schon mit nicht unbeträchtlicher Schwankung; bald nachher kam die zweite von Hrn. Professor Va tke, dem Strauß des A. T., wie man ihn nannte; jetzt die, unsers Herr S» Hirsch, die begreiflich dem Judenthume eine Stellung vindicirt, jener, des alten Meisters, grade entgegengesetzt, wa'h, rend die Ansicht Vatke's ungefähr die Mitte zwischen beiden hält. (Der B. Bau er sehen erwähne ich nicht, weil ich ssie nur aus seinen Briefen gegen H. D. Hengste nb erg kenne, die mir keine Luft gemacht, sie des Breiteren aus seinem grüßern Werke zu studiren.) Wir dürfen das Vorwort nicht übergehen, indem es S. IX eine Explikation der Kämpfe innerhalb der Synagoge selbst bringt. Nachdem der Autor nämlich über das unglückliche Verhältniß der Duldung von Seiten der Kirchen gegen die Synagoge tadelnd redet, und auch für diese letzte, das anrüchige extra ecclesiam nulla salus beansprucht, äußert er sich daselbst wie folgt: „Wichtiger noch als in Beziehung zum äußerlichen ist für unser inneres Leben eine wissenschaftliche Verständigung. Es wird viel gekämpft in unserer Mitte; es ist dahin gekommen, daß jeder wissenschaftlich gebildete Rabbine schon von vorn herein mir Mistrauen angesehen wird. — Daß viel Bosheit, Herrschsucht rc. mit unterläuft, ist nicht zu leugnen; allein irgend wie muß es doch berechtigt sein, sonst könnte es keine solche Macht über die Gemüther behaupten; und das ist, glaube ich, Folgendes: Man verwechselt die Bestrebungen der heutigen Zeit mit denen der Mendelssohn'sehen Schule." In dieser wollte man Christen und Juden „auf gleiche Höhe humaner Bildung bringen . . . heute aber gilt es, gerade die Eigen thüw. lichk eit, die positive Weltanschauung der jüdischen Religion, und die Formen, die sie sich gegeben, diese positive Weltanschauung sich immer zu vergegenwärtigen, nämlich ihre Zeremonien und Gebräuche, in ihrer absoluten Nottzwendig keit zu begreifen und wieder im Herzen zur lebendigen That zu erheben." In diesem, in Sperrdruck hervorgehobnem Passus, haben wir gleichzeitig die Verheißung des Autors, nämlich: die Eigenthümlichkeit, die positive Weltanschauung der jüdischen Religion „und die wesentliche Differenz von den Bestrebungen der M e n d e (s s o h n' sch e n Schule, die als destruktive „einreißende, preisgebende" bezeichnet worden, zu betrachten und darzustellen. Was nun den ersten Punkt angeht: das Begreifen der positiven Weltanschauung der jüdischen Religion; so können wir diesem nur das folgende Dilemma stellen. Ist die Weltanschauung des Judenthumes eine solche, die als eine absolut nothwendige begriffen wird: so fällt sie — und das giebt der Autor gewiß gern zu — auf die Seite des „nothwendigev Wiffens", ist also nur eine Vernunftoffenbarung, und zwar der menschlichen, begreifenden, absoluten Vernunft; damit ist der spezifische Unterschied zwischen Iudenthum einerseits und dem Heidenthum nebst Philosophemen andrerseits aufgehoben^ und nur eine modale Differenz zugestanden; es beruht

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