Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1844)
- Date
- 1844-06-04
- Page
- Seite 180 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360310-2360334--4495-3530366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
180 Zeugnisse der neuen jüdischen Literatur hier den Theilnehmern zu jeder Zeit zugänglich sein — wie auch thatsächlich eine 'reichhaltige Bibliothek nicht nur von der leichten flüchtigen Tagesliteratur, sondern auch von den schweren, gepanzerten -Quartanten der Erudition allmälig hier zusammengetragen wurde; ferner sollten von Zeit zu Zeit freie Vorträge gehalten werden, welche den Geist der Mitglieder anregen, auf die Bedeutsamkeit der Tagesereignisse aufmerksam machen und die warme Lheilnahme für den Zweck des Vereins erhalten sollten. Kurz es fehlt an nichts weiter in diesem, Leseverein, ihn zu den erfreulichsten, wirksamsten Vereinen zu zählen — als eben an Lesern. Helle, freundliche, im Sommer luftige, im Winter temperirt gewärmte Zimmer, bequeme Sitze, eine reiche Bibliothek verschiedenen Inhalts, dieses Alles vermochte bis jetzt die Mitglieder nicht zu fesseln, und wenn nicht einmal ein schüchterner Bachur, von Obdachlosigkeit oder leerem Magen getrieben, aufeinige Stunden in diesem Institut um Obdach und Vergessenheit seiner Misere zu finden, an der ausgelegten reichen Literatur sich satt läse, wahrlich oft unberührt müßte der ganze Reichthum der Gegenwart zurück ins Fach gestellt werden , wie er ausgelegt. Nur die Vorträge, die immer reichlich mit Medisance gegen andersgesinnte Renommeen, welche nicht gut auf der Kanzel abgeschlachtet werden können, gewürzt sind, wodurch allerdings nur einige zelotische Stockneolgen gefesselt werden, vermögen das Scheinleben dieses Instituts noch hinzuhallen-ridicuius mus. Unerwähnt darf aber der diesem sich enganschließende Lehrverein nicht bleiben. Als nämlich die Lheilnahme für den Leseverein allmälig lau zu werden ansing, mußte der Enthusiasmus auf ein anderes Institut hinübergeleitet werden, und die vereinsamten verlassenen Bachurim hatten sichs nicht träumen lassen, daß sie der Gegenstand der Lheilnahme und der Sorgfalt bei Ptutoaristokraten werden sollten. Diese Schülecklasse, aus den polnischen und oberschlesischen Provinzen, ohne Schule, größtentheils mit einiger Lalmudkenntniß, mit glücklichen Anlagen und einem Wissensdurst versehen, pflegen nämlich jetzt viel zahlreicher als früher unsre.Hauptstadt zu besuchen, um sich hier klassische und humanistische Kenntnisse anzueignen und sich dann für die jüdische Theologie vorzubereiten; sie waren bis jetzt auf ihre eigne Kräfte oder auf die prekäre Unterstützung des Einen oder des Andern der jüdischen Studenten angewiesen. Ein namhafter jüdischer Geistlicher, der ex officio das Protektorat der angehenden Theologen übernehmen mußte, gewann einige Aristokraten und Studenten für die Idee, eine Art Progymnasium für den Bachurstand zu kcnstituiren, welcher von den Erstern mit Stipendien, von den Letztern mit Unterricht in den niedern Gymnasial-Disciplinen unterstützt werden sollte. Diejenigen, welche die Notwendigkeit eines solchen Instituts nicht einsehen konnten, wurden durch die exquisiten Speisen und die guten Weine eines Zweckessens davon überzeugt, wobei hochtönende Toaste in Prosa und Versen die hohe Bedeutsamkeit dieses Instituts für die Zukunft des Judenthums laut verkündeten. Allein auch hier blieb das lächerliche Mäuschen nicht aus. Der feurige Enthusiasmus dauerte nicht länger als der Weinrausch. Den Lehrern fehlte es entweder an wahrem Eifer oder an pädagogischen Kenntnissen und die Lernenden hatten genug Kritik, es einzusehen, daß sie bloß als Handhabe für eine maßlose Eitelkeit gebraucht werden, und daß sie genöthigt sind, dieser Eitelkeit ihren einzigen Schatz —■ ihre Zeit und Lernbegierde — zum Opfer zu bringen. An ein Austreten war nämlich so bald nicht zu denken; denn dann stand ihre schmale Existenz und die Erlaubniß ihres Aufenthalts an hiesigem Orte, beide von dem Besuche dieser Anstalt bedingt, auf dem Spiele. Kaum ist ein Jahr ftir der Stiftungssestivität abgelaufen, und schon stehen die Räume leer von Lehrenden und Lernenden, und das Institut ist auch bereits von den Theilnehmern aufgegeben; nur noch der letzte Schmaus, gleichsam der Leichenschmaus, soll dieser Tage von Gevattern und Freunden verzehrt und wahrscheinlich ein ausführlicher Bericht über die bedeutenden Leistungen dieser Anstalt in die Welt geschickt werden, und dann wird er wohl in Frieden ruhen*). — Noch will ich mir erlauben, Ihnen zn referiren über die hier herrschende Meinung von der in den dies caniculares veranstaltete Rabbinersynode; daß man hier keinesweges den Enthusiasmus für die Idee theile, um demwillen um ein Haar ein Duell zwischen zwei geachteten und befreundeten Rabbinern ausgebrochen wäre, daß man sie vielmehr zu jenen unpraktischen Plänen zählt, die zu Tausend in k neuern Zeit auftauchen und verschwinden. Der Grund scheint, weil mehr unwillkürlich an die schmeichelhafte Wiesbadnersynode erinnert wird, und diese Erinnerung ist nicht geeignet, große Hoffnungen in uns zu erwecken. Bekanntlich hat jene Synode nichts weiter als einen ziemlich gelungenen Witz veranlaßt. Als nämlich in der ersten und einzigen Sitzung am Freitagabend wegen der heftigen Debatte steine Frage zur Entscheidung kommen konnte, soll ein witziger Frankfurter bemerkt haben: die Rabbiner hätten gleichwo! etwas an jenem Abend ausgemacht. Ich glaube, es war nur ein Witz! Allerdings werden unter den Augen der würdevollen und gesinnungsernsten Männer, welche bei dieser zugegen sein werden, dergleichen puerile Aufklärungsheldentbattn sich nicht wiederholen; allein man fragt allgemein: was soll denn eigentlich diese Synode bringen? Soll etwa die Abrogirung des Taschlich oder die Erlaubniß der Reisspeiscn am Passah erst durch einen Synodalbeschluß durchgehn, um doch nicht befolgt zu werden? Setzt man das Iudenthum nicht der Gefahr aus, von der heißhungrigen Tagesprcsse en riclcule behandelt zu werden, wenn derartige Fragen ex abrupto ohne dialektischen Zui.m menhang mit dem ganzen dogmatischen Gehalt des Judenthums — dessen Umfang und Grenzen zn bestimmen, noch kaum versucht worden : ist — aufgeworfen *) Mir scheint die ironische Besprechung dieser Institute, so entfernt sie auch von gereiztem Pathos ist, nur einseitig, und ich wünsche, daß ein Korrespondent auch die guten Seiten derselben der Oeffmtlichkeit übergebe. Red.