Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 22 (28.5.1844)
- Date
- 1844-05-28
- Page
- Spalte 341-342 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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341 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurtheilt von Dr. Steinheim. 342 das Kant'sche Nichr —- wissen. Die wahren Physiker haben auch seit dem Liefern Eindringen in die sog. exakten Wissenschaften diesen „logischen Hochmuth des Systemes" von sich fern gehalten, und sind fortschrcitend neben dem philosophischen Dogmatismus vorwärts gegangen, ohne desselben sonderlich zu achten; wohl hat dagegen dieser Dogmatismus mit einem eigenthümlichen Appetite die Entdeckungen jener benutzt, und sie, oft ungeschickt genug, für seine eignen Zwecke verarbeitet, um hinterher sich rühmen zu können, er hätte das Alles von selbst herauskalkulirt. Indeß wird kein nüchterner Naturforscher sich nach dem letzten, eben so freventlichen, als verfehlten Unternehmen einer Naturphilosophie von Hegel, sich täuschen und das außgeblasene Weltei für ein lebendig-volles als Kukuksei unterschieben lassen. Der unsterbliche Kant nun, nachdem er klar wie der Lag die Unmöglichkeit nachgewiesen, daß die menschliche Vernunft das Ding—an—sich erkennen könne, hat dadurch dennoch seinen Tribut der Sterblichkeit abgetragen, daß er eines Lheils das Dasein Gottes als ein Postulat, aber als ein mit Nothwendigkeit von dem Sittengesetze Gegebenes, annahm, und mehr noch, dadurch, daß er das materielle Ding—an—sich, den Körper, auf rein dynamischem Wege zu konstruiren unternahm , wohin wenigstens seine Versuche einer Schätzung der physikalischen Kräfte hindeutet *). Dies Letzte mochte wohl seine Veranlassung darin haben, daß er den Widerspruch des Physikalischen mit dem Apriorischen nicht kannte. So mag es denn sich bewähren, was die neueste Schule lehrt, daß der Widerspruch die Wahrheit sei; jedoch in einem ganz andern Sinne, nämlich so, daß das wahrhaft Wirkliche das sei, was dem reinen Begriffe unserer Vernunft von ihm entgegengesetzt ist, wie wir es an den obigen Beispielen darzuthun versucht haben. Har nun die kritische Schute die Unmöglichkeit einer reinen Vernunfterkenntniß vom Ding—an— sich auch auf die Lhatsachen der geistigen Welt ausgedehnt, auf Seele, Freiheit und Gott, so war nun nach derselben Methode der Grundsatz jenes Widerspruches der Wirklichkeit gegen das Begriffs-Ding nicht minder auf jene Welt des Unsichtbaren auszudehnen, auf den niundus munenon, und das ist der Inhalt meiner Leistungen in jener obengenannten Schrift, die ein so misliebiges Urtheil dem neuen Verfechter des Nationalismus abgenöthigt hat. Dies Urtheil muß, da ich auf dasselbe begreiflich vorbereitet sein mußte, weil ich es selbst hervorrief, nur bestätigend auf das Lharsächliche selbst einwirken. So fand ich, daß das apriorische Wissen von Gott und seinem Verhältnisse zur Welt, ganz von derselben Beschaffenheit sei, wie das von der sichtbaren Welt; daß, wie in dieser dem „Wissen, oder Erinnern" ein „Nichtwissen und Lernen" gegenüber stehe; also gleich¬ *) Vergl. was hierüber Trendlenburg's logische Untersuchungen Bd. 1. Belehrendes bieten. falls in der geistigen Natur. Dies „L e r n e n, E r f a h r e n, Empfangen eines Neuen (Synthese), heißt in dem Ausdruck von der geistigen Welt „ein Offenbaren, Offenbarung"; und an ihm habe ich das nachzuweisen versucht, was in gleicher Weise über den Inhalt und den Dogmatismus unserer Vernunft hinausragt, wie in den Erscheinungen der sichtbaren Welt. Ich fand, daß der Gott, der sich dem Menschen offenbart, zu dem Gott, den der Mensch irgendwie rationalistisch konstruirt hatte, in demselben Verhältnisse, wie ein wirkliches Naturwesen zu dessen reinem Begriffe, stehen, d. h. mit diesem in einem diametralen Gegensätze. In diesem Verhältnisse entdeckte ich denn auch das gewisse Merkmal, an dem ich den wahrhaft Seienden von jedem dogmatischen Scheingotte zu unterscheiden vermögte. Der wahrhaft lebendige Gott trat als ein Geist, über und außerhalb der Welt, vor meine Seele, von dem ich entweder nur eine vage Ahnung, oder eine gewisse (apriorische) Urwahrheit ohne jenes wirkliche Mittheilen, ohne jenes wahre Lernen (rpin) haben könne; durch dies Lernen aber eben nur das, was seine höhere Weisheit mir darüber mitzutheiten für gut gefunden har. In Beziehung auf mein Erkenntnißvermögen ist mir demnach die Offenbarung auf ganz gleicher Linie mit dem allmäligen Erkennen der Erscheinungen der Sinnenwelt. Das apriorische Wissen gab mir einen vollen Begriff von Gott, aber der Gott war ein leeres Schema, ein Schattenbild meiner selbst: das Lernen gab mir keinen vollen Begriff von Gott, aber dafür einen persönlich wirklichen Geist. In dem Hervorheben dieser Analogie, und in dem Nachweise derjenigen Merkmale, die für ein wirkliches Erlernen im Gegensätze zum Erinnern, oder für ein wahrhaft Seiendes, wirkliches We sen, gegenüber dem Phantome einer sich übernehmenden dialektischen, apriorischen After w ei sh ei t; hierin, und nur in diesem kleinen Fortschritt über unser bisheriges Erkennen hinaus liegt, wenn ich mich nichr täusche, das, was ich als das Meinkge — wenn anders der Mensch also zu reden das Recht hat — als mein schwaches Verdienst halten darf. Ich verfuhr hierin nach der heuristischen Methode des Aristoteles, nach seiner Maxime nämlich: <dsl vtzbq tcov clcpavzlv xolg (pavsgolg {tagxvgioZg igfiftca (de moribus II. 2) und rufe: Neque presumo me Optimum invenisse theologiam, sed reram me intelligere scio! mit einem Größern, der mir längst vorangegangen, dem ich mich aber in zwei Punkten gleich fühle, im Ernste des Strebens und in der Sicherheit des iudex sui et falsi, — Die Ucbertragung der Methode von der sinnlichen auf die übersinnliche Welt der Dinge ist zwar nicht so bequem, als die Anwendung jener Erkenntnißformel auf die Sinnenwelt; allein sie war nichts drsto weniger nöthig und mußte irgend einmal vollzogen werden, wenn wir der Verdammiß, der ewigen. Neckerei des proteusartigen Rationalismus, der Spiegelfechterei der Dogmatik entrinnen wollten. Sie war nöthig, um mit derselben Sicherheit, mit welcher der 22*