Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 20 (14.5.1844)
- Date
- 1844-05-14
- Page
- Spalte 309-310 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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309 Kritiken. Hirsch's Religionsphilosophie beurtheilt von Do. Steinheim. 319 weil mir das, was ich dem geneigten Publikum darüber mitzutheilen hätte, noch nicht im Klaren wäre, sondern wegen der, vielleicht nicht ungegründeten Besorgniß, man möchte das Mitgechkilte nicht frei halten von einer geringen Beimischung von Empfindlichkeit über ein Urtheil des Autors betreffend die Bestrebungen des Ref. im Gebiete der jüdischen Theologie. Diese Besorgniß wird auch gewiß nicht ohne Einfluß auf die kritische Arbeit bleiben, das fühle ich nur allzusehr; ich fühle es nur zu deutlich, daß mir die Freudigkeit, die Heiterkeit der kritischen Arbeit fehlen wird, die mir Arbeiten gleicher Art bisher zu einem Lustwandeln im Gebiete des Wissens gemacht haben. Um den fernsten Schein einer Gereiztheit zu vermeiden, muß ich jetzo meiner Art einen gewissen Zwang, eine Zurückhaltung auferlegen, die dem Werke für mich einen .Theil seines Reizes, für den Leser vielleicht noch mehr ju entziehen droht. Es war grausam vom Herrn Verf., in einer kurzen Note auf der 554. Seite dieser Schrift ein so mißliebiges Urtheil über mich und meine geringen Bestrebungen für das Iudenthum darzubringen, da er es doch erst in weitere Ferner, in einem zweiten Bande, zu begründen verheißen mochte. Er behauptet nämlich von mir, ich sei „gutmüthig genug, das Iudenthum mit dem Unverstand zu identificiren". Dies lautet nun, aus dem Euphemismus Hegel'scher Ausdrucksweise in die schlichte Rede umgesetzt, ich sei „einfältig genug". Das wäre nun zwar kein „Fehler", aber doch ein wahres „Unglück", namentlich in so. wichtiger, ja heiliger Angelegenheit. Diese kleine Anmerkung macht es mir deshalb zur Pflicht, mich selbst vor Allem, und ehe ich weiter gehe, mit meinen Lesern zu verständigen, und ihnen, wenn ich es im Stande bin, plausibel zu machen, daß ich in jenem Sinne so „gutmüthig nicht bin" wenigstens nicht — wenn dies dadurch belegt werden soll — daß ich das Unglück gehabt, das Iudenthum mit dem Unverstände vereinerleit, identificirt zu haben. Wiewohl ich nun nicht zweifle, daß Jeder, der unbefangen meinen Arbeiten seine Aufmerksamkeit zugewendet, dieses Urtheil nicht unterschreiben wird, so habe ich doch eben durch dasselbe erfahren, daß selbst ein denkender Mann, wie der Verf. es unstreitig ist, sich zu demselben veranlaßt finden konnte, und daß mithin gegen eine gewisse Seite hin das von mir ausgestellte Princip der Offenbarung einen gewaltigen Anstoß zu geben fortfährt, noch jetzt sortfährt, nachdem ich in den verflossenen acht Jahren aus eine gewisse Aussöhnung, mindestens auf eine gutmüthigere Berücksichtigung von Seiten des unerschrockenen Rationalismus rechnen zu dürfen geglaubt habe. Die Sache rund und kurz auszusprechen: ich habe die Lehre vertheidigt, das es eine wahre, echte Offenbarung giebt, habe zu zeigen gesucht, wie diese beschaffen sei; und diese Lehre wird mir hier nicht sowohl bestritten, als vielmehr zu einer albernen Identification mit dem Unverstände auf eine imposante Weise, fürs erste, ohne Nachweis, gestempelt.- Mag es nun immerhin, wie es irgendwoheißt, „den Griechen eine Thorheit und den Juden ein Aergerniß" sein, so ist doch jedenfalls in der Annahme einer Offenbarung nichts, — soviel mir bekannt — enthalten, was zu einer Unhöflichkeit herausforderte. Ueberall ist eine solche auch deshalb so ganz und gar gegen das Interesse der Wissenschaft, wie gegen das gute Verhalten in der Gelehrtenwelt, weil sie so leicht zur gleichmäßigen Entgegnung auffordert, wodurch denn statt eines ehrenwerthen Streites ein wildes unsittliches Gezänk entsteht, wie es leider unsere junge Literatur schon so vielfach besudelt hat. „Daß sich deß erfreu' Priamus und Priamus Söhne!" Darum will ich ohne alle Epitheten meinem Gegner entgegentreten, und seinen Gegensatz zu dem meinigen ohne allen Zusatz hier aufstellen. Er behauptet: Es giebt keine wahre, echte Offenbarung im eigentlichen Sinne des Wortes. Diese Lehre vom Nichtsein einer wirklichen Offenbarung und einer zureichenden Gotteserkenntniß mittelst der uns eingeborenen Erkenntniß wird nun allmalig vom Hrn. Verf. vorbereitet, vermittelt, und tritt endlich in bestimmten Worten hervor in §. 41, der von Abraham handelt. Hier heißt es (p. 457): „Die heilige Schrift sagt nichts davon, wie Abraham aus dem Heidenthume heraus und zur Erkenntniß des Einen ewigen Gottes gekommen sei; aber wohl sagt sie, daß er ursprünglich ein Heide gewesen . . . (Jos. 24,2) . . . Jeder Mensch, der Gott sucht, findet ihn, weil in dem Schicksal eines Jeden Gott für den aufrichtig nach der Wahrheit strebenden deutlich genug redet". Es kann uns hier vorläufig nur darauf ankommen, daß Satz und Gegensatz, Es ist Offenbarung und. Es ist nicht Offenbarung, in aller Schärfe einander gegenüber stehen. Damit wird gewiß auch keiner sich zufriedener bezeugen, als mein ehrenwerther Herr Gegner. Denn nur dadurch können wir uns rechtlich auseinandersetzen, und unsere verehrten Leser in den Stand, sich für das Eine oder das Andere zu bestimmen. Was ich in der Folge noch gegen oder über die Lehren des Autors zu berichten haben dürfte, das wird sich später finden. Fürs erste habe ich zweierlei darzuthun, erstlich habe ich nachzuweisen, daß, falls ich mich in einem Irrthum befände, dieser doch nicht als eine Vereinbarung unserer heiligen Religion mit dem Unverstände — wovor der Himmel mich bewahren solle! — zu begreifen wäre, und darauf: was für Gründe mich zur Annahme einer solchen, dem Nationalismus widerwärtigen Lehre bestimmt haben. Ich bitte mir eine hinreichende Aufmerksamkeit von unfern Richtern aus, nach gehöriger Auseinandersetzung der Principien, wird sich die Reihe von Konsequenzen in ihrer Wahrheit oder Unwahrheit desto leichter und sicherer überschauen lassen. Zur Sache! Wir wollen an eine Thatsache aus dem Seelenleben anknüpfen. Auch hiergegen bürste unser Autor nichts einzuwenden haben, wenn ihm Religion eine Anthropologie ist. Es 20 *