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Der Orient · 1844-05-21 · Heft 21 (21.5.1844) · p. Seite 165

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 21 (21.5.1844)
Date
1844-05-21
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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165 T)ec Vorstand scheint über diesen letzten Schritt der Orthodoxen wenig betroffen zu sein.— Was die 260000 st. anlcmgt, welche das Haus Rothschild zu einer Schule n,it vielen Nebengebäuden geschenkt, so har dieses.Haus, weil Dc. S t e.i n als Rabbiner hinkommt, da6 Geschenk zurückgenommen. Der Vorstand stellte ihm ohne Umstande die Schenkungsurkunde zurück. Hr. Stein hat gewiß in seinem Leben nicht daran gedacht, daß er unter allen Rabbinen der Welt der theuerste sei. Ein rheueter Stein! Oesterreich. Prag, 6. Mai. Die Gegenwart, die deutlich den Charakter des Ueberganges, die Auge einer schmerzlichen Krisis auf ihrem Antlitze tragt, die wie ein flügge werdender Vogel das mütterliche Nest bald verlaßt und bald wieder dahin zurückkehrt, diese so in sich selbst zerrissene unschlüssige Gegenwart, bringt auch Kinder zur Welt, denen das Muttermal des Zwielichts scharf aufgedrückt ist. Allen Gebilden der jetzigen Epoche sieht man das Prekäre, Schwankende ihres Wesens, die schaukelnde Unsicherheit aller Bewegungen auf den ersten Blick an. -Betrachten wir die Entwicklung der synagogalen Vorträge in der neuern Zeit. Die Derascha hatte anfänglich mitunter auch gesunde kräftige Elemente in sich; ihr Ziel war, Belehrung und Erbauung zu vereinigen, zugleich auf Verstand und Gemüth des Hörers zu wirken. Aber bald war sie auf Irrwege gerathen; die Form halte sie zu Grunde gerichtet. Man wollte das Nützliche angenehm, die Wahrheit lecker, die Moral pikant machen. Und bald wiederholte sich auch hier, was sich m der Geschichte des. jüdischen religiösen Lebens überhaupt zugetragen. Das Wesen'wurde vom Schein, der Kern oon der Schaale beherrscht und in den Hintergrund gedrängt. Die Witzjagd hatte alle gesunde Exegese zu Grube getragen, der Sinn für das echte Gold der Wahrheit ging verloren in dem Haschen nach Flitter und ^and. Ein neues Geschlecht, das der wahren Kultur Zugänglich geworden war, sah bald die Verschrobenheit der bisherigen Vortragsweise ein. Die alte Derascha mit ihren nutzlosen himmelhohen Thürmen des Witzes, mit ihrer eitlen Verschwendung von Scharfsinn und Geistesreichthum im Dienste des Sophismus, mit ihren geisti- ^igen Kapriolen und talmudischen Luftsprüngm, hatte eben dadurch die Sympathien aller Gebildeten verwirkt. Man fing nachgerade an zu begreifen, daß es des Gotteswortes unwürdig sei, als Folie witzelnder Bonmots und schillernder Calembourgs zu dienen. So trat die deutsche Predigt ins Leben, um das Volk fortan in klarer, einfacher, allgemein verständlicher und wohlklingender Sprache zu erbauen und zu erheben. Ihr fehlte Zwar das didaktische Element, das der Derascha zu eigen stin sollte, sie belehrte nicht im speciellen Sinne, aber man verzichtete im ersten Augenblicke auf die Nahrung des Verstandes, um nur die des Herzens zu retten. In der jüngsten Zeit fangt die Derascha an wieder Lebenszeichen von sich zu geben. Man fand, daß man sie zu früh abdicirt chatte, und daß die Predigt sie nicht ganz ersetzen kann. Es zeigt sich, daß die Predigt und die Derascha zwei Richtungen sind, die neben einander hergehen können und sollen. Es haben sich mehre schon einen Ruf in der für antiquict gehaltenen Derascha erworben. Auch Hr. Rapaport gehört zu jenen, die derselben eine Zukunft zu erringen trachten. Seine Deraschot sind von eigenthümlicher Faffung. Er strebt darnach, diese organischen Gewächse des jüdischen religiösen Lebens, die 2 Jahrtausende hindurch von ihm getragen worden sind und es auch wieder befruchtet haben, auch ferner zu erhalten und zu wahren. Hat die Derascha Schlacken, meint er, so muß sie gelautert werden, ist sie abgeartet, so muß man sie veredeln und rektificiren. Das suchte er auch in Ausführung zu bringen. Er har sich ein neues Genre geschaffen, das Belehrende und unterweisende Element der Derascha, befreiet und emancipirt von dem es bisher umgebenden Firlefanz der Jdeenpurzelbäume. Und er hat uns durch mehre treffliche Beispiele Gelegenheit dargeboten, der ernsten Weise seiner Derascha, der nach Wahrheit strebenden Erläuterung, und Erklärung der Bibel-, Talmud- und Midrasch- Stellen, nebst Nutzanwendung für unsere Zeit, immer mehr und mehr Geschmack abzugewinnen. Um so eher erlauben wir uns die Frage, warum Hr. Rapaport noch darin dem Schlendrian huldigt, jeder Derascha eine Charifttt-Jntroduktion voranzuschicken? Wozu diese nutz- und fruchtlosen kasuistischen Differtationen mit obligatem Disput, bei denen das Volk ganz verblüfft dasteht? Wozu diese mittelalterlichen Turniere und Talmudritterkämpfe, an denen sich nur noch Einige ergötzen? Will man durchaus den wenigen Liebhabern dieser scholastischen Palastrik einen Ohrenkitzel bereiten, nun so begnüge man sich mit den Pcivatvorsiellungen, die jeden Festtag in den Rabbinerbehansungen zum Besten gegeben werden, doch die Arena der Oeffentlichkeit, die Synagoge bleibe diesen Kunstreitereien verschloffen. In . den wenigen öffentlichen Synagogalvortragen ist es das Volk und nicht die Dilettanten, die berücksichtigt werden müssen; dem Volke ist das Gebiet des Charifut eine terra, -incogüita, und wenn der Redner von den spärlichen Stunden, die dessen Belehrung gewidmet sind, noch einen Theil der Eitelkeit und Ostentacion opfert, um in den Augen der Komilironen als kampfgeübter Charis zu glänzen, so begeht er einen Raub an den heiligsten Interessen seiner Gemeinde. Desto schärfer noch müssen wir es aber rügen, wenn dieses Charifut den überwiegenden Theil des Vortrags ausmacht, wie es an diesem Sabbat Ha-Gadol geschehen ist. Möge unser würdiger Rabbiner, der stets den rechten Punkt zu treffen versteht, diese Mataologie

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