Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 22 (28.5.1844)
- Date
- 1844-05-28
- Page
- Spalte 339-340 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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339 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurtheilt von Dr. Steinheim. 349 die Kritik Kant's zu studiren. Da ging mir denn ein neues Licht auf, da ich erfuhr, wie es zuging, daß solche Unternehmungen mislangen, und weshalb sie mislingen mußten. Ich wandte mich ab von dem Lager des Idealismus und trat zu dem Realismus über. Je länger ich nun mit dem Schlüffel und Prüfstein des Kriticismus zum Naturstudium ging und je geübter ich im Gebrauche desselben wurde, desto deutlicher wurde es mir, wie wenig die apriorische Wissenschaft der Natur mit den wahrhaften Erscheinungen zusammenstimme. Ja, endlich wurde es mir klar, daß die Resultate einer naturwissenschaftlichen Konstruktion in einem vollkommenen Widerspruche mit den Ergebnissen der Naturforschungen ständen, und daß, wenn der voraussetzungslose Forscher, der höchstens induktionell verfährt, mit jedem Schritte weiter in der Ergündung der Naturphänomene überrascht, der Naturphilosoph, wo er nicht in einer öden Selbsttäuschung allen Wahrheitssinn eingebüßt hat, mit jedem Schritte vorwärts Lügen gestraft wird. Diese meine gewonnene Ueberzeugung legte ich in einem Iournalartikel im Jahre 1829, unter der Ueberschrift „vom Einflüsse der Philosophie auf das Naturstudium", in Hader's Annalen nieder. Möge es der aufmerksame Leser gestatten, daß ich hier die beiden Beispiele wiederhole, die in jenem Iournalartikel angeführt, und späterhin auch in einer Prolusion zum zweiten Abschnitte meiner Schrift über den Offenbarungsbegriff der Synagoge ausgenommen worden sind. Das erste ist die doppelte Lehre von der Höhe unserer Atmosphäre, wovon die eine, eine apriorische, nach mathematischer Berechnung gewonnene, ist; die zweite, eine physikalische, nach Principien der Induktion und des Experiments ausgestellte. Nun aber widersprechen sich Beide so vollständig, sind einander so konträr entgegengesetzt, daß man nur die Wahl hat, diese oder jene anzunehmcn. Die mathematische von Bayle oder Mariotte lehrt nämlich, die Atmosphäre ist ohne Begrenzung, also unendlich hoch; die physikalische Methode des Laplace dagegen, daß sie wie der Ocean oben begrenzt sei. Die erste Reformirung nun (nach dem Gesetze einer in geometrischer Progression abnehmenden Verdünnung) enthält den Widerspruch gegen die Thatsache eines absoluten Gewichtes der Atmosphäre, das einer Wassersäule von 28' Höhe gleich ist, oder einer Quecksilbersäule von 31 Zoll (unserer Barometerhöhe). Eine unendlich Masse kann kein endliches Gewicht haben. So ist denn hier die Konstruktion und Demonstration nach mathematischen Grundsätzen völlig aufgegeben, und statt eines „Erinnerns" ein wahrhaftiges „Erlernen" eingetreten *)♦ Ein zweites Beispiel liefert die Elasticität der luftförmigen Körper, vermöge deren sie fähig sind, bald einen größeren, bald *) Man vergleiche, wenn man sich genauer über diesen Punkt unterrichten will, I. F. W. Herschel's Treatise of astronomy §. 36. p. 25. London, 1833. Auch Günthers Atmosphäre p. 2 und Berzelius Chemie übers, von Wöhler. 3. Ausl. B. 1. p. 336. einen kleineren Raum gleichmäßig auszufüllen. Die Eigenschaft des Körperlichen ist nämlich — wie bekannt — seine Undurchdringlichkeit, oder, daß in dem Raume, worin ein Körper sich befindet, kein zweiter Platz haben könne. Dies apriorische Axiom wird aber durch jenes Naturphänomen, das wir Elasticität nennen, als richtig erkannt. Denn, wenn ich im Stande bin, ein Kubikmaaß atmosphärischer Luft bis auf ein halbes zusammenzudrücken, so muß nothwendig ein Luftatom neben und in einem andern Platz nehmen können. Dies Problem der Volumsveränderung leitet ferner auf eine noch folgenreichere Betrachtung. Es ist nämlich als Axiom die Theilbarkeitdes Körpers ins Unendliche angenommen, so daß es kein Theilchen geben könne, daß nicht nochmals wieder theilbar wäre, weil auch das noch so klein angenommene nicht ohne Ausdehnung denkbar ist. — Nun giebt es ein eben so gewisses Axiom, daß das Ganze größer, als irgend eins seiner Theile ist. Ist nun aber ein Theil z. B. ein selber Kubikzoll eben so ins Unendliche theilbar, wie der ganze, so haben beide unendliche Theile, also gleiche Menge Theile, G. C. A. Der Physiker sieht sich daher genöthigt, entweder das Körperliche der Körper gänzlich zu leugnen, und die Materie aus einem reinen Konflikte von dem Gegensätze der Anziehungs- und Abstoßungskraft entstehen zu lassen; dann aber werden ihm außer mehren andern unvereinbaren Thatsachen, z. B. die der Schwere, Cohäsion, insbesondere die chemischen Verwandtschaften und Umsetzungen entgegentreten und ihn in Verlegenheit bringen. Deshalb nimmt denn auch gegen das more matbematioo die neuere Physik und Chemie,,Untheilbare Atome" an, und kehrt sich an den Widerspruch gegen den apriorischen Begriff . ganz und gar nicht. So hat denn jeder wahrhaft gegebene Inhalt etwas Zwingendes, eine Gewalt, die den reinen Denkprozeß einjchränkt und ihn nöthigt, so sauer es ihm auch wird, an irrationale Größen zu glauben, und sich an Erscheinungen zu gewöhnen, die seinem höheren Rationalismus gradhin zuwider laufen, und dabei das Recht des Daseins, also den Schluß ab Esse ad Posse, fyaben, der sich nun einmal nicht wegschaffen läßt. Somit vollendete sich in meinem Bewußtsein die Gewißheit, daß die rer um Natura, das Ding — an sich nach Kant, nicht sowohl der Art ist, daß unsere Vernunft es nicht zu begreifen im Stande ist: sondern vielmehr, daß dies Wesen der Dinge mit dem apriorischen Begriffe, den unsere Vernunft in einer vermeintlichen Schöpferkraft aus sich selbst, indem sie den Begriff des Cogito, als das unmittelbar — Erste annimmt, entwickelt, in einem konträren Widerspruche stehe. Daraus folgt nun, daß die Vernunft, als kritisches Vermögen, in der Noth wendigkeit sich befinde, ihre eigene Dogmatik und Konstruktion aufzugeben, und Thatsachen für wahr zu halten, welche dieser widersprechen. Dies ist nur ein Ergebniß, das noch einen Schritt weiter geht, als