Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1844)
- Date
- 1844-04-30
- Page
- Seite 142 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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142 langen des Rabbinats;u Füclh nachgeholt wurde. — Wenn nun auch die Folgerungen, welche die Reformfreunde aus diesen Worten gezogen, sophistische Schlüsse sind, so hat doch das Fürthec Rabbinat die Lehre: „Lehrer, seid vorsichtig in euren Worten" übersehen. Uebrigens muß man es auffallend finden, daß die Reformfreunde auf diese schwache Stütze einer unwissenschaftlichen Anmerkung sich lehnen, und das Urtheil der wissenschaftlichsten Rabbinen verachten. Kosel (in Oberschlesien), 18«. April. Während der „Orient^ Mittheilungen über Zustände der Juden aus fast allen Winkeln der Erde bringt, selbst aus Amerika und aus Botani Bai Kunde herbeiholt, vermißt man noch immereinen größer» Bericht aus unserem Oberschlcsien, einer Provinz, die nächst Posen die zahlreichste jüdische Bevölkerung im Preußischen Staate hat. Die Folge hiervon ist, daß den Lesern Ihrer Zeitung Oberschlesien als ein unbekanntes Land erscheint, dessen jüdische Einwohner noch auf einer sehr niedrigen Stufe der Erkenntniß stehen. Und doch darf dieser Umstand weniger der Theilnamlosigkeit der oberschl. Juden an den Zuständen ihrer Glaubensbrüder von Nahe und Fern, dem müßigen Zusehen der überall sich manifestirenden Erscheinungen im Judenthume — wie dies noch schwerlich eine Epoche seit dem Aufhören seines Staatenlebcns aufzuweisen hat — zugeschrieben werden, als vielmehr einer gewissen Blödigkeit des Oberschlesiers j welcher derartige Veröffentlichungen gern Kundiger» überläßt, und welcher sich überhaupt scheut, sich an die Oeffentlichkeit zu drängen. Dies erwägend, will ich, selbst auf die Gefahr hin als anmaaßend zu gelten, es versuchen, einige wenn auch nur flüchtige Skizzen über die Juden in Oberschlesien mitzutheilen. — Die religiösen Zustände bieten noch immer einen sehr trüben Prospekt dar. Ganz in der Art-wie bei unsern Altfordern in ihrem traurigen und rechtlosen Zustande, ist für die Belehrung, die Andacht, die Würde des Gottesdienstes, bis jetzt fast noch nichts geschehen. Wenn aber bei Jenen Innigkeit des Gefühls und tiefe Zerknirschung bei der Andacht den äußern Anstand entbehrlich, ja überflüssig machte, so bildet bei uns der jüdische Gottesdienst, dem obige Requisiten abgehen, ein Zerrbild, das nur demjenigen nicht widerwärtig sein kann, der von seiner Jugend daran gewöhnt ist, einen veredelten Kultus noch nicht gesehen. Natürlich nehmen Jndifferentismus und Flachheit der Gesinnung, namentlich bei der jungen Generation, nur zu sehr überhand. Wie ist dem aber auch abzuhelfen, so lange uns eine kirchliche Obrigkeit fehlt, ja selbst die geringste Neuerung polizeilich verboten ist; die Stabilen, welche bei uns die Mehrzahl bilden, in ihren Rechten sind, und aller Spott und Hohn sie aus ihrer Starrsucht nicht aufzurütteln vermag. Erst vor Kurzem hatten wir hierorts (und wohl auch an andern Orten) die Kränkung zu erfahren, daß von höherer Behörde dem Magistrat nachstehende Frage zur Beantwortung vorgelegt worden ist: „Ob das jüdische Bethaus sich auf einem Platze befinde, wodurch für die Nachbarn und Vorübergehenden Störungen entstehen, und ob in diesem Falle das Lokal nicht zu verlegen sei". Obschon diese Frage, von wenig Schonung für eine zahlreiche Einwohnerklaffe zeugt und daher von dem liberalen Magistrat dahin beantwortet worden, daß der jüdische Gottesdienst Niemanden anstößig sein könne; denn so geräuschvoll er auch sei, so wäre es der christliche nicht minder, da zu dem Gesänge auch noch die Töne der Orgel sich gesellen: so muß man doch gestehen, daß jene Rücksichtslosigkeit nicht ganz unverdient trifft, und wie jedesUebel auch hier sein Gutes mit sich führen sollte, nämlich den Sinn für Anstand im Gotteshause zu wecken. Doch derartige Püffe prallen an der felsenfesten Stätigkeit wirkungslos ab. Ebenso wie im Gottes- Hause wird von den Orthodoxen im häuslichen Leben die Religion noch nach altem Schlendrian gehegt, und auch nicht die geringste Observanz, sei sie auch noch so zeitwidrkg, außer Acht gelaffen» Diesen Ultras stehen die Radikal-Reformer, Antirabbinisten und Jndifferentisten ganz feindlich entgegen; dasselbe Bild der Zerrissenheit darbietend, wie den Lesern dieses Blattes von allenthalben mitgetheilt wird. Auch hier lebt man im Tröste, daß der Staat seines eigenen Vortheils wegen, diesen Halbheiten, dieser Verwirrung ein Ende machen, und zur Belebung eines religiösen Lebens, eines geregelten Gottesdienstes gesetzliche und übereinstimmende Anordnungen treffen wird, wozu bereits Einleitungen auch in Oberschlesien getroffen werden. Aller gedachter Wirren ungeachtet bricht sich ein besserer Sinn, eine heiterere Richtung doch gewaltsam Bahn, gelangen einzelne Gemeinden zur Erkenntniß ihres Zustandes, indem sie mit Nachdruck und nicht ohne große Opfer, ihre religiösen und gottesdienstlichen Angelegenheiten zu bessern und zu ordnen suchen. Einen schönen Anfang hat die Judengemeinde in Oppeln gemacht, dadurch, daß sie einen geschmackvollen Tempel erbaut, den Chorgesang einführt und einen wissenschaftlich gebildeten Rabbiner anstellt rc. Minder düster als die religiösen Zustände erblicken wir die politischen in Oberschlesien. Bleibt auch bei der Unvollkommenheit der menschlichen Natur gar Vieles noch hierin zu wünschen übrig, so ist die Unduldsamkeit gegen die Juden im Allgemeinen in Oberschlesien weit geringer, als wir sie in Gegenden finden, wo Juden in minderer Zahl sind. Die Erfahrung lehrt es täglich,^ daß Christen ihre Bedürfnisse eben so gern von Juden kaufen, als von Christen; daß der Gutsbesitzer, der Bauer eben so willig seine Produkte dem Juden wie seinen eigenen Glaubensgenossen verkauft, ohne Uebervortheilung zu befürchten. Eben so wenig zieht der Dienstbote, der Arbeiter, den Dienst, die Arbeit bei dem Christen, dem des Juden vor. Nicht minder wird die Hilfe des jüdischen Arztes (deren es in Obcrschlesicn mehr denn 30, welche meist stark beschäftigt sind, giebt) deshalb weniger ge-