Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 23 (4.6.1844)
- Date
- 1844-06-04
- Page
- Spalte 361-362 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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361 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurtheilt von Dr. Steinheim. 362 dienste, seiner Person zum Publikum redet, und man wird mir das Aeugniß nicht versagen, daß ich mich von solcher Anmaaßlichkeit stets fern zu halten versucht habe. Man wird mich auch gegenwärtig nicht der Unbescheidenheit, oder des Vordrängens beschuldigen könnenman wird es hoffentlich ^icht unschwer erkennen, mit wie großem Widerstreben, mit wie vieler Scheu ich zur Rechtfertigung Meiner und meiner Behauptungen geschritten bin, und von setbst einsehen, daß ich von nun an mir solchen Angriffen zu begegnen nie wieder gestatten werde. Zum Beschlüsse gebe ich die Worte des Hrn. Prof. Trendelenburg, eines der ersten Kritiker und philosophischen Forscher der Gegenwart, wie sie in seinen „L o gi s ch e n Unters u ch u n g e n" Th. 1, S. 90 und 9 i zu lesen sind. Sie lauten: „Wir haben die Gründe und die Weise der Dialektik untersucht. Wir verfolgen sie,noch in ihrer Anwendung auf einzelne Gebiete, in welcher sie ihre eigne Probe macht.... „Die dialektische Methode hat am meisten innerhalb der Theologie Anwendung gefunden, in der Physik und den Naturwissenschaften, wo es auf den fa k Li sche n Bestand und die sinnige Deutung ankommt, kennen wir kaum Ein Beispiel.... das Tiefste muß man erst hinein lesen. In der Theologie, die nach ihrem eigenthümlichen Gegenstände nicht eine solche Bestimmtheit der Anschauung haben kann *), wie die übrigen Wissenschaften, giebt die Dialektik den Schein des inneren Beweises. Daher ist sie besonders willkommen gewesen. Indessen in wesentlichen Lehren haben diejenigen, welche der dialektischen Methode vertrauten, ein verschiedenes Resultat erhalten z und wenn dadurch eine Spaltung **) entstanden ist, so scheint dies nur zu bestätigen, daß in die objektive Dialektik subjektive Ansichten hinein spielen, und daß es unmöglich ist, sie, wie sonst einen Beweis, zu einer allgemeinen Klarheit zu bringen. Daß die Dialektik am meisten in der Theologie, und fast nur in der Theologie eine günstige Aufnahme fand, und wieder auch hier den lebhaftesten Widerspruch erfuhr, ist für Jeden ein bedenkliches Zeichen, der den. durchgehenden Wechsel der theologischen Ansichten mit dem Wechsel der philosophischen Systeme bemerkt hat. Die einzelnen Wissenschaften müssen die dialektische Methode von sich weisen, weil sie lehren will, ohne zu lernen, weil sie, sich im Besitz des göttlichen Begriffs wähnend, die mühsame Forschung in ihrem sichern Gange Hemmer". -Soweit die Worte eines tüchtigen und redlichen Denkers, ber den Charakter der alttestamenttichen Offenbarung nur mit dem Zusatze eines neuplatonischen Philosophemes versetzt erkennt, und deshalb nicht erkennt. Wäre das Christenthum bei der Lehre des Stifters, die uns der Evangelist Markus •) Diese Behauptung ist nach dem oben Dargelegten stark zu modisiciren. ") In unserer jungen philos. Dogmatik: zwischen den Herren Doktoren Formstecher und Sam. Hirsch. aufbewahrt hat, verblieben, der als das Höchste des Gesetzes den Ausspruch: Höre Israel, der Herr, dein Go t t, ist ein einiger Gott" anerkannte, und hätte es diesen nicht im Matthäus verstümmelt, im Lukas vergessen,-im Johannes mit der Trinitätslehre vertauscht: so hätte er in der Theologie ganz dasselbe Verfahren einschlagen und dasselbe Reagens und Prüfungsmittel anwenden können, was dem Physiker jeden Faches sich so leicht darbietet, und täglich in Anwendung gebracht wird. Hiermit möge die Verständigung als erster Artikel geschloffen, und der Leser eingeladen sein, mir in der Kritik des theologischen Systemes des Herrn Dr. S. Hirsch weiter zu folgen. In der bisherigen Apologie meiner Grundansicht vom Wesen der Offenbarung ist nun zugleich der Standpunkt angegeben, von dem aus diese Kritik über „die Religionsphilosophie der Juden a.u von Hr. Dr. Sam. Hirsch aufgefaßt werden wird, und betrachtet werden muß. Dann aber sowohl, wie jener Autor von seinem Standpunkte aus zwar kein so wegwerfendes, allein doch immer ein negirendes Urtheil über meine Lehrmeinung abgeben mußte, ebenso muß ich, von dem weinigen aus, ein gleiches gegen die Seine fällen. Es käme also nur im Grunde darauf an: welcher Standpunkt der rechte, und ob dieser auch der des alttestamentli chen Kanons sei. Es braucht wohl kaum erinnert zu werden, daß zwischen den beiden Grundansichten vom Wesen unserer Erkenntniß keine Vermittelung möglich ist, dass es keine Brücke giebt, die von der Grundansicht Plato's, daß all' unser Lernen ein bloßes Erinnern, eine Explikation unsers Innern ist, zu der des Aristoteles, daß nichtsi ni Erkennen ist, w a s n i ch t z u v o r i n d e n Sinneswahrnehmungen gewesen, führt.') Die zwei Grundansichten sind vollkommene Gegensätze, die sich um Sein oder Nichtsein streiten, und so lange bekämpfen, bis eine von beiden die andere gerichtet hat. Es ist zugleich aus dem vorhergehenden, namentlich aus den.Thatsachen der Physik (die sich noch durch alle Phänomene der Naturhistorie, besonders durch die Thatsachen der organischen Natur, ins Unendliche vermehren lassen) einleuchtend dargethan, daß die abstrakten Begriffe mit diesen Thatsachen selbst in Widerspruch sich befinden. Wir haben uns wegen dieses nachgewiesenen Widerspruches zu dem Urtheile berechtigt gefunden, daß die apriorische Konstruktion, der reine Begriff, nicht allein vom Ding - an - sich nichts wisse, sondern sogar n u r s e i n G e g e n t h e i l wisse. Weit entfernt also, daß Kant's Beweis, daß die Vernunft a priori vom Wesen der Dinge keinen Begriff habe, *) Selbst wo der Geist sich selbst erfaßt, wird er als Psychologie eine Erfahrungswiffenschaft. (Vgl. Exner, die Psychologie der Hegelschen Schule. Besonders aber Tr ende len bürg a. a. O. 1. 273.)