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Der Orient · 1844-05-21 · 21 (21.5.1844) · p. Spalte 329-330

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Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
21 (21.5.1844)
Date
1844-05-21
Page
Spalte 329-330 (sequence 5)
Language
German
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329 Studien. Briefe über das Judenthum. 330 Protest in die Welt hinaus zu schicken," um die Botschaft des neuen Heils zu verkündigen, hätten die Verfasser wohl besser und schicklicher ihre Meinungen und Gesinnungen in eignen Werken ausführlich auseinandersetzen und darstellen, somit den Männern vom Fache zur Prüfung vorlegen sollen. Freilich wurde durch den eingeschlagenen Weg mehr Effekt hervorgebracht, auch ist's viel leichter, in einigen Sätzen ein Paar Behauptungen aufzustellen, als ein zusammenhängendes System mit ausführlicher Nachweisung der ausgestellten Gedanken zu fertigen. — Zum sicheren Ziele jedoch, wenn auch geräuschlos und langsam, führt nur der von mir bezeichnet Pfad. Denn auf diesem Wege stellte sich die Nichtigkeit oder Falschheit der Thesen klar heraus, auch trügen die Grundsätze in solchem Falle den Stempel ihrer Reife; während uns jetzt Behauptungen ohne irgend eine Motivirung vorgelegt werden, welche wir auf die Versicherung der Verfasser hin, als seien dieselben durch die Forschungen der wissenschaftlichen Theologie bereits sanktionirt, auf Treu nnd Glauben anerkennen sotten. Wahrlich, die Untersuchungen in dem Gebiete der mosaischen Dogmatik sind noch lange nicht so weit gediehen, daß sie solche Aussprüche rechtfertigen. Deshalb müssen wir auch die Erklärung des Reformvereins jedenfalls ein vgzsqov tcqozeqov nennen. Zwar wird man den Einwand entgegen halten, daß die Reformfreunde, wie sie ausdrücklich in ihrem Programme erklären, gar keine Dogmen aufstellen wollten, „daß sie — so lauten ihre Worte — die innern positiven Grundlehren des Glaubens unberührt lassen." Entweder begreife ich nicht, was diese Herren unter positiven Grundlehren des Glaubens verstehen, oder man muß sie eines groben Widerspruches anklagen; denn ihre eigene Erklärung zeugt gegen sie: DiTJD rron D2 nnjy* Abgesehen für jetzt von der Wahrheit oder Unwahrheit der in der Erklärung aufgestellten Grundsätze, lege ich Ihnen, m. Fr., die Frage vor: ob ein Bekenntniß, das den angenommenen Grundsätzen der Synagoge schnurstraks widerspricht, das Lehren und Gesetze in Abrede stellt, welche von den bedeutendsten Lehrern der Synagoge als wesentliche Vorschriften und Dogmen uns'rer Religion anerkannt sind, die positiven Glaubenslehren nicht berühre? Wenn das Negiren angenommener Lehren und Gesetze der Religion sie nicht berührt; so tastet auch der mich nicht an, der meine Worte läugnet und meiner Habe mich beraubt. Ich wiederhole es also, die ganze Art und Weise dieses Hervortretens ist ein Fehlgriff, unwürdig des heiligen Gegenstandes, den es gilt. — Betrachten wir die Form des Ausdruckes, so gewährt diese ebenfalls keine Befriedigung. Es ist bereits vielseitig an dieser Erklärung getadelt worden, daß sie theils in Unbestimmtheit sich drehe, theils nur Negationen enthalte. Zwar versuchte die Zeitschrift „der Israelit" gegen diese beiden Vorwürfe den Reformverein zu vertheidigen; aber nur Wenigen werden die angeführten Vertheidigungsgründe genügen. Das Vage und Farblose des Ausdrucks wird ungefähr damit entschuldigt —- es liegen mir diese Blatter nicht vor, sonst würde ich Ihnen die Stellen wörtlich citiren — daß absichtlich eine Fassung gewählt wurde, welche allen, wenigstens sehr vielen Gemülhern der verschiedensten Ansichten zusage. Von den Principien und Gesinnungen einer Gemeinschaft sich lossagen, und mit dieser Lossagung Allen zusagen wollen — das wahrlich bleibt ein Ra'thsell Eben so unklar ist die Vertheidigung, daß die Negationen gar keine wären, indem jede Negation nur ein relativer Begriff sei, so daß, je nach dem verschiedenen Standpunkte, dem Einen als positiv erscheine, was der Andere negativ nennt. Ich gestehe es Ihnen offen, m. Fr., daß ich den Sinn dieser Erklärung nicht zu begreifen im Stande bin; es müßte denn hier die Lehre der Optik über das Prisma des Auges, nach welcher wir alle Gegenstände in verkehrter Richtung sehen, Aufschluß geben. Anders verhält es sich mit Ihrer Meinung, m. Fr., daß diese Negationen, nachdem die Verfasser des Programmes erklärten, „sie wollten nur dasjenige abwälzen, was man bisher aus Gewohnheit dem religiösen Bekenntniß imputirte" als Limitationen genommen werden könnten. In der That, feo j,1 yow DDN weil z. B. in dem zweiten Satze der Erklärung bezeugt wird, der Talmud habe keine Autorität für die Reformfreunde, so könnte man daraus den Schluß ziehen, die Bibel habe für sie Autorität. Immer aber ist man zu Fragen berechtigt, warum zogen es die Verfasser vor, nur in verneinender Sprache zu reden, ohne auch nur eine Sylbe zu äußern, womit sie es bekräftigten, daß sie irgend eine positive Glaubenslehre unserer Religion anerkennen? Wozu diese scheue Zurückhaltung, welche abschreckt und mistrauisch macht? — „Ich weiß — sagt unser Stein heim in der Vorrede zu seinem Werke „die Offenbarung" — daß in Uutersuchungen der Wahrheit, in Angelegenheiten der höchsten menschlichen Interessen, nichts einen schönern Klang giebt, als das unverkünstelte unverblümte Wort der Geradheit, wie denn auch dieser Weg der einzig rechte und richtige ist." — Offenheit und Bestimmtheit der Sprache darf man mit Fug und Recht von einer solchen Erklärung fordern. Die Ausdruckslosi'gkeit und Vagheit damit entschuldigen wollen, daß man dem religiösen Gemüthe keinen Zwang anthun mochte, damit Männer der verschiedensten Farben keinen Anstand fänden, in diese Glaubens- Republik einzutreten, und so das neu entdeckte, noch unbevölkerte Land recht viele Einwohner gewinne — das heißt genau genommen, man wolle gar keinen positiven Glauben, und das Band, welches zusammen halten soll, ist das der Opposition gegen die Gläubigen. Sollte auch die Erklärung kein Prokrustesbett der Ueberzeugungen sein, so darf sie darum noch nicht zum Tummelplätze aller Meinungen sich hergeben. Oder wollten, wie sie sagen, die Resormfreunde keine Gemeinschaft bilden: wozu , fordern sie zum Anschluß an sie, .d. h., doch zum Austritt aus der alten Gemeinschaft aus? War es vielleicht die Absicht des Vereins, Freistädte zu gründen, wohin sich die unschuldig Verfolgten vor der Rache der Glaubensverwandten flüchten könnten? Gott sei Dank, ist diese Zeit der Inquisition und des Bannes vorüber, so daß

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