Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 21 (21.5.1844)
- Date
- 1844-05-21
- Page
- Spalte 325-326 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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325 328 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurtheilt von Dr. Stemheinr. auf dm Lag Hegel's vollenden, ehe er sich besinnen konnte, daß er selbst es sei, der sich in die Welt der Erscheinung aus sich selbst hinausbewegt, und durch den Gedanken auch der Schöpfer des All's sei. Eine etwas kühne Idee fürwahr für ein Wesen, das ein Luftzug aus Hindostan in seiner höchsten Schöpferkraft umblies, wie das Kind ein Kartenhäuschen! Allein vielleicht um so erhabener, ja kühner! Hier kann nur von der Wahrheit die Rede sein, diese entscheidet. Derselbe Grundgedanke, der sich aus dem Alterthume bis auf die Jetztzeit im Lager des Idealismus als Feldgeschrei aussprach, daß nämlich in dem Wesen der Dinge der Gedanke, der Begriff, das wahrhaft Seiende sei, hat seine verschiedene Ausdrucksweisen gegen die Gegenpartei, daß das Di n g -- a n — sich, oder das Objekt, das Wesenhafte sei, und auch gegen dieVernunftkritik, daß unsere Seele nicht das Vermögen besitz e, das Wahr e im Wesen der Dinge zu ergründen, und das Seiende zu begreifen, wie es scheint, vollendet und seinen Kursus durchgemacht. Aber nicht allein ist jenes unauflösbare Ding—an —sich noch immer in seiner Starre unaufgelöst; sondern es hat sich sogar, nachdem alles Lösliche an ihm durch die bisherigen Versuche wirklich verschwunden ist, nur um desto Härte als Primitivcrystall in dem Scheidewaffer des Gedankens wieder gefunden. Auch hat sich schon, statt der Beruhigung, die sich nach der Lösung eines so großen Räthsels natürlich hätte einstellen müssen, eine noch größere Unruhe und ein unheilbarer Riß in dem Heerlager des Idealismus, kund gegeben, die Schule ist nach allen Richtungen auseinander gefahren, und eine neue tüchtige Kritik durch Lrendelnburg hat den modernen Scholasticismus mit seinen Quidditatibus, hocceitatibus und allen windigen übrigen tatibus vollends als leere Windbeutelei einer iusania cum ratione zu Ruhe gebracht, und den Sand der Mark darauf gestreut. Aus diesen Andeutungen mag soviel hervorgehen, daß es eigentlich nur Eine Identisiciruug gegeben habe, nämlich die des Objekts mit dem Subjekt, des Begriffenen mit dem Begriffe. Ferner, daß der, welcher diese Identificirung nicht zugeben, sich mit ihr nicht einverstanden erklären kann, der im Gegentheil einsieht, daß das Auflösungsexperiment mislungen, und die objektive Welt der Dinge noch immer, wie zuvor, unbegriffen, dasteht, nicht anzuklagen sei, als ob er das Wesen der,Dinge, weil er sieht, daß es nicht im Gedanken sich aufgelöst, mit ihm sich identificirt hat, nun gar mit dem Unverstände Ldentisioirt habe. Das ist aber gerade mein Fall. Es ist bekannt, daß ich eigentlich nur ein Arzt bin, und deshalb von Seiten des Metier's gar kein Recht habe, in Dingen der Religion mitzureden. Auch hat mir Hr. Dr. Formstecher das: ne sutor! schon zugerufen, und erklärt, daß er nicht nöthig habe, bei einem Arzte in die Schule zu gehen. Ich möchte mich auch hierüber, ehe ich weiter gehe, und auch den zweiten Punkt zu beseitigen versuche, gegen meine Leser in ein Paar Worten aussprechen, nachdem ich den ersten, als hätte ich durch meinen Grundsatz,, da.ß unser Denkvermögen nicht hinreiche, die sichr bare und unsichtbare Welt der Dinge zu begreifen, Gott und die Begriffe zu fassen, das Iudenthum (seine Lehre von Gott und Welt) mit dem Unverstände idenrisicirt, beseitigt zu haben hoffen darf. Es ist freilich wahr; ich bin nur ein Arzt, und so ein kleines Stück von Naturforscher nebenher. Ich stehe erst in der dritten Fakultät der Anciennität nach, und dürste mich nicht vermessen, mich bis zur ersten zu erheben. Das Unglück aber kam daher — was meine theologischen Antipoden und Vormänner wohl berücksichtigen wollen! — daß ich in diesem tertiären Standpunkte dem vierten am nächsten zu stehen gekommen, und neugierig genug gewesen bin, auch in diese unterste aller Fakultäten einen Blick zu werfen, um zu sehen, wie es da zugehe» Da wurde ich denn zu meinem Erstaunen gewahr, wie diese letzte sogar sich nicht entblödete, über „den Leisten hinaus" zu gehen, und naseweis der sakrosankten ersten, der unnahbaren, einige monita zu geben. Weil ich nun, wie erwähnt, zugleich vermöge meines Metiers auch Beruf zur Naturforschung hatte, und mithin zwischen dem philosophischen Abstraktum und dem natu r h i st o r i sch e n K o n k r e t u m mich eingeklemmt fand; so wußte ich mir nicht anders zu rathen und zu helfen, als durch meine Zuflucht zum bekannten Resultate der Kritik des R. V., das sich gegen zwei Seiten hin, sowohl gegen den Idealismus, als auch gegen (bcn Realismus, der dogmatischen Philosophie und philosophischen Dogmatik mit Zuversicht und Entschiedenheit ausgesprochen hatte. Nun ist das Unglück da! Ich habe es mit beiden verdorben. Dies meine Erklärung über die geringen Schicksale meiner unbedeutenden Person, und nun habe ich für diese vorläufige Verständigung noch die Erläuterung zurück, wie mir meine Gedanken über den Inhalt der Offenbarungslehre, die ich für das Wesen des Ludenthums halte, entstanden sind, und wie sie sich nach und nach gestaltet haben. Sollte es sich nun Herausstellen, daß noch einige mehr diese Ansicht für eine „Identificirung mit dem Unverstände" erklären, so will ich hiermit öffentlich geloben, ihrer niemals mehr vor meinen Lesern zu erwähnen und mich nicht wieder an ihrer Zeit oder an einem, mir so theuern Kleinode, zu versündigen. Doch es wird nunmehr Zeit, daß meine lieben Leser endlich die Gründe erfahren, die mich genöthigt haben, jene Lehre, die den philosophischen Dogmatismus so gänzlich entgegengesetzt ist, als die in unserer heiligen Schrift enthaltenen anzuerkennen und aufzustellen und damit den zweiten Lheil meiner vorbereitenden Aufgabe zu liefern und die ganze zu vollenden. Ich will das mir möglichste thun, einen Weg, den ich, einsam zwischen dem vielverheißenden Systeme der absoluten Wissenschaft, und dem vielgewährenden Studium der Erfahrungswiffenschaften hin und her geworfen, eine lange Reihe von Jahren hindurch bis zu jenem -Resultats 21*