Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1844)
- Date
- 1844-05-14
- Page
- Seite 155 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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155 schäften des Hrn. S. und der zu erwartenden Leistung desselben weniger besorgt. Lächelten auch die Sachverständigen über die von freundlicher Hand ausgegangenen Anweisungen der exegetischen Verdienste des Mannes; hat er auch nicht die talmudische Theorie, noch weniger die Praxis, die man von einem Rabbiner zu fordern berechtigt ist, so hat er doch klassische Bildung genug, um mit Hilfe eines zweckdienlichen Anstrichs von Fanatismus auf der neuerbauten Kanzel vor Empfänglichen glänzen zu können. Er soll auch ein Talent in der geistlichen Mimik besitzen, weitausreichend, um die Zügel des Predigtamtes mit Glück in einer Gemeinde zu ergreifen, die aus Gleichgiltigkeit gegen jüdisches Wissen und Leben so bescheiden in ihren Anforderungen ist. Bei Mm dem waren die energischen Freunde doch bis jetzt noch nicht dahin gelangt, die Anerkennung des hohen Werthes jener Eigenschaften durch den wohlklingenden Ausdruck eines hohen Gehaltes durchzusetzen. Gleich nachdem die verabredete Wahl beendigt war, traten die Herren L. und V. mit dem Antrag hervor, für den neuen Rabbinatsassessor einen jährlichen Gehalt von 1500 Thlr. festzustellen, fanden aber nur bedingten Beiftll. Freilich ist die Gemeinde reich genug, ihren ersten Prediger so glänzend zu besolden, aber dennoch machte diese Forderung großes Aufsehen, da der Abstand zwischen diesem verlangten Gehalte und dem Gehalte anderer Beamten der Gemeinde so kolossal ist. Zunz, der berühmte Gelehrte, der Vorkämpfer für's Judenthum, der seil 25 Jahren der Gemeinde in den verschiedensten Dienstleistungen seine Kräfte weihte, dieser Zunz wird mit einem Gehalte wie der zweite Schächter abgespeist! Unsere Herren Vorsteher sind in der Nachahmung christlicher Weisen sonst sehr gelehrig, sind sogar begierig den verjüngten Pietismus der Friedrichstadt nach der Hegdereuter-Gasse zu verpstanzen, aber in der Nachahmung der Christen, wissenschaftliche und praktische Verdienste zu würdigen, sind sie noch etwas stark zurück. Die christlichen Schullehrer, sowohl in den königlichen, wie in den städtischen Anstalten, werden nach Maaßgabe ihres schweren Dienstes, ihrer Verantwortlichkeit, und mit Rücksicht auf ihre wissenschaftlichen Stellungen anständig besoldet, während die Prediger, in Betracht eines nicht so anstrengenden Dienstes sich mit verhältnißmaßig geringerem Gehalte bescheiden. S-—g. Oesterreich. Wien, 3. Mai. Den 7dieses Monats, nämlich am 33. Omer, wird die neue Lehrschule und die damit verbundene Kleinkinderbewahranstalt in Preß bürg, zu deren Fondirung der hiesige Großhändler Hr. Hermann To des ko ein Kapital von 20,000 Gulden C.-M. gespendet, emgeweihet. Für die reiche Beisteuer des Hcn. Todesko, der als Wohlthättr überhaupt sich auszeichnet, ist ein sehr schönes Haus als Lokal für beide Anstalten angeschafft worden. Zu dieser Feierlichkeit reist Hr. Dr. Mannheimer nach Preßburg, um die Einweihungsrede zu halten und ihn begleitet Hr. Sulz er, um dieses Fest durch eigens hierzu komponirte Psalmen zu verschönern. Zur Steuer der Wahrheit verdient es der öffentlichen Erwähnung und Würdigung, daß das Judenthum unsrer Zeit wenige wohlthatige Männer wie Todesko aufweisen kann, die dabei so anspruchlos und mit jeglicher Vermeidung alles Prunkes die Saaten ihrer Wohlthaten ausstreuen. Möge er den Blüthenstand seiner edlen Stiftung schauen! Prag, 1. Mai. In einer meiner frühem Mittheilungen (Orient Nr. 7) habe ich darauf hingewiesen, wie nothwendig es für das Wohl der böhmischen Juden sei, daß sie sich mit böhmischer Sprache und Literatur beschäftigen. Wenn ich mich auf die Stimmung unserer Juden verstehe und dem Stadtgespräche Glauben.schenken darf, so geht man damit um, in unserer Hauptschule für den Unterricht der böhmischen Sprache Sorge zu tragen. Wenn die Worte wirklich durch die That bekräftigt werden, so ist dies sehr erfreulich, und kann man sich von diesem Schritte viel Gutes für die böhmischen Juden überhaupt versprechen. Das gemeinsame Streben in Erforschung der Sprache und Literatur wird eine geistige Annäherung zwischen Juden und Christen bewirken, und der geistige Verkehr wird auch das sociale Band fester machen. Allein auf zwei Punkte muß hier aufmerksam gemacht werden. Es leben viele Schwachköpfe in unserer Gemeinde, die vom Studium der böhmischen Sprache, als der Regierung nicht gar genehm, abmahnen werden. In ihrer Furcht werden sie glauben, den Unwillen der Regierung auf sich zu ziehen, wenn die christlichen Böhmen in deren unermüdlichem Streben für Förderung der Muttersprache von den jüdischen unterstützt werden. Diese zaghaften Herren brauche ich nur auf unfern geliebten Landeschef zu verweisen, der selbst schon mehrfache Beweise gegeben, wie sehr er die Sprache seiner Untergebenen schätze. — Der zweite Punkt ist, daß die Beschäftigung mit böhmischer Sprache und Literatur nicht in eine Slawomanie ausane. Die Juden sind nur zu oft geneigt, um ihren vaterländischen Sinn zu bekunden, jede Selbstständigkeit zu verläugnen und sklavenmäßig jede beliebige Form anzunehmen. Unsere Juden sollen und müssen die böhmische Sprache und Literatur studiren; sie dürfen aber auch nicht, wie es bis jetzt geschieht, die hebräische vernachlässigen. Es könnten doch wenigstens die hebräischen Gebete in der Schule übersetzt werden. Uebrigens wundert es uns, daß Hr. Dr. Wessely — der wahrscheinlich auch das erledigte Direktorat übernehmen wird — diesem Gegenstände nicht mehr Aufmerksamkeit schenkt. 20 *