Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1844)
- Date
- 1844-06-04
- Page
- Seite 179 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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179 ausnahmsweise die Prüfung zu erlassen. Hoffabrikant Hausmann dagegen replicitte mit dem Borwurfe, daß §r. Wachsmuth schon als Judenfreund bekannt sei, und beantragte die Annahme der Innungs-Petition. Der s Abgeordnete Siemens dagegen trat dem Dc. Wachsmuth l; hei und dieser setzte seinen Vorschlag, über die Petition [ zur Tagesordnung üderzugehen, einstimmig durch, so daß { Herr Heinemann in der Innung bleibt, nachdem er aus ' freien Stücken erklärt hat, sich einer nachträglichen Prü-; fuug unterwerfen zu wollen. i Griinberg, 27. Mai. In dem hiesigen Wo-! chmblatte vom 6. Mai haben die von vielen Seilen hart S, mitgenommenen Stadtverordneten in der Juden frage (s. Nr. 22) es versucht, die von der dortigen Gemeinde erf schienene Erklärung anzuschimpfen, und jgecn würde ich den Lesern dieses Blattes jene Replik mitgetheilt haben, wenn sie außer dummgrodem Schimpfen und Schelten, und außer jfbm gemeinsten, schmuzigsten Neidbcweisen auch nur einen ^einzigen gescheidten Gedanken enthielte. Ich theile dieses hier auch nur deshalb mit, um beispielsweise zu zeigen, I, m wenig noch viele Städterepräsentanten selbst emanchirt sind, als daß man von ihnen eine Emancipation . der Juden erwarten sollte. I München, 23. Mai. Eine große Anzahl junger i Leute haben auch in diesem Frühjahre das Vaterland ß?'verlassen, um in der neuen Welt eine Heimath zu suchen; Zdie drückenden Gesetze von Seiten des Staates, die barjt bausche Erschwerung des Sichverheirathens und viele an- ^dece Lasten sind die Hauptmotive zu diesen fast jährlich wiederkehrenden Auswanderungen. — Den jüdischen Gymnasiasten ist die Wahl gelassen worden, ob sie bei? dem katholischen oder protestantischen Lehrer den Ge- ' schichtsunterricht hören wollen; ich weiß nicht, ob es für? Katholiken eine besondere Weltgeschichte giebt. Jn Würzbürg ist bereits darüber eine Verordnung erlassen worden. Breslau, 16. Mai. (Bersp.) Ein tiefblickender Staats- E mim hat bekanntlich unsrer Zeit die nomothetische Produktivität abgesprochen. Man könnte zu diesem Paradoxon noch hwzusetzen, daß unsre Zeit auch darin ihre Ohnmacht verrathe, neue feste Gestaltungen, dauernde lebenskräftige Institutionen ütls sich zu erzeugen, wie sie das Mittelalter auf uns vererbt hat, welche den Einflüssen der Zeit zu trotzen und die Zukunft Lu dominiren vermochten. Ohne ein Anbeter des Mittelalters zu sein, darf man diese starke Seite des mittelalterlichen Geistes nicht verkennen, wenn man sich nicht an dem Geiste der Geschichte versündigen will. Unmöglich kann es sich auch gar anders verhalten. Die stürmische Beweglichkeit, von der unsre Zeit ergriffen ist, die unruhige Hast, mit der das scheinbar Abgelebte an Staat und Kirche fortgeschafft und das ^ene eingeführt werden soll, die Prätensionen, mit denen das Individuum in seiner subjectiven Einseitigkeit dem Ganzen Segenübertritt, lassen auch die probehaltigen, heilsamen Ideen wcht zu konkreter Erscheinung kommen und verhindern den allmäligen Niederschlag kristalischer Gebilde im kirchlichen und staatlichen Leben. Findet je einmal eine Idee eine günstige Konstellation, Fleisch und Blut, eine palpable Existenz anzunehmen, so tritt oft der Fall ein, daß die Idee in dieser ihrer Veräußerlichung sich vollkommen verflüchtigt, und die angewandten Mittel zu dem erzeugten Zweck sich dann verhalten, wie der kreisende Berg zu dem lächerlichen Mäuschen. Wollte ich diese Behauptung in durchgängiger Allgemeinheit gelten lassen; so müßte ich mich auf manchen Widerspruch gefaßt machen. Nun so will ich sie nur auf die Manifestation des jüdischen Lebens angewandt wissen, ja um nicht bei der Behauptung stehen zu bleiben, will ich sie blos auf unsre Gemeinde beschränken und den Nachweis nicht schuldig bleiben, wie sich die Frucht des kreisenden Berges hier in alle Lebenssphären der Gemeinde einzunagen versteht; indem ich für diesmal, aus Mangel an interessanten Neuigkeiten, damit meine Korrespondentenschuldigkeit abzusinden gedenke. Es war im Jahre 1841, als das Fränklsche commerzienräthliche Hospital mit einem Pomp, welcher nicht leicht ein würdigeres Objekt hätte finden können, eingeweihet wurde. Ein Zehntel Million war auf Eleganz und Bequemlichkeit dieses Instituts verwendet worden, und die boshafteste Tadelsucht fände an diesem großartigen Prachtgebäude und an den erforlichen Mitteln zur Realisirung eines so notwendigen Zweckes nichts auszusetzen. Sicht man aber nach, wie sich seit drei vollen Jahren der realisirte Zweck zu den ungeheuren Mitteln verhalte, so wird man in diesem Hospitale, anstatt stöhnender Patienten, eifriger Aerzte, umsichtiger Inspektoren, geschäftiger Krankenwärter, nichts weiter finden als enorme, hingestrekte Moll sacke, kalkulirende Wollmäkler und einen Troß von Trägern. Schon beim Eintritte in den Hellen eleganten Korridor ist man geneigt, im Widerspruche mit der goldenen Aufschrift „jüdisches Hospital," es für ein Wollmagazin zu halten, und je weiter man sich in den freundlichen, gemüthlichen Zimmern umsichet, wird man in dieser Annahme bestätigt, indem diese sich durchweg zu Wollremisen hergeben müssen — ridiculus mus. — Doch ja, ich will nichts vergessen; in dem einen Flügel dieses Hauses im zweiten Stocke befindet sich eine würdige humanistische Anstalt, die zwar mit dem Hospital nichts zu thun hat, aber vielleicht auf eine andre Weise die Ehre dieses Hauses zu retten vermöchte. Der jüdische Lehr- und Leseverein, dessen Schöpfer und Moderator ein achtbarer jüdischer Geistlicher ist und der bereits Filiatvereine in andern Gemeinden hervorgerufen, hat sein Zelt in diesem Hospital aufgeschlagen. Es hat nicht an Enthusiasten' gefehlt, die an dieses Institut die kühnsten Hoffnungen, eine neue Aera für die Entwickelungsgeschichte der hiesigen Gemeinde geknüpft haben, wie es auch durch die Posaune des Journalismus nach allen Seilen hin präkonosirt wurde. Hier sollten nämlich alle diejenigen ihren Sammelplatz haben, denen die Interessen des Iudenthums am Herzen liegen; Indifferente sollten durch aesthetische Mittel herangelockt und für die gute Sache begeistert werden. Zu diesem Behufe sollten alle Er- 23 *