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Der Orient · 1844-06-04 · Heft 23 (4.6.1844) · p. Seite 181

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 23 (4.6.1844)
Date
1844-06-04
Page
Seite 181 (sequence 9)
Language
German
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181 unb mit wichtiger Miene debattirt werden? Nur an einem fehlt es uns bei unfern Reformen, nämlich an einer philosophischen Durchdringung des Iudenthums nach allen seinen Phasen und Evolutionen vermöge seiner weltgeschichtlichen Stellung, an der w i s se n sch a f t L i ch e n Lösung und Fixirung vieler bisher in der Schwebe gehaltenen Lebensfragen, damit das Judenthum in der Theorie wenigstens den Männern der Wissenschaft Achtung abzugewinnen vermöchte, und daß der gedankenlose Leichtsinn nicht ferner mit den heimlichen Gesinnungen der reliabilitation de la chaire aus einigen aufgerafften misverstandenen Sentenzen sich eine Doktrin des Judenthums zusammenzuflicken wage, und daß die traurigen Beispiele seltner werden, welche glauben machen, zum Rabbinate sei nichts weiter nöthig, als eine gewandte belletristische Bildung und einige dürftige Kenntniß des Hebräischen. Aber diese Aufgabe muß vorher in der stillen Abgeschiedenheit der Studirstube, in der geweihten Werkstatt des schaffenden Geistes gelöst sein, che sie vor eine geräuschvolle Versammlung gezogen wird, in welcher die divergentesten Persönlichkeiten, Ansichten und Gcsmnungen herrschen muffen, wobei nothwendiger Weise die sekundären Fragen über Kompetenz, Rangordnung und dergleichen der geistlichen Demuth eigenen Rücksichten sich immer in den Vordergrund drängen und die Lebensfrage immer vorläufig ad acta gelegt zu werden pflegt. — Schließlich will ich Ihnen einen neuen Beweis von der Humanität des hiesi- - gm akademischen Senats geben, die mir so eben zu Ohren gekommen ist. Bekanntlich kann an der hiesigen Universität kein . Sube zum ör. philos, promovirc werden, wegen der pietistischen Gesinnungen einiger Senatsmitglieder, welcher die vorzeschciebene Eidesformel zu modisizicen sich scheuen. Den : Medizinern hingegen ist bisher durchaus keine Schwierigkeit wegen ihrer Konfession gemacht worden. Herr Dr. Pappenheim, einer der bedeutendsten Physiologen, welcher neben Prof. Valentin mit Auszeichnung in dieser Wissenschaft genannt wird, arbeitete an der hiesigen physiotogi chen Anstalt mit Prof. Purkinie, wofür er aus der Universitätskasse eine namhafte Summe bezog. Plötzlich aber wird ihm diese halboffizielle Stellung genommen, der Gehalt entzogen, bis er durch die Taufe seine Würdigkeit für eine selche Stellung bekunden wird, Herr Dr. P. hat genug Charakter, eine solche Zumuthimg mit der entschiedensten Indignation zuruckzmveisen. Es heißt, derselbe reklamire sein Recht bei einem hohen Ministerium« Frankfurt a. M., 25 Mai. Mit scheuer Furcht und damer Erwartung harrte unsere Gemeinde den Werten entgegen, die unser Rabbiner Stein am Tage seines Amtsantritts ein sie richten würde. Mannigfach sind die Wünsche und Hoffnungen, die die Anstellung eines Rabbiners der neuen Schule m einer Gemeinde hervorruft, deren religiöse Verhältnisse so verworren sind; mannigfach sind die Befürchtungen in einer Gemeinde, wo die Divergenz der verschiedenen Ansichten und der verschiedenen Richtungen im Judenthum der Gegenwart, Zwar nicht in gehässigen Parteikämpfen übergegangen ist, wo aber doch der Nordpol eisiger Kalte und Gleichgültigkeit gegen alle religiösen Institutionen auf der einen Seite, und der Südpol glühenden Eifers des religiösen Fanatismus auf der andern Seite, mit mistrauischen feindlichen Blicken einander gegenüberstehen. Auf der einen Seite fragte man sich, wird der neue Rabbiner den Willen und die Kraft besitzen, die Flamme des Glaubens in frischer Gluth anzufachen, und für den Bestand und Erhalt des positiven Judenthums, gegen bie verborgenen und offenenen Machinationen, die sich besonders in der neuesten Zeit kund gaben, austreten und kämpfen? Wird er, fragte man sich auf der andern Seite, die fortschreitende Richtung seiner Schule konsequent durchführen und das Morsche, Hinfällige, das von der neuen Kulturstufe gerichtete und als unwesentlich verworfene Zeremonialweftn dem höhern, geistigen Gedanken des mosaischen Judenthums unrerordnen? Und die Ruhigen und Bedächtigen, die größte Mehrheit unserer Gemeindemitglieder, fragten mit beklommenen Herzen: wird er im Stande sein, den ausschweifenden Anforderungen, den sanguinischen Wünschen.beider Extreme ernsten Widerstand zu leisten, ohne ihre Liebe und Achtung zu verlierend Mit diesen Befürchtungen betraten unsere Gemeindeglieder am verflossenen Wochenfeste die Synagoge, Männer verschiedener Ansichten und Gesinnungen, die aber alle denn doch die Misverhältniffe unserer religiösen Zustande anerkannten und die Nothwendigkeit einsahen, daß es an der Zeit sei, daß für den Glauben etwas geschehen möchte, wenn das MiStrauen und die Zwietracht nicht vollends die besten Kräfte aufreiben und verzehren solle. Daß Lieblingsträume und Utopien dem naturgesetzlichen Fortgang nicht mehr hindernd und hemmend entgegentreten könnten, und andererseits die Religion nicht mit einer beflügelten Schnelligkeit in die Bahn eines wirbelnden schwindelnden Kreislaufs gestürzt werden dürste. So in sich und durch sich vorbereitet, vernahm unsere Gemeinde den ernsten Vortrag unseres Rabbiners, die herzlichsten Worte eines von der Wichtigkeit seines hohen Berufs tief durchdrungenen Seelenhirten. Den Standpunkt feststellend, auf dem er wirken, und die Mittet angebend, durch die er zu wirken gedenke; nicht scheuend die wunden Stellen zu berühren, die zu heilen er berufen sei, nicht berücksichtigend, ob er diesen zu viel jenen zu wenig gebe, und als Diener des Herrn, einzig und allein für die Erhaltung der Religion sprechend, und unbekümmert um den Tadel der äußersten Partheien, deren Tadel, wr>er sich ansdrückre, sein Lob sei, erwarb er sich gleich bei seinem ersten Auftreten die Herzen einer großen Mehrheit, die den Einflüsterungen leidenschaftlicher Stimmen, welche noch immer wie Schlangengezücht aus verborgenem Gemäuer ihren giftigen Geifer auf die unschuldigen Wanderer mit höhnischem Lächeln loslaffen, ihr Ohr verschließen. Sich von vorne herein mit der Gemeinde verständigend, und offen darlegend, welche Zwecke zu erreichen seines Strebens Ziel sei, weiß nunmehr ein jeder, was er von

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