Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-06-04 · 23 (4.6.1844) · p. Spalte 365-366

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
23 (4.6.1844)
Date
1844-06-04
Page
Spalte 365-366 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8555529-9890798-9890823--3577-3530377
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

365 Kritiken. Kurze Anzeigen. 36« die Differenz nur darin, ob wir die jüdische Weltanschauung unter dem Begriffssysteme des L eibn itz-W olfschen Dogmatismus, oder der Identitätslehre Sch e lli ng 's, oder endlich der Dialektik Hegel's auffaffcn. Wenn nun Mendelssohn nach den Principien, die seiner Zeit herrschten, diese Weltanschauung begreifen wollte, und die Offenbarung Gottes deshalb leugnete, weil dieser Gottesbegriff schon ohnehin dem Menschen als angeborne Idee inwohne: was that er denn anders, als die jüdischen Theologen der Neuzeit, die dieselbe jüdische Weltanschauung unter den philosophischen Systemen ihrer Zeit begreifen wollen, und ihren Gottesbegriff mit dem von Schelling oder Hegel identisiciren, und damit gleichfalls — gleichviel ob ausdrücklich oder sub rosa — die wahrhaftige Offenbarung Gottes in Abrede stellen, weil nunwehr der wahre Gottesbegriff entweder in Schelling oder Hegel zu Stande gekommen, und mithin gleichfalls der menschlichen Vernunft eingeboren und nur durch einen gewissen dialektischen Proceß entwickelt, zu sich selbst gekommen ist? Jeder Nachdenkende wird es mir einräumen müssen, daß nach diesen Maximen die jüdische Weltanschauung von dem Philosophien gar nicht verschieden ist, und in sich nur insoweit variirt, als die Systeme von einander abweichen, nach denen sie geformt, unter die sie untergebracht werden soll. Von der Mend elssohn'scheu Schule aber kann nur insofern besonders tadelnd geredet werden, als sie, wie noch jede, nach Art des Stromes, in ihrer Ausbreitung immer seichter wurde und endlich gar versandete. Ist aber die jüdische Weltanschauung eine solche, die sich in wesentlichen Lehrsätzen vom Heidenthum und dem Philosopheme unterscheidet: so ist sie nicht „in ihrer absoluten N o t h w e n d i g k ei t z u b e g r e i fe n, denn in demselben Momente, in dem sie zum nothwLndigen Begriffe würbe' wüßte sie mit irgend einer der heutigen, vormaligen, oder noch kommenden Philosopheme identisch werden, d. h. aufhören eine „eigcnthümliche" Religions-Weltanschauung zu sein, d. i. sie würde in ein a p r i or i s ch e s W i s s e n aus einer „L e h r e', verwandelt. Mit demselben Rechte aber, mit dem heute die Mendel s s o h n' s ch e (rationalische) Schule als einedestruktive, in Anspruch genommen wird, wird von irgend einem Anhänger eines der, noch folgenden, etwaigen philosophischen Systeme, das heutige der Destruktion bezüchtigt werden müssen. Denn im Grunde destruiren alle, die da gewesen sind, und sein werden, als Prätendenten eines W i s s e n s v o r aller eigentlichen Offenbar un g, diese selbst in ihrem tiefinnern Grunde, eben so, wie sie die mühsameren exakten Wissenschaften durch eine bequemere Demonstration der Welt aus dem Begriffe überflüssig machen, und, wenn sie diesen Experimentalwissenschaften gegenüber, wo diese dem absoluten Begriffe sich nicht fügen können, für sich die wahre Erkenntniß in Anspruch nehmen, auch ihre Ergebnisse, die Resultate der Physik, Chemie re. theils leugnen theils auf den Kopf stellen. (Fortsetzung folgt.) Kurze Anzeigen. 24) Die israelitische Bibel in correctem hebräischen Texte mit worttreuer Uebersetzung, vollständiger Erklärung und homiletisch benutzbaren Andeutungen, herausgegeben von Dr. S-alomon Herr heim er, herzogl. Landes-Rabbiner zu Anhalt-Bernburg. Berlin 1844. -8. bei Lewent. Zweiter Theil. Die Propheten. Zweiter Artikel. Hat diese Zeitschrift unter Anderm die schöne Aufgabe, literarische Produkte, welche den Bau der jetzt etwas schneller aufblühenden Wissenschaft des IudenthumS mehr oder weniger fördern, zu besprechen und zur Kenntniß der Leser zu bringen, so darf sie besonders solche Erscheinungen nicht aus dem Auge verlieren, welche sich mit der eigentlichen Quelle aller jüdischen Wissenschaft beschäftigen, und dabei eine solche Fassung haben, daß sie sowol dem Gelehrten ex professo, als auch dem Laien Belehrung und Anregung gewähren. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, glauben wir im Interesse aller Freunde der heiligen Schrift und einer auf Kenntniß derselben sich gründenden wahren Aufklärung und religiösen Erleuchtung zu handeln, wenn wir mit der in Nr.32 des vorigen Jahrganges angefangenen Besprechung des Herxheim e r' s ch e n Bibelwerkes sortfahren. Es gewährt uns Vergnügen, über die seit dieser Zeit erschienenen drei Hefte, welche die Bücherder Könige und 5 Kapitel des Jesaja enthalten, ein eben so günstiges Urtheil fällen zu können, als über die früheren. Die U e b e r s e tz u n g ist überall wörtlich, wörtlich sogar in Ansehung der Konsrructionen und Partikeln, so wie in dem Bestreben, dasselbe hebräische Wort fast immer durch dasselbe deutsche wicderzugeben 5 und doch finden wir nirgends eine Undeutlichkeit, nirgends eine Verletzung des guten Geschmackes. Ohne das orientalische Kolorit abzustreifen und die kindliche, naive Ausdrucksweise der Hebräer aufzugeben, ist vielmehr die Uebersetzung auch dem deutschen Ohre nicht unangenehm. Wie durch dieses genaue, wörtliche Wiedergeben des hebr. Textes das Werk ganz vorzüglich geeignet ist, beim Schul- und Privatunterricht mit Nutzen gebraucht zu werden, werden wir weiter unten näher erörtern. Der Kommentar bringt Alles herbei, was zum Verständnis des Sinnes, zur richtigen Auffassung der Charaktere der handelnden Personen, so wie zur genauen Orientirung in den Lokalitäten nothweudig ist, und läßt keine bedeutende Forschung aus den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft unbr rüccsichtigl. Er strebt weniger danach, um jeden Preis etwas Neues, wenn auch Bodenloses, zu geben, als vielmehr mit Ruhe und Besonnenheit, von einem richtigen exegetischen Takt geleitet, den wahren Sinn des heiligen Wortes zu erforschen, unbekümmert, ob das Ergebniß dieser Forschung neu oder alt ist. Findet sich dann der Verfasser genörhigt, die eine oderandere Stelle anders auszulegen, als die meisten seiner Vorgänger, so unterläßt er es nicht, uns auch ein Resume der übrigen Erklärungsversuche mitzutheilen. Ein solches Versah-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.