Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1844)
- Date
- 1844-05-07
- Page
- Seite 150 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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150 malige Ruflösung des religiös- und volksthümlrch - selbstständigen Judenthumsin christlichen Staaten unvermeidlich sei, so haben wir darauf zu erwiedern, daß eine Nation ihre Aufnahme mit gleichen Rechten bei einer anderen gerechter Weise nur dann verlangen kann, wenn sie zur unbegrenzten Mischung mit dieser bereit ist, und daß sie ohne diese Bereitwilligkeit ein, auch für sie unheilschwangeres Unding, den Staat im Staate, in Anspruch nimmt. Alle in anderen christlichen Ländern den Luden vollständig bewilligten gleichen Rechte laufen wie bekannt auf die mehr oder weniger verdeckte Absicht jener allmätkgen gänzlichen Mischung hinaus. Was sie verdeckt wollen, wollen wir offen und ehrlich. Entweder die Juden behalten ihre vollkommene Eigentümlichkeit, worüber ihnen unsrer Seits auch nicht der leiseste Vorwurf gemacht .werden kann, noch soll, und gelten dann unter uns als Gäste, oder sie geben jene — und zwar nicht blos im billigen Verhältnisse der Minderzahl zur Mehrzahl, sondern auch weil sie Iben zugewanderten Th eil ausmachen— auf, und treten damit in alle Rechte des Staatsbürgers ein. Im letzteren Falle gebührt ihnen, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, volles Hausrecht, in ersterem nur volles Gastrecht. Ihnen allein würde, wenn es nach unserem Vorschläge gehen könnte, die Wahl zwischen Hausrecht oder Gastrecht bleiben, weßhalb hoffentlich ein Vorwurf die Härte oder Lieblosigkeit der oben entwickelten Ansicht nicht gemacht werden wird. Ob der Schritt der Stadtverordneten übrigens mit oder ohne Erfolg geschehen sein wird, bleibt höherer Einsicht anheimgestellt. Uns lag nur ob, auszuführen, was wir recht erkannt. Bedürfte es einer Rechtfertigung der hiesigen Stadtverordneten-Versammlung von ihren jüdischen Mitbürgern, genügte diesen wider Erwarten die billige Frage nicht, was sie in gleicher Lage wünschen und thun würden, so könnte die Versammlung 'jene in einem, mit obigem gleichzeitigen Anträge an den Wohllöblichen Magistrat finden, es möchte derselbe womöglich durch Einigung mit hiesiger Judenschaft geneigte Sorge dafür tragen, daß die jüdischen und christlichen Kinder unseres Ortes gemeinschaftlichen Schulunterricht'genössen und daß den jüdischen Kindern ein abgesonderter regelmäßiger Unterricht in ihrer Religion ertheilt werde. Die Ausführung dieses Vorschlages unterblieb vorläufig nur wegen nicht möglicher Einigung mit dem Wohllöbl. Magistrate. Kofel (in Oberschlesien), 18. April. (Schluß.) Seit 1812, wo in gewerblicher Beziehung die Luden mit den Christen ganz gleichgestellt sind, haben sich sehr viele den Wissenschaften, Künsten und Handwerken zugewendet. Eine nicht unbedeutende Anzahl Jünglinge besucht die Gymnasien, und es ist nichts Seltenes, daß Juden unter den vorzüglichsten genannt werden, obschon sie leider keine Ermunterung finden, da sie auch Anstellung nicht erhalten können. Auch zählen wir einige geschickte Maler, worunter Balschawak aus Tost, T. Muhr aus Pleß, gegenwärtig in München, zu den erfreulichsten Hoffnungen berechtigen. Desgleichen fehlt es nicht an Handwerkern aller Art, ja selbst an solchen, die große Kraftanstrengung erfordern. Ln neuester Zeit ergreifen nicht wenige das Maurer- und Zimmerhandwerk. Steht auch die Zahl der Handwerker nicht im Verhältnis; zu der der andern Religionsparteien, so ist die progressive Zunahme groß genug; so daß nach einigen Iahrzehnden sich das Verhältniß ausgleichcn dürste. Eben so hat sich eine bedeutende Zahl nicht ohne Glück und Geschick dem Grundbesitz zugewendet, und wir zählen mehre sehr bedeutende Gutsbesitzer, welche durch ihre Tüchtigkeit sich als Oekonomen, Hüttenmänner, Schaafzüchter rc. auszeichnen; sehr viele betreiben Eisen-, Zink-, Glas- und Oelfabrikation, Erzförderung, Gärbereien, Vrau- und Brennereien, Posthaltereien, Seifensiedereien, Webereien. Ln Neustadt, wo letzterer Zweig ganz darniederlag, hat ein Lude durch Etablirung einer Damastweberei dieser Industrie einen ungemeinen Aufschwung gegeben, so daß jetzt eine sehr große Zahl Arbeiter-beschäftigt werden. Die Schattenseiten derartiger von den Luden betriebener Industrie, und um so tadelnswerther und verwerflicher, als es die einzige triftige Anklage der Judenfeinde bleibt, ist der Umstand, daß — mit Ausnahme der jüd. Handwerker - Luden selbst als Arbeiter bei allen genannten größern Fabrikationen selten angetroffen werden. Dies hat freilich keineswegs in der Natur des Juden seine Begründung, sondern lediglich darin, daß die wenigen — so wie dies auch bei denjenigen Christen der Fall, welche nicht aus der arbeitenden Klaffe stammen — ihre Kinder hierzu nicht hergeben und erziehen wollen. Die Armen hingegen, verlassen sich auf die nieversiegende Unterstützung, auf die bis an Schwäche grenzende Mildthätigkeit ihrer vermögenden Glaubensgenossen. Würde ihnen diese nicht reichlich zufließen, so würden sie schwerlich vorziehen, sich eher durch das Leben zu betteln, als ihre Arbeitsscheu zu überwinden. Daher sicht man nach allen Richtungen unwillenerregende Gruppen jüdischer Bettler, welche das Land — gegen alle polizeilichen Gesetze — durchstreichen. Ein Umstand, welcher allerdings eben so wenig wie der verwahrloste Gottesdienst geeignet ist, einen günstigen Refler auf das gesammte Judenthum zu werfen, oder die bestehenden Vorurthekle und Antipathien vieler Christen zu verscheuchen. Die Polizeibehörden nehmen deshalb wenig Notiz von diesem Unwesen, weil der jüdische Bettler ja nur die jüdischen und keineswegs die christlichen Einwohner belästigt.' Hierdurch wird aber der Faulheit, Arbeitscheu und allen Lastern Thor und Thür geöffnet, und wenn nicht Mittel angewendet werden, welche den übelangewandten und falschgeleiteten Wohlthätigkeitssinn eine andere Nahrung geben, so muß es dazu kommen, daß dieser Krebsschaden unheilbar wird. Es sind in neuester Zeit so viele Lebensfragen angeregt, so mannigfache nützliche Vereine ins Leben gerufen worden, sollte es nicht möglich sein, Vereine zu bilden, welche dahin zielen: 1) keinem arbeitsfähigen Armen eine Unterstützung zu reichen, 2) denjenigen, welche arbeiten wollen, nach Möglichkeit Verdienst zuzuwersen, sich bei Behörden, Bau-Unternehmern rc.