Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-05-14 · 20 (14.5.1844) · p. Spalte 311-312

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
20 (14.5.1844)
Date
1844-05-14
Page
Spalte 311-312 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8555529-9890798-9890819--3547-3530320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bll Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie benrtheilt von Dr. Sleinheim. 312 ist ein bekanntes Phänomen, daß dem Kinde Alles so Lange dauert, Alles wie unbeweglich erscheint. Seine Eltern und Großeltern betrachtet es nicht anders, als wären diese immer so gewesen, und als blieben sie immer so, wie es sie jetzt kennt. Daß diese alten Menschen einmal so gewesen seien, wie es selbst ist, oder daß es selbst so werden würde, wie es sie jetzt sieht, ist ihm etwas Unerhörtes. Das Jahr nimmt ihm kein Ende; ein Lebensalter scheint ihm eine Ewigkeit. Erst später, nach und nach wird der Mensch des Wechsels und seines unaufhörlich,: raschen Stromes inne. Ein Aehnliches muß in der Geschichte des Lebens, im Geschlechte der Menschheit sich zugeträgen haben. Es mag eine nicht unbedeutende Zeit verflossen sein, bevor das kindliche Geschlecht gewahr wurde, daß nicht Alles so bleibe, wie es die Gegenwart findet; sondern in einem ewigen ununterbrochenen Wechsel, in unmerklicher, aber beständiger Veränderung begriffen sei. Man ward gewahr, daß das Bestehende nicht bestehe, und daß das scheinbar Dauernde vergehe, und man mußte wohl einen mächtigen Schreckenempfinden, da jeder Besitz schwand, und das Vesteste unter den Händen sich verflüchtigte. Giebt es ein Bleibendes im Wandelbaren, ein Dauerndes im Wechsel, eine Ruhe in der unendlichen Bewegung; oder ist Alles, wie „ein Gras das heute grünt, und morgen dürre ist, oder wie ein Schatten, der vorüberfährt?" Dies möchte wohl die erste Frage gewesen sein, nachdem die Beobachtung der unaufhörlichen Bewegung auf Erden und am Himmel den jungen Menschen stutzig und über seine eigene Vergänglichkeit unruhig gemacht hatte. Dieser ersten folgte indeß gewiß und unausbleiblich diese, als zweite: Was ist denn das, was sich bewegt? und in dieser lag denn das unmittelbare Gefühl, daß ein Etwas sei, das irgend wodurch in diese Bewegung versetzt wurde. Man unterschied eine Bewegung von einem Bewegten, und fragt nun nach diesem etwas, das eigentlich in sich ruhen mußte, wenn nicht ein andres Etwas daffelbe zur Bewegung sollicirte und hiermit begann alsobald die tiefere Ergründung dieses dauernden Etwas, und jenes bewegenden Etwas, und man nannte sodann diese Ergründung Weisheit, Sophia, später aus Sokratischer Bescheidenheit und Ironie, Liebhaberei an der Weisheit, oder Philosophie. Es ist ganz der Natur angemessen, wenn sich der noch kindliche Mensch gewaltig in der Beantwortung dieser Frage vergriff. Die Antwort nämlich glich zuerst auf eia Haar jener, die man aus dem Munde eines Knaben erwarten müßte,' dem man diese Frage vorlegte, nachdem man ihm nach dem Was, das sich verändert, gefragt hätte. Der Knabe würde antworten: das ist das Bleibende, das eben jenes Andere in sich trägt, welches Ursache wird, daß es nicht in seiner Ruhe bleibt; und das nennt man Materie. Das ist der Charakter der ersten philosophischen Versuche, die der sog. Physiologen, und diese griffen, charakteristisch genug, zuerst nach den beweglicheren sichtbaren Dingen, dem Wasser, der Luft, dem Feuer, um in ihnen, in denen sie die lebhafteste Bewegung wahrnahmen, das ewig sich gleich Bleibende, das Ruhende, auszusprechen. Thal es lehrte also: das Bleibende ist das Wasser. Hierin ist noch naturgemäße Anschauung; denn rrotz der ewigen Wellen und Bewegung bleibt Wasser doch ewig Wasser; das Meer empfängt alle Flüsse der Erde, steigt in Dämpfen von der Hitze gezogen in die Höhe, und bleibt immer unter dieser Veränderung dasselbe Meer; wird nicht voll, wird nicht leer! Das ist die Eine Seite, wo die Materie als das Ewige gegolten hat, und die mit dem Lehrsätze schloß, das die dauerndste, derbste Materit die eigentlich ewige sei, mit der Aromenlehre. Dieser ewig-sensualistischen Anschauung von der ewigen Materie gegenüber, mußte sich jedoch bald ihr Gegentheil erzeugen, da es doch nur zu einleuchtend werden mußte, welcher Widerspruch darin liegt, daß man gerade das zum Ewigen machte, was man in eben demselben Momente zu einem Nicht-ewigen, zu einem ununterbrochen Wechselnden gemacht hatte. Man überzeugte sich, daß das Ewige nicht das sein konnte, das jedem Wechsel unterliegt und keinen Widerstand gegen das leistete, durch Was es in eine unaufhörliche Unruhe versetzt, durch welches es ewig gedrückt, gestoßen, gezogen und verwandelt wird. Eben der Stoff ist das Veränderliche, das uns immer unter unfern Händen entschlüpft, das Ewige ist das, sich ewig selbst Gleiche; dos, wovon ich ein exaktes Wissen habe; was ich greifen und fest halten kann, die Zahl, die ich berechnen und die Größe, die ich messen kann. Was ist an einem dreieckigen Körper z. B. das Bleibende? Nicht der veränderliche Körper, der Inhalt; sondern das Dreieck, das in, ewig gleicher Gesetzmäßigkeit, trotz aller Veränderung sich selbst gleicht, und noch unabänderlichen Gesetzen bestimmbar ist. Dies war den Pythagoräern das Bleibende im Wechsel, das nach ihnen der berühmte Plato*) in ein mehr Substanzielles umgewandelt hat, in seine geistigen Formen aller Dinge, die Ideen nannte. Hiermit trat denn nun der erste schroffe Gegensatz in der Ansicht von der Natur der Dinge auf, indem der Eine lehrte rdasewigBleibende ist das Ruh ende, die Materie; der Andere dagegen: das ewig Bleibende ist das Bewegende, Form gebende, die Idee, der Geist. Diese zwei Gegensätze in der Philosophie erzeugten noch zwei neue, eben so schroffe,, vielleicht noch schroffere. In der Lehre vom Sein und vom Werden, von der Ruhe und der Bewegung zeichnen sich durch die Antithese: Alles *) Ueber das Verhältniß Plato's zu den Pythagoräern lies den Diogenes Laertius. Nach ihm war es Epich arnus, der die Jdeenlehre zuerst einführte, und von dem sie Plato entlehnt habe. Den spätern Pytbagoräern erschien deshalb Plato auch als ein Plagiarius (loyo%U'jtr.i\q1 xaTayvcoTtsig Itci loyonlonELCig. cf. de Empedocle ejusd. — 1t. Aristo t, metaphysic, 1. I. cap. 6).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.